Familienforschung

Wie belastende Kindheitserfahrungen das Eltern-Sein erschweren

weinendes Kleinkind
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Traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder Jugend können sich auch auf die Beziehung zum Nachwuchs auswirken, wie internationale Studien der letzten Jahre zeigten. Welche Probleme daraus entstehen können, diskutieren internationale Experten und Nachwuchswissenschaftler beim deutsch-israelischen Minerva-Gentner Symposium in Heidelberg.

Die Fachtagung findet vom 13. bis 17. April 2015 beim deutsch-israelischen Minerva-Gentner Symposium in Heidelberg statt und wird über das Minerva-Programm der Max-Planck-Gesellschaft finanziert, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Ziel ist es, Nachwuchswissenschaftler aus Israel und Deutschland mit renommierten Experten des ausgewählten Themengebiets ins Gespräch und damit neue Forschungskooperationen auf den Weg zu bringen.

Im Rahmen des Symposiums werden unter anderem Projekte und Ergebnisse des von Heidelberg aus koordinierten Verbundprojekts "Von Generation zu Generation: Den Kreislauf der Misshandlung verstehen und durchbrechen (Understanding and Breaking the Intergenerational Cycle of Abuse, UBICA)" vorgestellt.

"Unser Ziel ist es, langfristige Auswirkungen belastender Kindheitserfahrungen besser zu verstehen – insbesondere in Hinblick auf die Elternrolle der Betroffenen. Wir wollen helfen, Strategien zur Bewältigung und Prävention zu entwickeln, um Eltern sinnvoll zu unterstützen und Kinder besser zu schützen", sagt Professor Romuald Brunner, Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg und UBICA-Koordinator. Das multizentrische Projekt mit vier Verbundpartnern wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt 2 Millionen Euro gefördert. Aus Heidelberg beteiligen sich Teams der Universitätsklinik für Allgemeine Psychiatrie und der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Eltern nehmen kindliche Signale wie Gesten, Mimik und Laute wahr, interpretieren sie intuitiv und reagieren entsprechend im Sinne des Kindes. Müttern, die in ihrer eigenen Kindheit Missbrauch, Misshandlungen oder Vernachlässigung erlebt oder andere schlimme Erfahrungen gemacht haben, fällt dies oft schwerer bzw. es kostet sie mehr Anstrengung als unbelasteten Eltern. Bisherige Forschungsergebnisse sowie Erfahrungsberichte von Klinikern weisen darauf hin, dass belastete Mütter häufig Schwierigkeiten haben, angemessen auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen. Dies kann schlimmstenfalls wieder zu Vernachlässigung oder Misshandlung führen. Will man geeignete Hilfsangebote für betroffene Eltern entwickeln und die "Übertragung" belastender Lebenserfahrungen auf die Kinder unterbrechen, muss man zunächst verstehen, wie dies zustande kommt. "Dieses erweiterte Verständnis wird auch zu einer Optimierung unserer bestehenden Hilfsangebote führen," erläutert Professor Resch.

Unterstützung für Teenager-Mütter

Konkrete Schritte hin zur praktischen Anwendung geht man zum Beispiel bereits am Universitätsklinikum der RWTH Aachen mit einem Betreuungsangebot für Teenager-Mütter, die durch die frühe Schwangerschaft einer großen Belastung ausgesetzt sind: Sie haben zum Zeitpunkt der Geburt noch keinen Schulabschluss, sind finanziell abhängig, ihre Zukunft ist ungewiss. Im Rahmen einer Interventionsstudie (Teenage Mothers-Studie) besuchen Psychologen die jungen Mütter zu Hause, filmen deren Interaktionen mit ihren Babys und besprechen sie anschließend mit ihnen. So erhalten die Mädchen konkrete Tipps, wie sie feinfühliger und souveräner mit ihren Kindern umgehen können. Erste Ergebnisse aus Vergleichen mit Mutter-Kind-Paaren, die kein solches Coaching erhalten sind sehr vielversprechend.

Depressionen bei Müttern

Traumatische Kindheitserlebnisse der Mütter allein beeinflussen allerdings den Umgang mit dem Nachwuchs weniger als bisher gedacht, wie ein gemeinsames Teilprojekt der Universitätskliniken Heidelberg und der Berliner Charité nun gezeigt hat. Vielmehr erhöhen Depressionen der Mütter das Risiko, dass diese weniger sensibel auf kindliche Signale reagieren und die Kinder in Folge Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Wer allerdings in seiner Kindheit Misshandlungen ausgesetzt war bzw. vernachlässigt wurde, trägt wiederum ein höheres Risiko, eine Depression zu entwickeln. "Trotzdem sind diese Ergebnisse ein positives Signal für betroffene Mütter, denn Depressionen lassen sich sehr gut behandeln", erklärt Professor Bermpohl.

Beziehungshormon Oxytocin

Professor Dr. Ruth Feldmann von der Bar-Ilan University in Israel stellt neue Erkenntnisse zur Rolle des Beziehungshormons Oxytocin vor. Das Hormon, das bei der Geburt in großen Mengen ausgeschüttet wird, fördert die Bindung von Mutter und Kind und sorgt dafür, dass sich beide Organismen aufeinander einstellen. Forscher sprechen von einer sozialen Synchronizität, die sich sowohl in molekularen Prozessen im gesamten Körper, in Hirnfunktionen, als auch im Verhalten der Bindungspartner widerspiegelt. Professor Feldmann wird darauf eingehen, was passiert, wenn dieses empfindliche System durch traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder durch Depressionen gestört wird, und die Konsequenzen für die Therapie aufzeigen.

Minerva-Gentner-Symposium

"The intergenerational transmission of childhood adversity"
Internationales Wissenschaftsforum Heidelberg (IWH)
13. – 17. April 2015

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg vom 09.04.2015