Care Leaver

Wie stationär Betreute aufwachsen und selbstständig werden

Eine rothaarige Frau in hellblauem Anorak lacht einen Mann an.
Bild: SOS Kinderdorf e.V.

Wie geht es jungen Menschen in der stationären Erziehungshilfe und danach? Was brauchen sie auf ihrem Weg in ein eigenständiges Leben? Das sind zwei zentrale Fragen der SOS-Längsschnittstudie, die der SOS-Kinderdorf e.V. seit 2014 durchführt. Neue Inhalte zu Grundlagen, Durchführung und Ergebnissen gingen vor kurzem auf der Website des Vereins online.

In der SOS-Längsschnittstudie werden Betreute in SOS-Einrichtungen, deren Bezugsbetreuungspersonen sowie Care-Leaver regelmäßig befragt. Ziel ist es herauszufinden, wie die jungen Menschen in der stationären Erziehungshilfe aufwachsen, wie sie die Übergangsphase in die Eigenständigkeit erleben und wie es für sie nach dem Verlassen der Einrichtungen weitergeht. Die SOS-Längsschnittstudie wird vom Sozialpädagogischen Institut des SOS-Kinderdorf e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Praxisforschung und Projektberatung durchgeführt.

„Wir möchten möglichst viel erfahren über die Entwicklung und den Werdegang von jungen Leuten, die nicht bei ihren Herkunftsfamilien aufwachsen können. Als Jugendhilfeträger haben wir eine besondere Verantwortung den jungen Menschen gegenüber, weil Heimerziehung ein tiefer Einschnitt in das Leben der Betreffenden ist“, so Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts, zur Motivation der Studie.

Ein Mix aus quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden stellt die Vergleichbarkeit der Daten sicher und ermöglicht vertiefte Einblicke. Die Fragen betreffen verschiedene Lebensbereiche wie Bildung, soziale Beziehungen, Wohlbefinden, Gesundheit, Belastungen, das Selbstständigwerden und die Zukunftsperspektive. Durch die wiederholte Befragung derselben jungen Menschen während und nach der stationären Unterbringung lassen sich Entwicklungsverläufe untersuchen und Übergänge analysieren. 

Wichtige Zugehörigkeit, Unterstützung und Beteiligung

Die Auswertungen zeigen unter anderem, dass das Wohlbefinden stationär betreuter junger Menschen am höchsten ist, wenn sie sich der Wohngruppe oder Kinderdorffamilie und zugleich ihrer Herkunftsfamilie zugehörig fühlen. Diese „doppelte Zugehörigkeit“ ist eine gute Voraussetzung, um von der Zeit in der Einrichtung zu profitieren.

Mit Blick auf den Auszug wird deutlich, dass die Heranwachsenden den Übergang in die Selbstständigkeit sehr unterschiedlich wahrnehmen: Manche fühlen sich gut vorbereitet und freuen sich auf die dann bevorstehende Freiheit. Andere sehen den Auszug eher wie einen „Rauswurf aus dem Nest“. 

Grundsätzlich fällt den jungen Menschen der Schritt ins eigenständige Leben leichter, wenn sie sich innerlich dazu bereit fühlen, wenn sie psychisch einigermaßen stabil sind und unterstützende soziale Beziehungen haben. Positiv erleben den Übergang auch diejenigen, die die Möglichkeit haben mitzusprechen, sich zu beteiligen und Einfluss zu nehmen auf die Gestaltung und Planung des Auszugs.

Handlungsbefähigung als zentrale Ressource

Damit der Übergang gelingt, brauchen Heranwachsende weit mehr als alltagspraktische Fähigkeiten, Wohnraum, gesicherte Finanzen oder einen Schulabschluss. Entscheidend ist auch, wie die jungen Menschen mit Herausforderungen umgehen, wie sie ihre eigenen Möglichkeiten einschätzen, Chancen erkennen und nutzen. Diese übergeordnete personale Ressource wird in der Studie mit dem Konzept der Handlungsbefähigung erfasst und weiter verfolgt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, unter welchen Bedingungen junge Menschen Handlungsbefähigung entwickeln können.

Erkenntnisse fließen in die Praxis

„Von den Erkenntnissen, wie sich die Betreuten in der Einrichtung unterstützt fühlen und wie Care-Leaver im Nachhinein ihre Zeit des Aufwachsens im Kinderdorf beurteilen, möchten wir lernen“, so Teuber. Ergebnisse und Empfehlungen aus dem Forschungsprojekt fließen zurück in die pädagogische Praxis vor Ort. Darüber hinaus liefert die SOS-Längsschnittstudie wichtige Impulse für alle, die junge Menschen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe begleiten, und trägt zum wissenschaftlichen und fachpolitischen Diskurs bei. 

Das Projekt ging Ende Juni mit einem umfangreichen Webauftritt online und präsentiert sich mit multimedial aufbereiteten Inhalten zu den Grundlagen, zur Methodik sowie zu den Ergebnissen.

Quelle: SOS-Kinderdorf e.V. vom 18.08.2021

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