Bildungsforschung / Sozialpolitik

NRW-Langzeitstudie: Zusammenhang von Sozialraum und Bildungschancen

Starker Schüler hebt Bücher über seinem Kopf, neben ihm ist eine Glühbirne auf die Tafel gemalt.
Bild: © drubig-photo - Fotolia.com

Eine NRW-weite Langzeitstudie der Ruhr-Universität Bochum zeigt einen starken Zusammenhang des Sozialraums von Grundschulen und der Übergangsquote zum Gymnasium. Zudem gibt die Studie Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung, um die aufgezeigten Herausforderungen zu adressieren. Dazu seien eine gerechtere Ressourcenverteilung sowie integrierte Lösungsansätze notwendig.

Quartiere mit besonderen Problemlagen erhalten in der öffentlichen Berichterstattung oftmals negative und stark verkürzende Stigmatisierungen wie beispielsweise „No-Go-Areas“. Solche Etikettierungen sind jedoch nicht lösungsorientiert und können sogar verschärfende Wirkungen erzielen. Wichtig ist es, räumlich konzentrierte Maßnahmen durchzuführen, die ein Auseinanderdriften von Stadtteilen verhindern – so die Stiftung Mercator, die die Studie gefördert hat.

Zusammenhang zwischen Sozialraum der Grundschule und Übergangsquote zum Gymnasium

Die Ergebnisse der Studie verweisen auf einen starken Zusammenhang zwischen dem Sozialraum der Grundschulen und der Übergangsquote zum Gymnasium. Wenn die Grundschulen in Bezirken liegen, deren Entwicklung im Verlauf des Strukturwandels von Arbeitervierteln hin zu sozial benachteiligten Bezirken erfolgt, sind die Teilhabechancen der Kinder deutlich geringer als etwa in bürgerlichen Bezirken. Darüber hinaus zeigt sich, dass die deutschen Schüler wesentlich stärker von der Bildungsexpansion profitieren als Schüler ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Die Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit sind viel seltener in den höheren Bildungsgängen anzutreffen. Dieser Zusammenhang findet sich mit sehr deutlicher Ausprägung in den betrachteten Quartieren

Herausforderungen der Quartiere

Was muss getan werden? Die besonderen Herausforderungen der betreffenden Quartiere erfordern der Studie zufolge räumlich konzentrierte Maßnahmen. Wichtig ist, dass Politik und Verwaltung die Problemlagen nicht isoliert nach Ressorts und Bereichen zu behandeln versuchen, sondern auf das jeweilige Quartier zugeschnittene integrierte Lösungsansätze verfolgen. Der Fokus sollte zudem auf höhere und wirksame Investitionen in den Bereichen Bildung, Sicherheit und bezahlbarem Wohnraum liegen. Zudem ist im Ruhrgebiet eine isolierte Sicht auf die Quartiere innerhalb einzelner Kommunen weniger zielführend als eine regionale Kooperation der Kommunen, die gemeinsam Lösungsansätze für Quartiere mit jeweils ähnlichen Herausforderungen erarbeiten. Essenziell ist für das Ruhrgebiet eine doppelte Sichtweise: zum einen auf kleinräumiger Ebene, zum anderen auf die Gesamtregion. Dies ermöglicht damit den Transfer erfolgreicher Lösungsansätze von Quartier zu Quartier. Diesen Ansatz verfolgen unter anderem bereits zahlreiche Partner in der Bildungsinitiative RuhrFutur, die bereits seit 2013 von der Stiftung Mercator gefördert wird.

Über die Studie

Die Studie des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) schließt mit ihrem Forschungsdesign damit eine Lücke in der Regionalforschung des Ruhrgebiets. Es handelt sich um die erste flächendeckende und trotzdem kleinräumige Datenanalyse, die ihren Blick nicht auf die Städte richtet, sondern auf die Quartiere. So entstand eine Langzeitstudie, die teilweise über 40 Jahre die Entwicklung der Quartiere analysiert hat. Methodisch geht die Studie neue Wege und versucht den Zusammenhang von Sozialraum und Bildungschancen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die Ergebnisse der quantitativen statistischen Analyse werden durch weitere qualitative Analysen ergänzt. So kommen einerseits Lehrer als Bildungsexperten zu Wort, andererseits wird der gesellschaftliche Wandel in den Augen der Bewohner der Metropole Ruhr auf Basis der repräsentativen Längsschnittstudie SOEP abgebildet.

Die wissenschaftliche Studie wurde ergänzt durch das von der Brost-Stiftung geförderte Projekt „Heimat im Wandel“ , welches durch Fotografien von 1972 und heute ebenfalls die wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation des Ruhrgebiets anschaulich macht. Die zugehörige Ausstellung wird heute in Bochum eröffnet.

Die Ergebnisse der Studie können von der Webseite der Stiftung Mercator abgerufen werden.

Quelle: Stiftung Mercator vom 15.09.2017