Sozialforschung / Sozialpolitik

Alterung der Gesellschaft führt zu hohen Wohlstandseinbußen in Deutschland

Spielfiguren stellen eine Gesellschaft dar

Die Erwerbsbevölkerung in Deutschland wird in den nächsten 20 Jahren voraussichtlich stark altern und schrumpfen. Dies wird sich negativ auf das Wirtschaftswachstum und die durchschnittlichen Einkommen auswirken. Mehr Investitionen in Automatisierung und Kommunikationstechnologien könnten diese Entwicklung kompensieren. Welche Wohlstandseinbußen drohen und in welchem Umfang Investitionen nötig wären, hat eine neue Studie untersucht.

Durch die Alterung der Gesellschaft werden für Deutschland massive Wohlstandsverluste entstehen: Im Jahr 2040 wird sich das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Preisen von 2010 um voraussichtlich 274 Milliarden Euro insgesamt und rund 3.700 Euro pro Kopf reduzieren – mit anschließend weiter fallender Tendenz. Deutlich höhere Investitionen in Digitalisierung und Automatisierung als in der Vergangenheit könnten diese Entwicklung ausgleichen.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie, für die das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung Wien (WIFO) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung die Folgen der demografischen Alterung für die Produktivitätsentwicklung, das Wirtschaftswachstum und weitere makroökonomische Größen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Österreich, den USA und Japan bis 2040 und darüber hinaus berechnet hat.

Deutschland im internationalen Vergleich mit dritthöchsten Wohlstandseinbußen

Von den sieben untersuchten Ländern wird Deutschland im Jahr 2040 laut Studie die dritthöchsten Einbußen des Pro-Kopf-Einkommens (3.716 Euro) hinnehmen müssen. Nur in Japan (6.467 Euro) und in Österreich (4.223 Euro) werden die Einbußen noch höher sein. Am wenigsten trifft der demografische Wandel die USA (2.196 Euro). Um die erwarteten Einbußen zu berechnen, nutzen die Autoren ein Szenario als Vergleichsbasis, in dem die Bevölkerung auf dem Stand von 2018 „eingefroren“ wird und der prognostizierte demografische Wandel der nächsten Jahrzehnte ausbleibt.

„Das verhältnismäßig gute Abschneiden der Vereinigten Staaten ist vor allem auf eine günstigere Bevölkerungsentwicklung durch mehr Zuwanderung und höhere Geburtenzahlen zurückzuführen. Die USA sind in unserer Auswertung das einzige Land, in dem die Erwerbsbevölkerung in den nächsten 20 Jahren wächst und nicht altert“, erklärt die Demografieexpertin und Studienleiterin Martina Lizarazo López. „In Deutschland schlägt vor allem die jahrzehntelang sehr niedrige Geburtenrate zu Buche. Die Erwirtschaftung unseres Wohlstands lastet in Zukunft auf immer weniger Schultern“, so Lizarazo López.

Grund für die Wohlstandseinbußen ist insgesamt ein Wandel der Erwerbsbevölkerung: Immer weniger Personen im Erwerbsalter stehen immer mehr Rentnern gegenüber. Aber auch die Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung wandelt sich: In den nächsten zehn bis 20 Jahren wird in fast allen untersuchten Ländern der Anteil älterer Menschen (55- bis 64-Jährige) an der Erwerbsbevölkerung zunehmen. Da empirisch betrachtet die individuelle Produktivität eines Menschen ihren Höhepunkt im Lebensalter von etwa 50 Jahren erreicht und danach langsam zurückgeht, wirkt sich dies negativ auf die Arbeitsproduktivität der gesamten Wirtschaft aus.

Mehr Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien nötig

Dass die Erwerbsbevölkerung absehbar schrumpft, erhöht für Unternehmen allerdings den Anreiz, verstärkt in Automatisierung und Digitalisierung zu investieren. Mit diesem so genannten arbeitssparenden technologischen Fortschritt können sie fehlende Arbeitskräfte kompensieren und die internationale Wettbewerbsfähigkeit bewahren.

Doch um in Deutschland die Wohlstandseinbußen pro Einwohner allein durch den verstärkten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie Software zu kompensieren, müssten öffentliche und private Investitionen in Zukunft deutlich steigen: von etwa 53 Milliarden Euro im Jahr 2018 kontinuierlich auf fast 123 Milliarden Euro bis zum Jahr 2040, gerechnet in Preisen des Jahres 2010.  Das heißt, der Anteil der Investitionen in IKT und Software am gesamten Kapitalbestand der Volkswirtschaft müsste sich fast verdreifachen.

„Da die demografische Alterung in der Vergangenheit noch eher moderat war, richteten sich die Investitionsentscheidungen der Unternehmen bisher eher auf die Optimierung von Produktionsabläufen und die Entwicklung neuer Produkte, weniger auf den arbeitssparenden technologischen Fortschritt“, erklärt Thomas Url vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung und warnt: „Verharren die Investitionen auf dem Niveau der Vergangenheit, sind hiervon langfristig keine positiven Effekte auf die Folgen des demografischen Wandels zu erwarten.“ Damit mehr in Digitalisierung und Automatisierung investiert werden kann, sei eine flächendeckende und moderne digitale Infrastruktur allerdings die Grundvoraussetzung, ergänzen die Autoren.

Neben mehr Investitionen in IKT und Software seien aber auch Maßnahmen notwendig, die mehr Menschen in Arbeit  bringen und insbesondere die Produktivität im höheren Erwerbsalter erhalten, so Martina Lizarazo López: „Hierzu zählen neben einer Verbesserung des Bildungs- und Qualifikationsniveaus über den gesamten Lebensverlauf vor allem auch solche betrieblichen Maßnahmen und Rahmenbedingungen, die dafür sorgen, dass Arbeitskräfte auch im fortgeschrittenen Alter noch körperlich fit und gesund sind.“  

Hintergrundinfos

Die Studie „Macroeconomic Consequences of Ageing and Directed Technological Change“ knüpft an die Methodik des EU-Ageing-Reports an und erweitert diese, indem sie berücksichtigt, wie die Veränderung der Größe und Zusammensetzung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter auf das Produktivitätswachstum wirkt und Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien sowie in Software als Maß für den arbeitssparenden technologischen Fortschritt beeinflusst. Darüber hinaus ermittelt sie die Effekte der demografischen Alterung auf die gesamtwirtschaftliche Spar- und Investitionsquote, die Inflationsrate sowie die Leistungsbilanz.

In der Studie werden die größten Mitgliedsstaaten der EU (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien), Österreich als Beispiel für eine kleine offene Volkswirtschaft sowie Japan und die USA betrachtet. Der Untersuchungszeitraum reicht bis 2050. Die der Studie zugrundeliegenden Bevölkerungsvorausberechnungen entsprechen den aktuellen Bevölkerungsprojektionen von Eurostat und den Vereinten Nationen.

Quelle: Bertelsmann Stiftung vom 12.12.2019

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