Jugendforschung

Auf dem Spielfeld integriert, auf der Tribüne nicht

Das Stadion von Genf

Nur wenige Jugendliche mit Migrationshintergrund sehen im Kölner Stadion Fußballspiele. Warum das so ist, untersucht Carsten Blecher von der Universität Siegen.

Anthony Modeste, Miloš Jojić, Artjoms Rudnevs. Beim 1. FC Köln spielen nicht nur Deutsche, sondern auch Franzosen, Serben und Letten. Fast 50 Prozent der Spieler in der Bundesliga kommen aus dem Ausland. Wenn Jugendliche und Kinder in den Straßen von Köln Fußball spielen, tragen einige Trikots des 1. FC Köln, aber genauso viele kicken in Trikots von ausländischen Clubs, zum Beispiel aus der Türkei. Doch so bunt deutsche Städte sind, in den Stadien scheinen Jugendliche mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert zu sein: Nur wenige gehen zum Fußball ins Stadion, wenn deutsche Klubs spielen.

Carsten Blecher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ der Universität Siegen (FoKoS), beschäftigt sich im Forschungsprojekt „Diversität unter Fußballfans“ mit diesem Phänomen und hat Kölner Jugendliche dazu befragt. Köln hat er deshalb ausgesucht, weil der Forscher dort selbst im sozialpädagogischen Kölner Fanprojekt arbeitet, die Stadt und die Akteure im Fußball kennt.

Für sein Forschungsprojekt, das seit Juni 2016 läuft, führte Blecher in Vorstudien Interviews durch und ließ Fragebögen im Stadion ausfüllen. Blecher: „Wir wollten der Frage nachgehen: Wer geht zum Fußball und welche Rolle spielt so etwas wie Ethnizität oder Migrationsgeschichte?“. Die ersten Hinweise haben ergeben, dass Menschen mit Migrationsgeschichte im Stadion unterrepräsentiert sind, gemessen an ihrem Anteil in der Gesellschaft. “In unseren Stichproben bei zwei Heimspielen zählten wir unter fast 200 befragten Fans zum Beispiel nur eine Person mit türkischstämmiger Geschichte und nur wenige mehr mit anderen Zuwanderungsgeschichten. In einer Stadt, die durch Zuwanderung geprägt ist und in der jeder Dritte eine Zuwanderungsgeschichte hat, ist das bemerkenswert.“

Fußballvereine bedeuten Identifikation mit den eigenen Wurzeln

„Ich habe schnell gemerkt, dass der Bezug zu einem Fußballverein sehr familiär geprägt ist. Wenn das gesamte familiäre Umfeld zu einem Istanbuler Verein hält, ist es wahrscheinlich, dass die Kinder das ebenfalls tun. Das hat also viel mit den eigenen Wurzeln zu tun“, sagt der Sozialwissenschaftler. Außerdem sei es für Jugendliche mit Migrationshintergrund schwierig, an Tickets zu kommen. „Das hat nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun, sondern mit fehlenden Kontakten. Wenn du alteingesessene Kölner Fans kennst, dann kannst du dir einfacher eine Dauerkarte leihen. Aber diese Netzwerke haben Jugendliche mit Migrationsgeschichte oft nicht.“

Diskriminierung und Ausgrenzung im Stadion war in den Gesprächen mit den Jugendlichen selten ein Thema. Blecher: „Das ist nicht weiter verwunderlich, da die Diskriminierungsmechanismen oftmals subtil wirken.“ Auch viele Fan- und Ultra-Gruppierungen reagieren sehr sensibel auf rechte Tendenzen in ihrem Block. Mit Spruchbändern und Aktionen kämpfen sie für die Vielfalt im Stadion.

Jugendliche dort abholen, wo ihr Herz schlägt

Da Blecher selbst im Kölner Fanprojekt mit Jugendlichen arbeitet, möchte er die Ergebnisse aus seiner Studie in die Praxis der Sozialen Arbeit übertragen. Ihm geht es nicht darum, Integrationsmaßnahmen zu bedienen oder am Ende ein Papier zum Thema „So integrieren wir Menschen in den Fußball“ entstehen zu lassen. „Wir können aus der Studie bislang mitnehmen, dass Fußball gleichermaßen verbindet und trennt. Wir müssen Jugendliche im Fußball dort abholen, wo ihr Herz schlägt. Und das ist eben nicht immer der alteingesessene Stadtverein. Viele jugendliche Fußballfans sehen vielleicht in Deutschland ihr Zuhause, aber ihre fußballerische Heimat ist woanders. Das macht gerade die Vielfalt der Gesellschaft aus. Es gibt ja auch Münchner, die Dortmund-Fans sind.“

In den nächsten Monaten möchte Blecher Jugendliche in anderen Städten befragen, darunter Bochumer, Frankfurter und Duisburger. Er will untersuchen, ob sie ähnlich denken wie die Kölner. Am 5. Dezember stellt er seine Ergebnisse auf einer Tagung der Universität Siegen vor.

Quelle: Universität Siegen vom 02.08.2016

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