Familienforschung / Familienpolitik

DJI-Untersuchung: Mit Online-Paarberatung Beziehungskrisen vorbeugen

Mädchen mit streitenden Eltern
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Der Beginn der Corona-Pandemie war für viele Paare eine Belastungsprobe. Brauchten sie aufgrund anhaltender Konflikte professionelle Unterstützung, so waren sie in der Zeit der Kontaktbeschränkungen auf Online-Formate angewiesen. DJI-Wissenschaftlerinnen haben untersucht, welche Potenziale Online-Programme bieten und wie sie weiterentwickelt werden müssten, um Paare besser zu erreichen.

Welche Online-Angebote für Paare es im deutschsprachigen Raum gibt, wo ihre Stärken gegenüber herkömmlichen Face-to-Face-Beratungen liegen und wie sie weiterentwickelt werden müssten, haben Dr. Martina Heitkötter und Anja Pilsl vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) untersucht.

Der Bedarf an Unterstützung bei Beziehungsproblemen ist groß

Wenngleich noch wenig über die Nutzung von Online-Programmen zur Paarberatung bekannt ist, schätzen die Wissenschaftlerinnen ihr Potenzial hoch ein. Denn der Bedarf ist groß, wie die Auswertung von Daten der Pairfam-Längsschnittstudie zeigt: Jeder fünfte Befragte, der professionelle Beratung in Anspruch nimmt, gab in den Jahren 2017/18 an, Probleme in der „Partnerschaft oder Sexualität“ seien der Grund dafür.

Online-Angebote sind leicht zugänglich, es fehlen jedoch Qualitätsstandards

Den Analysen von Martina Heitkötter und Anja Pilsl nach haben Online-Angebote im Vergleich zu klassischen Beratungs- bzw. Therapieangeboten zudem klare Vorteile, wenn es um Beziehungspflege oder leichte Krisen geht: Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang, sind zeitlich flexibel, nicht an einen Ort gebunden und kostengünstiger. Die größere Anonymität kann es zudem erleichtern, schambesetzte Themen anzusprechen. Allerdings ist der Markt der überwiegend kostenpflichtigen Online-Angebote unübersichtlich und unreguliert, wie die Untersuchungen zeigen. So gibt es in Deutschland derzeit keinerlei offizielle Qualitätsstandards. Das passende Angebot zu finden, ist für Ratsuchende aktuell schwierig, schreiben die Sozialwissenschaftlerinnen in ihrem Abschlussbericht. Sie haben im Rahmen eines vom Bundesfamilienministerium geförderten Forschungsprojekts deutsch- und englischsprachige Paarberatungsangebote gesichtet, strukturiert und die vorliegenden Forschungsbefunde zur Wirksamkeit ausgewertet. Darüber hinaus haben sie Expertinnen und Experten interviewt und die Ergebnisse eines Workshops einbezogen.

Eine Plattform, die wirksame Angebote bündelt, soll Orientierung schaffen

Auf Basis ihrer Bestandsaufnahme plädieren Heitkötter und Pilsl unter anderem dafür, eine nationale Plattform einzurichten, auf der ausgewählte fachlich fundierte und wirksame Online-Angebote für Paare dargestellt werden. Gerade in Bezug auf den Nachweis der Wirksamkeit von deutschsprachigen Online-Programmen sehen sie großen Nachholbedarf, da die systematische Evaluation noch in den Anfängen stecke. Entsprechende Studien für englischsprachige Paarprogramme liegen bereits vor und deuten darauf hin, dass Teilnehmende beispielsweise langfristig Wohlbefinden und Beziehungsqualität verbessern konnten; erste Studien zeigen außerdem, dass die Kinder von Teilnehmenden ängstliche und aggressive Verhaltensweisen abgebaut haben. Diese Befunde können bei der Weiterentwicklung deutschsprachiger Programme genutzt werden. Außerdem sei dabei zu berücksichtigen, dass Paare unterschiedliche Bedürfnisse haben: Manche suchen Unterstützung bei der präventiven Beziehungspflege, andere bei wiederkehrenden Konflikten oder bei der Begleitung einer Trennung oder Scheidung.

Prävention lohnt sich ökonomisch und sozial

Für die Realisierung und Finanzierung der Präventionsmaßnahmen für Paare empfehlen die DJI-Wissenschaftlerinnen eine Allianz zwischen Bund, Ländern und Kommunen. „Es spricht vieles dafür, in die Stabilisierung von Partnerschaften zu investieren und dies auch als politische Aufgabe zu betrachten, sagt Dr. Martina Heitkötter, „denn dauerhafte Partnerschaftskonflikte sowie Trennungen verursachen enorme volkswirtschaftliche Folgekosten“. Als Beispiele nennt sie mögliche Ausfälle in der Erwerbstätigkeit und damit verbundene Einkommenseinbußen sowie Kosten für die Sozial- und Gesundheitssysteme. Schließlich seien Konflikte und Trennungen mit erheblichen Belastungen für die Beteiligten verbunden und könnten die psychische und körperliche Gesundheit der Partnerinnen und Partner ebenso beeinträchtigen wie die Entwicklungs- und Bildungschancen ihrer Kinder. „Voraussetzung dafür, dass Online-Programme frühzeitig genutzt werden, ist ein gesellschaftliches Bewusstsein für mehr Beziehungspflege, gerade in Zeiten hoher Erwartungen an eine erfüllte Partnerschaft und gelingende Elternschaft sowie veränderter Geschlechterrollen“, sagt Martina Heitkötter. Denn anders als Partnerschaftsbörsen vielfach vermitteln, sei das Gelingen einer Partnerschaft kein Selbstläufer und hänge nicht alleine von der richtigen Partnerwahl ab.

Abschlussbericht Bestandsaufnahme Online-Paarberatung (PDF, 3 MB)

Weitere Infos zum Projekt

Quelle: Deutsches Jugendinstitut vom 22.07.2020

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