Sozialforschung / Migration

Deutschland hat eine noch junge Willkommenskultur

Schild auf dem Herzlich Willkommen steht

Die Skepsis gegenüber Migration ist nach den Turbulenzen der Fluchtzuwanderung im Jahr 2015 gesunken, bleibt aber hoch. Gleichzeitig sieht eine große Mehrheit die Vorteile der Einwanderung für die Wirtschaft. Einen optimistischen Blick auf Migration und Integration haben in Deutschland vor allem junge Menschen. Zu diesen Ergebnissen kommt die Bertelsmann Stiftung auf Basis einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage.

Die Menschen in Deutschland begegnen Migration heute nach der „Fluchtkrise“ mit Skepsis und Pragmatik. Einerseits sind zwei Drittel der Bevölkerung der Ansicht, Einwanderer seien vor Ort willkommen. Fast 80 Prozent nehmen auch eine Offenheit in den kommunalen Behörden wahr. Dass Einwanderung einen positiven Effekt auf die Wirtschaft hat, denken 65 Prozent der Menschen. Die Ansicht, Deutschland habe bei der Aufnahme von Flüchtlingen seine Belastungsgrenzen erreicht, wird – anders als 2017 – nicht mehr von einer Mehrheit vertreten. Andererseits sind auch skeptische Einschätzungen weit verbreitet. So finden 52 Prozent, es gäbe zu viel Einwanderung.

Die Folgen von Einwanderung sehen die Menschen in Deutschland ambivalent, wobei sich negative Einschätzungen gegenüber 2017 abschwächen. 67 Prozent meinen, Migration mache das Leben interessanter, und 64 Prozent sehen Einwanderung als Mittel gegen die Überalterung der Gesellschaft. Immer mehr Menschen in Deutschland bevorzugen den Zuzug ausländischer Fachkräfte als Strategie gegen den Fachkräftemangel. Andere Strategien gegen den Fachkräftemangel wie eine höhere Erwerbsquote von Frauen oder eine längere Lebensarbeitszeit finden weniger Zustimmung.

Gleichzeitig werden auch kritische Töne gegenüber Einwanderung laut. So glauben 71 Prozent, der Zuzug aus dem Ausland würde die Sozialsysteme belasten, und gut zwei Drittel sehen die Gefahr, dass es zu Konflikten zwischen Eingewanderten und Einheimischen kommt. Eine Mehrheit befürchtet, zu viele Migranten würden die Wertvorstellungen des Aufnahmelandes nicht übernehmen. Für Jörg Dräger, Vorstand unserer Stiftung, belegen die Ergebnisse einerseits die Ambivalenz der Bevölkerung gegenüber Migration, stellen andererseits aber auch eine Normalisierung dar: „Deutschland hat den Stresstest der Fluchtzuwanderung ab 2015 gut gemeistert und stabilisiert sich als pragmatisches Einwanderungsland. Die Bevölkerung hat die Herausforderungen von Migration klar vor Augen, sieht aber auch die Chancen für eine alternde Gesellschaft.“

Bildung, Alter und regionale Herkunft beeinflussen die Offenheit der Menschen

Die Willkommenskultur ist in Deutschland unterschiedlich stark ausgeprägt, abhängig von demographischen und regionalen Faktoren. Deutlich wird: Je höher die Bildungsabschlüsse der Befragten sind, desto offener sind sie für Migration.

Vor allem junge Menschen haben einen positiveren Blick auf Einwanderung. Sie vermuten deutlich weniger Belastungen durch Migration, weder für den Sozialstaat noch bei der Wohnungsnot. Sie fokussieren die Chancen und erfreuen sich mit großer Mehrheit an einer bunten Gesellschaft. Auch die positiven Effekte der Zuwanderung schätzen sie optimistischer ein. „Deutschland ist ein junges Einwanderungsland mit einer jungen Willkommenskultur“, so Dräger. Denn erst seit kurzem bekenne sich Deutschland, ein Einwanderungsland zu sein, die junge Generation sei zudem besonders offen für Migration. Die Einstellung der Jugend ähnelt bereits in Teilen den Überzeugungen der Menschen im klassischen Einwanderungsland Kanada. Anders als bei den Älteren glauben mit 43 Prozent weniger der jungen Menschen, es gebe zu viel Einwanderung. In Kanada sind es altersübergreifend 35 Prozent.

Auch regionale Unterschiede spielen eine Rolle. Ostdeutschland blickt skeptischer auf Einwanderung als Westdeutschland. Beispielsweise meinen 83 Prozent der Befragten im Osten, Migration belaste den Sozialstaat, während es im Westen 68 Prozent sind. Allerdings ist auch im Osten eine Mehrheit von 55 Prozent der Ansicht, Einwanderung habe einen positiven Effekt auf die Wirtschaft – im Westen sind es 67 Prozent.  „Migration ist heute in Deutschland Alltag. Aber nicht alle Menschen haben den gleichen Blick auf Migration“, so Dräger. „Der direkte Kontakt zwischen Einheimischen und Einwanderern kann Vorbehalte abbauen.“

Migration besser steuern und Zivilgesellschaft stärker einbinden

Der Skepsis gegenüber negativen Auswirkungen von Migration könne, so Dräger, durch eine bessere Steuerung begegnet werden. Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das qualifizierten Einwanderern im akademischen und beruflichen Bereich den Zuzug nach Deutschland erleichtert, sei deshalb ein richtiger Schritt.

Ein besseres Management sei auch im Fluchtbereich möglich, unterstreicht Dräger. So könnten planvoll sichere Fluchtwege für besonders schutzbedürftige Geflüchtete über Resettlement-Programme eröffnet werden. In anderen Ländern wie den USA oder Kanada, gibt es schon lange solche Aufnahmeprogramme, in die die Zivilgesellschaft einbezogen wird. Auch in Deutschland könnte die Offenheit von weiten Teilen der Bevölkerung seitens des Staates aufgegriffen werden. Es gilt, bürgerschaftliche Gruppen systematisch bei der Aufnahme und Integration von Geflüchteten einzubinden.

Hintergrundinformation zur Studie

Unsere aktuelle Studie „Willkommenskultur zwischen Skepsis und Pragmatik: Deutschland nach der „Fluchtkrise“ basiert auf einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die Kantar-Emnid vom 1. bis 15. April 2019 durchgeführt hat. Befragt wurden 2024 Personen der deutschsprachigen Bevölkerung in Privathaushalten ab 14 Jahren in Deutschland. Durch Vergleiche mit vorherigen Umfragen zur Willkommenskultur im Oktober 2012, Januar 2015 und Januar 2017 durchgeführt wurden, sind Aussagen über Trends und Entwicklungen bei den Einstellungen gegenüber Migration, Flucht und Integration möglich. Erstmals wurden auch ausgewählte Fragen aus der Umfrage in Kanada gestellt im Rahmen der jährlichen repräsentativen Erhebung von Einstellungen zu Migration und Integration durch das kanadische Umfrageinstitut Environics in Toronto. Dadurch sind Vergleiche zwischen Deutschland und Kanada möglich.

Quelle: Bertelsmann Stiftung vom 29.08.2019

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