Jugendforschung / Europa

Jugendstudie Russland 2020: Generation Putin oder Protestjugend? Zwischen Anpassung und Rebellion

Vier Jugendliche stehen an einer Mauer auf einem Gebäude und schauen Richtung Stadt, die im Hintergrund zu sehen ist
Bild: Devin Avery - unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Im Rahmen ihres „Jugendstudien“-Projekts, stellt die Friedrich-Ebert-Stiftung Ergebnisse einer Befragung russischer Jugendlicher vor. Einer der zentralen Befunde der Studie mit dem Titel „Russia's Generation Z: Attitudes and Values“ zeigt auf, dass unter russischen Jugendlichen die Auffassung weit verbreitet ist, wirtschaftliche Lage, individuelle Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seien im westlichen Europa besser als in Russland. Die Studie im Gesamten untersucht die Einstellungen der russischen Jugend in vielen unterschiedlichen Lebensbereichen, z.B. Bildung, Beschäftigung, politische Teilhabe, oder auch Familienbeziehungen.

Wünschen, Hoffnung und Erfahrungen von jungen Menschen in Russland

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine Entfremdung zwischen der russischen Jugend und dem westlichen Europa. Nur 52% der Jugendlichen glauben, dass die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen jemals wirklich freundlich sein können. Obwohl es sich dabei immer noch um eine knappe Mehrheit der Befragten handelt, stellt der Wert, laut dem Meinungsforschungsinstitut „Lewada-Zentrum“, eine Verschlechterung gegenüber Vorbefragungen dar.

Gleichzeitig ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen politischen System groß und russische Jugendliche bewerten viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in Europa besser als in Russland – ökonomische Faktoren genauso wie individuelle Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Je öfter eine Person reist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich als Europäer/-in identifiziert. Ein vertiefter Austausch in beide Richtungen kann daher helfen, Europa als gemeinsamen Kulturraum zu begreifen in dem alle Länder ihren Platz haben, um so wieder mehr Begeisterung für die europäische Idee zu fördern.

Erkennbar wird unter den Jugendlichen auch ein diffuses Interesse an politischer Teilhabe, welches das politische System offensichtlich nicht befriedigen kann. So erweist sich die Zustimmung zur Demokratie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als etwas höher.

Politikdesinteresse ist weit verbreitet. Viele Jugendliche, knapp 60%, interessieren sich gar nicht oder kaum für Politik, außerdem wird den nationalen Institutionen kaum Vertrauen entgegengebracht. Nur 26% Vertrauen der Regierung, 16% politischen Parteien und 24% der Staatsduma. Dem Präsidenten selbst wird mit 42% noch ein vergleichsweises hohes Vertrauen entgegengebracht. Es gibt aber Anzeichen für gegenläufige Tendenzen: Für autokratische Verhaltensweisen gibt es kaum Rückhalt, die Zustimmung zur Demokratie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist unter Jugendlichen leicht höher. Immerhin zwei Drittelstimmen der Aussage zu, dass junge Menschen mehr Möglichkeiten haben sollten sich in der Politik zu äußern. Hier scheint es ein Interesse an politischer Teilhabe zu geben, welches sich aber nicht konkreten politischen Forderungen ausdrückt.

Dieses Misstrauen in die Politik scheint bei einigen dazu beizutragen, dass Land verlassen zu wollen. Knapp die Hälfte schließt eine Auswanderung für sich nicht aus, und 16% haben einen starken oder sehr starken Wunsch zu emigrieren. Diejenigen, die die Zukunft des Landes sehr pessimistisch sehen und den staatlichen Institutionen stark misstrauen, haben den stärksten Wunsch zu emigrieren.

Politische Ansichten der Jugendlichen unterscheiden sich kaum von denen der Gesamtbevölkerung

Der größte Unterschied besteht in dem höheren Anteil derer, die ihre Zustimmung zu russischem Nationalismus (16%) und Liberalismus (12%) äußern, die Jugend ist also etwas polarisierter als der Durchschnitt. Die höchste Zustimmung unter den abgefragten politischen Ansichten erreicht allerdings die Sozialdemokratie mit 28%. Gleichzeitig stimmen 74% der Aussage zu, dass die Einkommen von Armen und Reichen gleicher werden sollen und 86%, dass die Regierung mehr Verantwortung dafür übernehmen soll, dass für alle Menschen gesorgt ist. Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen möchte einen Staat, der sich um Menschenrechte, die Umwelt, wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung, die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Korruption und soziale Gerechtigkeit und Sicherheit für alle sorgt.

Weiterführende Informationen und Zusammenfassungen der Studie

Das unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut „Lewada-Zentrum“ hat die Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt. Die Daten wurden von Mai bis Juni 2019 unter 1500 Befragten im Alter von 14 bis 29 Jahren in Russland erhoben. Gefragt wurde nach den Erfahrungen und Wünschen junger Menschen u.a. in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, politische Teilhabe, Familienbeziehungen, Freizeit und Mediennutzung, aber auch nach ihren Werten und Überzeugungen.

Die Studie „Russia's Generation Z: Attitudes and Values“ steht zum Download auf den Seiten der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Verfügung. Die Ergebnisse liegen sowohl in englischer als auch in russischer Sprache vor. Zu finden sind dort auch weiterführende Informationen und u.a. eine 2-seitige Kurzfassung der Studie (PDF, 415 KB).

Internationales Jugendforschungsprojekt

Die „FES-Jugendstudien“ sind ein internationales Jugendforschungsprojekt, das bereits in mehreren Ländern Südosteuropas und Osteuropas durchgeführt wurde und der Methodologie der Shell-Jugendstudie folgt. In den kommenden Jahren wird das Projekt ausgeweitet auf die Region Ostmitteleuropa und Baltikum, sowie auch den Mittleren Osten und Nordafrika. Das zentrale Ziel der Studien besteht in der Identifizierung, Beschreibung und Analyse der Einstellungen und Verhaltensmuster junger Menschen in der heutigen Gesellschaft. Die Jugendstudie Russland ist das aktuellste Produkt der Reihe.

Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung vom 29.04.2020

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