Jugendforschung / Bildungsforschung

Jugendliche verteilen schlechte Noten für Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem

In einem Klassenzimmer melden sich alle Schülerinnen und Schüler
Bild: © Jacob Lund - Fotolia.com

Eine repräsentative forsa-Umfrage unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Auftrag des Stifterverbandes zum Tag der Bildung am 8. Dezember zeigt: Mehr als die Hälfte der befragten jungen Menschen zweifeln daran, dass alle Kinder in Deutschland die gleichen Chancen auf eine gute Bildung haben. Daran können digitale Technologien auch nur bedingt etwas ändern. 42 Prozent der befragten 14- bis 21jährigen glauben, die soziale oder kulturelle Herkunft spiele keine Rolle für gute Bildung.

Jugendliche glauben nicht an Chancengleichheit

Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der befragten 14- bis 21jährigen zweifeln daran, dass alle Kinder in Deutschland die gleichen Chancen auf eine gute Bildung haben. Nur 42 Prozent glauben, die soziale oder kulturelle Herkunft spiele keine Rolle für gute Bildung. Das sind neun Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor. Damit hat sich der positive Trend der Vorjahre wieder umgekehrt. Vor allem die Qualität der Schule und Lehrer haben großen Einfluss auf die Bildungschancen sagen 92 Prozent der Befragten.

Aber auch die Zuwendung und Unterstützung (91 Prozent) sowie die Eigenmotivation (90 Prozent) spielen eine große bis sehr große Rolle. 69 Prozent der Befragten meinen, dass die Bildung der Eltern ein wesentlicher Einflussfaktor ist.

Für die persönliche berufliche Zukunft seien verschiedene Kompetenzen wichtig, die in der Schule erlernt werden. Fast alle Befragten (98 Prozent) meinen, dass Selbstorganisation, Höflichkeit und Toleranz gegenüber anderen Menschen sowie Kenntnisse der deutschen Sprache (97 Prozent) für ihre berufliche Zukunft wichtig sind. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) glaubt darüber hinaus, das Programmier- und Softwarekenntnisse für die berufliche Karriere eine wichtige Rolle spielen.

Digitale Technologien führen nur bedingt zu mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, 76 Prozent der befragten Jugendlichen verstehen unter Lehren und Lernen mit digitalen Medien nicht nur die Vermittlung technischer Kompetenzen, sondern auch das Lernen mit digitalen Informationen umzugehen. Auf die Frage, in welcher Form digitale Technologien die Bildungs- und Berufschancen sozial benachteiligter Kinder verbessern könnten, wusste die große Mehrheit spontan keine Antwort.  

Vergleichsweise häufig (8 Prozent) wurde aber der einfache Zugang zu digitalen Lern- und Nachhilfeangeboten und zu kostenlosen Informationen im Netz genannt. Sieben Prozent der Jugendlichen meinen außerdem, durch die Vermittlung von Medienkompetenzen in der Schule würden sich die Zukunftschancen erhöhen. Das allerdings nur, wenn sozial benachteiligte Kinder digitale Geräte kostenlos nutzen könnten. Gibt es die Möglichkeit nicht, würden digitale Technologien die Ungleichheit eher verstärken. Für sozial benachteilige Haushalte seien sie zu kostspielig und können somit weniger genutzt werden.

„Der Digitalpakt ist ein erster Schritt, allen Schülern zu ermöglichen, mit Hilfe von digitalen Medien zeitgemäß zu lernen, um sich auf das Leben und Arbeiten im digitalen Zeitalter vorzubereiten", sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes. „Jetzt gilt es, den Aktionsplan schnellstmöglich umzusetzen. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, es reicht nicht die Schulen mit digitalen Technologien auszustatten. Voraussetzung für den Erfolg des Digitalpaktes ist, dass Lehrkräfte umfassend aus- und weitergebildet, pädagogische Konzepte entsprechend angepasst werden.“

Fehlende digitale Infrastruktur und unzureichende Kompetenz der Lehrkräfte

Unter den befragten Jugendlichen sagen 53 Prozent, dass ihre Schule nicht so gut oder sogar schlecht mit digitalen Medien ausgestattet ist. Zudem bemängelt die große Mehrheit auch die unzureichende Kompetenz der Lehrkräfte im Umgang mit digitalen Medien. Die Lehrer können nicht so gut (46 Prozent) oder schlecht (20 Prozent) mit digitalen Lern- und Lehrmethoden umgehen. 32 Prozent vergeben den Lehrern gute bis sehr gute Noten. Auch von den Eltern erfahren die Befragten wenig Unterstützung: 29 Prozent der Jugendlichen geben an, ihre Eltern würden sie bei der kompetenten Nutzung digitaler Medien sehr unterstützen. 50 Prozent bekommen etwas, 19 Prozent hingegen gar keine Hilfe von ihnen.

Über den Tag der Bildung

Gemeinsam mit SOS-Kinderdörfer weltweit und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hat der Stifterverband vor fünf Jahren den Tag der Bildung, am 8. Dezember, ausgerufen. Zum diesjährigen Aktionstag hat der Stifterverband die Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben, um die Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem abzufragen und in den Diskurs einzubringen.

Weiterführende Informationen stehen unter www.tag-der-bildung.de zur Verfügung.

Dort ist auch das Interview „Schulen und außerschulische Partner müssen noch enger zusammenarbeiten“ mit Dr. Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, dem Talentförderzentrum des Bundes und der Länder, nachzulesen. Frau Völmicke ist für das Aktionsfeld Bildung des Stifterverbands verantwortlich. Warum chancengerechte Bildung nur durch die Anstrengung aller Akteure im Bildungssystem gelingen kann, erklärt sie im Interview.

Über den Stifterverband

Im Stifterverband haben sich rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen zusammengeschlossen, um Bildung, Wissenschaft und Innovation gemeinsam voranzubringen. Mit Förderprogrammen, Analysen und Handlungsempfehlungen sichert der Stifterverband die Infrastruktur der Innovation: leistungsfähige Hochschulen, starke Forschungseinrichtungen und einen fruchtbaren Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Quelle: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. vom 09.12.2019