DJI-Studie

Mehr Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien fühlen sich einsam

Ein kleines Kind steht in einem Raum an einer Fensterfront, die vergittert ist, und schaut nach draußen
Bild: Monika Pot - unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Wie unterschiedlich sich die erste Phase der Krise auf das Wohlbefinden der Kinder auswirkte und welche Lehren sich daraus für die aktuelle Situation ziehen lassen, zeigt eine DJI-Studie.

Kinder aus Familien in schwieriger finanzieller Lage traf die Pandemie im Frühjahr 2020 besonders stark: Unter ihnen fühlten sich mehr Kinder einsam als in Familien, die angaben, von ihrem Einkommen gut leben zu können (48 vs. 21 Prozent). Außerdem hatte ein größerer Anteil der Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien in auffälligem Maße mit emotionalen Problemen wie Niedergeschlagenheit, Ängsten und Sorgen (44 Prozent vs. 18 Prozent) sowie Hyperaktivität (39 Prozent vs. 22 Prozent) zu kämpfen – und zwar umso mehr, je angespannter die Eltern ihre wirtschaftliche Situation empfanden.

Das zeigen die Ergebnisse der Studie „Kind sein in Zeiten von Corona“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI), an der sich zwischen Ende April und Ende Mai 2020 deutschlandweit mehr als 12.000 Eltern von Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren beteiligt haben. Im Anschluss an die Online-Befragung interviewten die Forschenden in 21 Familien ein Kind im Alter von sechs bis 14 Jahren und jeweils ein Elternteil ausführlich.

„Familien mit finanziellen Sorgen haben sich an unserer Studie nur unterdurchschnittlich stark beteiligt. Dennoch zeigen die Daten, dass sie mehr unter der Pandemie leiden“, sagt Studienleiterin Dr. Alexandra Langmeyer. Sie führte zusammen mit weiteren Forschenden aus der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern“ des DJI die Studie durch und fordert: „Gerade jetzt sind politische Maßnahmen wichtig, die Familien finanziell entlasten und sozialen Unterschieden entgegenwirken“. Auch der Bildungsgrad der Eltern spielt eine Rolle dabei, wie Kinder einen Lockdown bewältigen: Bei der DJI-Befragung gaben mehr Eltern mit maximal mittlerem formalem Bildungsabschluss an, dass ihre Kinder Schwierigkeiten hatten, als Eltern mit hohem Bildungsabschluss (42 Prozent vs. 29 Prozent).

Gegen Einsamkeit hilft der Kontakt zu Bezugspersonen in Kita und Schule

Die Studienergebnisse machen deutlich, was zu einer guten Krisen-Bewältigung betragen kann: Der Anteil der Kinder, die mit der Situation gut zurechtkamen, war unter denjenigen höher, die Geschwister zum Spielen und zum Aufmuntern haben (70 vs. 66 Prozent) und bei denjenigen, die in regelmäßigem Kontakt mit ihren Großeltern standen (71 vs. 56 Prozent). Unter den Kindern in der Sekundarstufe hatten diejenigen Vorteile, die mit Freunden (70 vs. 66 Prozent) und Lehrkräften (73 vs. 64 Prozent) im Austausch blieben. Alle Kinder und Jugendlichen fühlten sich durch häufige Kontakte zu pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften zudem weniger einsam (20 vs. 35 Prozent). Das zeigen die Einschätzungen der Eltern ebenso wie die der Kinder und Jugendlichen selbst.

Auf dieser Basis empfehlen die Studienautorinnen und -autoren in ihrem Ergebnisbericht: „Kitas und Schulen sollten bei Schließungen verstärkt versuchen, auf kreative und kindgerechte Weise im direkten Kontakt mit den Kindern zu bleiben“. Dafür sei die digitale Ausstattung ebenso wichtig, wie Fortbildungsmaßnahmen für Fach- und Lehrkräfte sowie Leitungen. Der Austausch mit Bezugspersonen aus Kita und Schule ist den Analysen nach nicht nur für die Kinder und Jugendlichen hilfreich: Auch Eltern profitierten davon und fühlten sich mit der Doppelbelastung durch Homeschooling und Erwerbsarbeit weniger überfordert. „In Zeiten, in denen das Infektionsgeschehen keinen Präsenzunterricht zulässt, muss der Wechsel- oder Distanzunterricht so konzipiert werden, dass Kinder im Austausch mit den Lehrkräften und weitgehend selbstständig lernen können, ergänzt Langmeyer.

Am wichtigsten für die Bewältigung der Krise ist die Familie

Kinder und Jugendliche machten den Studienergebnissen nach insbesondere die Trennung von Freunden, das Fehlen des gewohnten (Schul-)Alltags und der Mangel an Freizeitaktivitäten zu schaffen. Aus den Interviews geht zudem hervor, dass sie durch Corona verstärkt mit Ängsten konfrontiert sind. Mehr gemeinsame Zeit mit der Familie und einen weniger eng getakteten Alltag erlebten viele hingegen positiv. Gemeinsame Aktivitäten und Mahlzeiten sowie mehr Zeit mit den Vätern hoben viele Kinder in diesem Zusammenhang hervor. Insgesamt kamen die meisten gut mit dem Lockdown zurecht, immerhin ein Drittel hatte aber Schwierigkeiten. Standen zu Hause Konflikte und Chaos an der Tagessordnung, waren es noch weitaus mehr: Unter den Familien, bei denen häufig oder sogar sehr häufig ein konflikthaltiges Klima herrschte, gaben mehr als die Hälfte der befragten Eltern (53 Prozent) an, dass ihr Kind nicht gut mit den Pandemie-bedingten Veränderungen zurechtgekommen sei. Mehr Konflikte gehen auch mit verstärkten Gefühlen der Einsamkeit und Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern sowie einer stärker empfundenen Belastung der Eltern einher.

Hilfestellung für Familien gefordert

„Einerseits hatten belastete Eltern vermutlich weniger Ressourcen, um sich intensiv um ihre Kinder zu kümmern, zum anderen führten Probleme der Kinder sicher auch zu mehr Konflikten und Chaos in der Familie“, erklärt Langmeyer. „Treffen schwierige Lebensverhältnisse, belastete Eltern und anspruchsvolle Kinder aufeinander, verstärken sich bereits vor der Pandemie bestehende Nachteile. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund des Kinderschutzes besorgniserregend“. Deshalb sei es wichtig, Familien in dieser Zeit vermehrt Beratung anzubieten. Denn das Wohlbefinden der Kinder hänge während der Krise noch mehr als sonst von der Familie ab – einerseits durch die finanzielle Situation, andererseits durch das Familienklima.

Die wichtige Rolle der Familie komme ganz besonders zum Tragen, wenn Kinder – durch eine eigene Infektion oder durch Infektionsfälle in der Kita-Gruppe oder Klasse – in Quarantäne müssen, schreiben die Studienautorinnen und -autoren in ihrem Fazit. Zur besseren Unterstützung fordern sie standardisierte, altersdifferenzierte Informationen der Gesundheitsämter für Eltern, die beschreiben, wie sie die Zeit der Quarantäne ihrer Kinder gestalten können, und ihnen aufzeigen, wo sie sich Hilfe holen können.

Weitere Studienergebnisse mit Grafiken und Ergebnisbericht sowie Informationen zum Forschungsprojekt finden sich auf der Webseite des DJI.

Quelle: Deutsches Jugendinstitut vom 21.12.2020