Familienforschung / Familienpolitik

DJI Jahrestagung 2017 – Neu über Familien und ihre Bedürfnisse nachdenken

DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach bei der Eröffnung des Tagung "Konstant im Wandel. Was Familien heute bewegt" am 20.11.2017 im Berliner Hotel Aquino.
Bild: © Yves Sucksdorff Motto der DJI-Jahrestagung 2017: "Konstant im Wandel. Was Familien heute bewegt"

Eine exakte Beschreibung sozialer Realität ist eine wichtige Grundlage dafür, das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen bestmöglich zu gestalten. Deshalb hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) bei seiner Jahrestagung am 20. und 21. November 2017 in Berlin die gelebte Alltagspraxis von Familien thematisiert.

„Wir müssen darüber sprechen, unter welchen Bedingungen die verschiedenen Familienformen hierzulande ihr Zusammenleben gestalten und welche Veränderungen dabei erkennbar sind“, sagte DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach in seiner Begrüßungsrede am Montagabend. Dabei gehe es nicht um die moralisch aufgeladene Frage, wie die Familie idealerweise auszusehen habe, sondern vielmehr darum, die richtigen politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen aus den gewandelten Familienrealitäten zu ziehen.

Konsequenzen gewandelter Familienrealitäten 

Unter dem Titel „Konstant im Wandel. Was Familien heute bewegt“ trafen sich am 20./ 21. November 2017 etwa 300 Fachleute aus Praxis, Politik und Wissenschaft sowie Interessierte im Berliner Hotel Aquino. In neun Foren diskutierten sie beispielsweise über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die bedeutungsvoller werdende soziale Elternschaft, die Rolle der Väter und den wachsenden Stellenwert der staatlichen Kinderbetreuung sowie die damit verbundenen steigenden Ansprüche bei der Kindererziehung.

Bei einer Podiumsdiskussion über eine zeitgemäße Familienpolitik tauschten sich am Montagabend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Interessensvertreterinnen und -vertreter mit Petra Mackroth, Leiterin der Familienabteilung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSJ), aus. Diese bestätigte den politischen Handlungsbedarf: „Neben familienorientierter Infrastruktur und Beratung für Familien brauchen wir neue Modelle, die ihnen zu mehr Zeit verhelfen und sie finanziell absichern.“

„Doing Family“ – Familienleben besser verstehen

Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der DJI-Familienabteilung und engagierte Verfechterin einer geschlechtergerechten, modernen Familienpolitik, beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Frage, wie das Konzept des „Doing Family“ dabei helfen kann, das Familienleben besser zu verstehen. „Man hat eine Familie nicht einfach, sondern man muss sie immer wieder neu herstellen“, erläuterte die Soziologin. Dieser Kerngedanke der Familienwissenschaften treffe insbesondere auf neue Formen von Familie und Elternschaft zu. Aktuelle Studien zeigten ganz klar: Beziehungsqualität, Wohlbefinden und die gute Entwicklung von Kindern hänge nicht von der Familienform ab. Dr. Karin Jurczyk forderte deshalb mehr Anerkennung für die Sorgearbeit aller Eltern, die verlässlich Verantwortung für ein Kind übernehmen: „Die Sorge für Kinder darf nicht länger als Liebesdienst gelten.“

Wer Familie heute verstehen wolle, müsse die Entwicklungen seit den 1970er-Jahren betrachten, erläuterte die DJI-Abteilungsleiterin: Eine stark gestiegene Erwerbstätigkeit von Müttern, veränderte Geschlechterkonzepte und gewachsene Erwartungen an Partnerschaften hätten die etablierten Strukturen aufgebrochen und neue Familienmodelle hervorgebracht. Während im Jahr 1996 noch mehr als 80 Prozent aller minderjährigen Kinder in Deutschland bei verheirateten Eltern aufgewachsen sind, ist dieser Anteil bis zum Jahr 2016 auf knapp 70 Prozent gesunken. Stattdessen leben heute deutlich mehr Kinder in nicht-ehelichen Lebenspartnerschaften oder bei einem alleinerziehenden Elternteil. Infolge von Trennungen und Scheidungen bilden sich gleichzeitig neue Familien, sogenannte Patchwork- oder Stieffamilien. Hinzu kämen die Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen.

Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen

Lange Zeit war Elternschaft ein überwiegend biologisch geprägter Ausdruck: Eltern eines Kindes waren stets der leibliche Vater und die leibliche Mutter. Doch familiale Lebensformen sind heute weniger einheitlich und weniger stabil. Die soziale Elternschaft gewinnt an Bedeutung. Darauf müssen politische und rechtliche Reformen folgen, sagt Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung „Familie und Familienpolitik“, im Video. Elternschaft sei nicht einfach ein von der Natur gegebenes Abstammungsverhältnis, sondern eine verantwortliche Beziehung der älteren Generation gegenüber der jüngeren, die sehr unterschiedlich ausgestaltet und gelebt werden kann. „Politik muss die gelebte Alltagspraxis von Familien unterstützen und nicht bestimmte Familienformen“, fordert die Soziologin. Beim Ausgleich der Rechte und Pflichten der Eltern müsse stets das Kindeswohl im Mittelpunkt stehen.

„Was alle Familien eint, sind Sorgetätigkeit und Verantwortung für ihre Kinder, nicht unbedingt Ehe und Blutverwandtschaft“, resümierte Dr. Karin Jurczyk. Damit stehe die gelebte Familienpraxis häufig im Widerspruch zum normativen Leitbild der biologischen, heterosexuellen, arbeitsteiligen Zwei-Eltern-Normalfamilie. Darauf müssten die notwendigen gesellschaftlichen, rechtlichen und politischen Konsequenzen folgen.

Der Tagungsbericht im Original mit Fotomaterial und weiteren Informationen steht auf der Webseite des DJI zur Verfügung. Das aktuelle DJI Impulse mit dem Titel „Mehr als Vater, Mutter, Kind“ informiert über neue Formen von Elternschaft. 

Quelle: Deutsches Jugendinstitut e.V. vom 21.11.2017 

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