Familienforschung

Neue Studie schildert den Wandel der Familie im 20. Jahrhundert als „laute Evolution“

Ein Therapeut spricht mit einer Familie, bei der die Eltern unterschiedlicher Herkunft sind.
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Unverheiratet mit Kind oder alleinerziehend, Klein- oder Groß-Familie, Patchwork- oder Regenbogen-Familie – die Formen, in denen Menschen zusammenleben, sind heute vielfältig. Unser Verständnis von „der“ Familie hat sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Neben die Vorstellung von einer Gemeinschaft, die aus einem männlichen Ernährer, einer Hausfrau und ihren gemeinsamen Kindern besteht, sind vielfältige Lebensentwürfe getreten. Doch wie vollzog sich dieser Wandel? Dieser Frage geht der Historiker Christopher Neumaier vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) in seinem neuen Buch „Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken“ nach.

„Die Familie war im 20. Jahrhundert eine besonders umkämpfte Institution. Über sie wurden Gesellschaftsvorstellungen diskutiert. Es ging um das Verständnis der Geschlechterrollen, um die Bedeutung von Hausarbeit und Berufstätigkeit oder die Vorstellungen zu Partnerschaft und Kindererziehung“, erklärt Christopher Neumaier.

Bedeutung der Familie

In seinem Buch schildert der Potsdamer Historiker, wie darum gerungen wurde, welche Bedeutung der Familie zukommen soll – in der Gesellschaft und auf dem individuellen Lebensweg eines Menschen. Dabei stellt Neumaier fest, dass die 1970er-Jahre weniger revolutionär waren, als man zeitgenössisch annahm: „Diese Jahre markieren vor allem eine diskursive und juristische Zäsur. Das Reden über die Familie veränderte sich.“ Der Wandel der Familienideale und des Familienalltags verlief hingegen graduell. Er war eingebettet in langfristige konfliktbehaftete Aushandlungsprozesse. Neumaier spricht deshalb von einer „lauten Evolution“.

Auch Wertsetzung über Gesetzesreformen

In seiner Analyse zeigt der Historiker auch, dass das politische System ein nicht unerheblicher Einflussfaktor war. In den demokratischen Gesellschaften der Weimarer Republik und der Bundesrepublik veränderte sich häufig zuerst das Verhalten in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen. In autoritären Regimen wie dem Dritten Reich und der DDR hingegen änderte sich zunächst der politisch gesetzte Diskurs. Im Anschluss wurden dann die institutionellen Rahmenbedingungen angepasst. „Manchmal erfolgte aber auch in Demokratien eine Wertsetzung über Gesetzesreformen“, so Neumaier. Die Reform des Scheidungsrechts in den 1970er-Jahren sei dafür ein Beispiel.

Die knapp 600-seitige Studie „Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken“ erschien am 2. September 2019 im Verlag DE GRUYTER OLDENBOURG. Sie basiert auf der Habilitationsschrift von Christopher Neumaier, die im Jahr zuvor von der Universität Potsdam angenommen wurde.

Christopher Neumaier ist seit 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) in der Abteilung „Geschichte des Wirtschaftens“. Von Februar 2019 bis März 2020 nimmt er die Vertretung der Professur für Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg wahr.

Quelle: Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) vom 10.09.2019

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