Familienforschung

DJI-Studie: Eins, zwei - aber nicht viele. Warum sich Paare gegen die Mehrkinderfamilie entscheiden.

Eine DJI-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat den Alltag von Mehrkinderfamilien untersucht, um Ressourcen und Bedarfe zu ermitteln.

Mehrkinderfamilien - Familien mit drei oder mehr Kindern - kommt demografisch gesehen eine wichtige Funktion zu, denn der Geburtenrückgang ist vor allem auch eine Folge des Rückgangs großer Familien. Doch was hält Paare von der Mehrkinderfamilie ab? Zur Lebenssituation von Mehrkinderfamilien, damit zusammenhängenden Belastungen, aber auch zu den Bereicherungen des Familienlebens existiert bisher jedoch nur bruchstückhaftes Wissen.

Wie wird Familie von den einzelnen Familienmitgliedern gelebt und erlebt? Wie ist das Passungsverhältnis von Familienstruktur-, Familiengröße und der sozialen Umwelt? Welche Faktoren ermöglichen ein mehr oder weniger gelingendes Familienleben? DJI Online stellt Antworten auf diese und weitere Fragen sowie die Ergebnisse der Studie im aktuellen Themenschwerpunkt „Der Alltag von Mehrkinderfamilien - Ressourcen und Bedarfe“ vor.

Nur 15 Prozent der 20- bis 39-jährigen Frauen und Männer in Deutschland würden sich eine Mehrkinderfamilie wünschen. Über die Hälfte orientiert sich an der Zwei-Kind-Familie als Norm. Tatsächlich liegt der Anteil der Familien mit drei Kindern derzeit in Deutschland bei 10,6 Prozent (West) bzw. 7,5 Prozent (Ost). Vier- Kind-Familien bilden mit 3,3 Prozent (West) bzw. 2,1 Prozent (Ost) allerdings die Ausnahme.

Begünstigende Faktoren für die Gründung einer kinderreichen Familie sind eine stabile Partnerschaft, eine aktiv gelebte Religiosität und die eigene Erfahrung des Aufwachsens mit mehreren Geschwistern. Der Großteil der Eltern in Mehrkinderfamilien hat sich schon vor der Heirat für eine große Familie ausgesprochen und ist bereit, Einschränkungen bezüglich finanzieller und zeitlicher Flexibilität in Kauf zu nehmen. In 15 bis 35 Prozent der Familien - die Schätzungen differieren je nach Quelle - waren die dritten und vierten Kinder eher nicht geplant.

Als Hauptgründe, die nach dem zweiten Kind gegen eine weitere Familienerweiterung sprechen, nennen Eltern am häufigsten, dass die ideale Kinderzahl schon erreicht sei (50 Prozent) und dass ein weiteres Kind eine große finanzielle Belastung wäre (36 Prozent). 22 Prozent der Paare wollen sich Freiräume erhalten und 19 Prozent sehen Nachteile für ihre berufliche Entwicklung.

Die meisten Kinder haben im Durchschnitt verheiratete Frauen mit niedrigem Bildungsstatus. Allerdings gibt es unter den Eltern mit drei Kindern auch eine relativ große Gruppe mit hohem Bildungsstatus: Bei 28 Prozent der Paare mit drei Kindern hat mindestens einer der Partner das Abitur; in 17 Prozent der Familien dieser Größe haben sogar beide Partner eine Hochschulzugangsberechtigung.

Die Arbeitsteilung der Eltern in Bezug auf Erwerbsleben, Haushalt, Kinderbetreuung und Erziehung ist in Mehrkinderfamilien deutlich traditioneller als in Ein- und Zweikinderfamilien. Kinder mit vielen Geschwistern sind früher selbstständig und unternehmen mehr allein als Kinder in kleineren Familien. Gleichzeitig helfen sie öfter im Haushalt und bei der Betreuung von Geschwistern. Gegenüber Einkindfamilien bleiben die Eltern in Mehrkinderfamilien beim Spielen eher außen vor. Durchschnittlich betrachtet ist der Bildungserfolg von Kindern mit vielen Geschwistern geringer als in kleineren Familien.

Mehrkinderfamilien sind häufiger im Westen als im Osten Deutschlands anzutreffen. Während Mehrkinderfamilien ohne Migrationshintergrund überwiegend in eher ländlichen Gebieten wohnen, leben kinderreiche Familien mit Migrationshintergrund häufiger in städtischen Regionen. Der Anteil von Mehrkinderfamilien ist bei Familien mit Migrationshintergrund deutlich höher. In der Tendenz findet aber eine Anpassung an das generative Verhalten der deutschen Familien statt.

Es gibt spezifische Konstellationen von Mehrfachbelastungen, die Mehrkinderfamilien erheblich überfordern können. Dazu zählen die junge, bildungsschwache, ressourcenarme Mehrkinderfamilie, die Mehrkinderfamilie in ressourcenarmen Wohngegenden, die Patchwork-Mehrkinderfamilie sowie die große Einelternfamilie.

In Deutschland sind kinderreiche Familien ökonomisch deutlich schlechter gestellt als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sie tragen auch ein höheres Risiko, in eine finanziell schwierige Lage zu geraten als kleinere Familien oder Mehrkinderfamilien in anderen europäischen Ländern. Dies unterstreichen auch die Aussagen von Erich Stutzer, Leiter der FaFo FamilienForschung Baden-Württemberg (im Statistischen Landesamt). Er beschreibt im DJI-Gastbeitrag die ökonomische Situation von Mehrkinderfamilien am Beispiel Baden-Württembergs, wo der Anteil kinderreicher Familien in den letzten 30 Jahren um nahezu 40 Prozent zurückgegangen ist und beklagt, dass es in Deutschland - anders als beispielsweise beim Familiensplitting in Frankreich - außer den Freibeträgen für Kinder, keine weiteren speziellen Komponenten zur steuerlichen Förderung kinderreicher Familien gibt.

Weitere Informationen unter: http://www.dji.de/thema/1003

Herausgeber: Deutsches Jugendinstitut e.V.

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