Bildungsforschung / Gender

Neue PISA-Auswertung: Mädchen beim Problemlösen im Team besser als Jungen

Acht Menschen sitzen um einen Tisch und erarbeiten gemeinsam ein Projekt.
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Mädchen schneiden deutlich besser ab als Jungen, wenn es darum geht, gemeinsam Probleme zu lösen. Insgesamt erzielen in Deutschland 15-Jährige in diesem Kompetenzbereich bessere Ergebnisse als in den ‚klassischen’ PISA-Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Auch die soziale Herkunft hat weniger Einfluss auf die Fähigkeit, gemeinsam Probleme zu lösen.

Dies sind die wesentlichen Ergebnisse eines neuen Testmoduls aus PISA 2015, die am 21.11.2017 vorgestellt wurden. Rund 125.000 15-Jährige aus 52 Ländern haben an der Erhebung teilgenommen. Zum ersten Mal analysiert die Studie, wie gut die Schüler als Gruppe zusammenarbeiten, welche Einstellung sie bezüglich der Zusammenarbeit haben und inwieweit Geschlecht, außerschulische Aktivitäten oder sozialer Hintergrund die Ergebnisse beeinflussen.

Teamarbeit als neuer Schwerpunkt 

„In einer Welt, in der soziale Kompetenzen einen immer größeren Stellenwert einnehmen, müssen die Bildungssysteme diese Fähigkeiten systematisch quer über den Lehrplan der Schule hinweg fördern“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. „Sowohl Eltern als auch die Gesellschaft als Ganzes müssen ihren Beitrag dazu leisten.“

Schülerinnen und Schüler, die über gute Kompetenzen im Bereich Lesen oder Mathematik verfügen, schneiden in der Regel auch beim gemeinsamen Problemlösen gut ab, da auch hier kognitive Fähigkeiten, wie die Interpretation von Informationen, von großer Bedeutung sind.

Schülerinnen und Schüler in Australien, Japan, Korea, Neuseeland und den Vereinigten Staaten arbeiten jedoch besser in der gemeinsamen Problemlösung, als es aufgrund ihrer Ergebnisse in den Bereichen Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik zu erwarten wäre. Dagegen schneiden Schülerinnen und Schüler in den vier chinesischen Provinzen, die an PISA teilgenommen haben (Peking, Shanghai, Jiangsu und Guangdong), im Vergleich zu ihren Ergebnissen in Mathematik und Naturwissenschaften, schlechter ab.

Deutschland in der Spitzengruppe

Bei der sechsten internationalen PISA-Studie im Frühjahr 2015 wurde erstmals zusätzlich ein Test zur sogenannten kollaborativen Problemlösekompetenz eingesetzt. Den 15-Jährigen wurden am Computer verschiedene Aufgaben gestellt, deren Lösung sie gemeinsam mit mehreren anderen Personen erarbeiten mussten. Diese Personen wurden vom Testprogramm simuliert. Beispielsweise sollte die Gruppe ein Ausflugsziel für einen Schulaustausch finden, dabei die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten recherchieren und ein Missverständnis ausräumen, das in den Test „eingebaut“ war.

Die Schülerinnen und Schüler in Deutschland konnten diesen Test besser lösen (525 Punkte) als der Durchschnitt der 15-Jährigen in den OECD-Staaten (500 Punkte). Allerdings ist der Abstand zum Spitzenreiter Japan (552 Punkte) ähnlich groß wie zum Durchschnitt. Damit gehört Deutschland in der Auswertung zu einer Gruppe mit Australien, den USA, Dänemark und Großbritannien, deren Ergebnisse sich nicht signifikant voneinander unterscheiden. Zur Spitzengruppe zählt Deutschland beim Anteil der besonders kompetenten Schülerinnen und Schülern, der 13 Prozent beträgt. Deutlich hinter den Bestplatzierten steht Deutschland, wenn man den Anteil der besonders wenig kompetenten Jugendlichen betrachtet: Er liegt mit 21 Prozent im Durchschnitt der OECD, ist damit aber doppelt so hoch wie etwa in Japan.

Mädchen schneiden besser ab als Jungs 

Mädchen schneiden in allen Ländern durchweg besser ab als Jungen. Sie sind mit einer 1,6-fach höheren Wahrscheinlichkeit in der Leistungsspitze vertreten als Jungen, während Jungen mit einer 1,6-fach höheren Wahrscheinlichkeit häufiger unter den leistungsschwachen Schülern zu finden sind. In PISA 2012, wo individuelle Problemlösungskompetenz abgefragt wurde, schnitten Jungen besser ab als Mädchen.

Der Test ergab keinen signifikanten Unterschied in der Leistung von sozial begünstigten oder benachteiligten Schülern oder zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund. Höhere Vielfalt im Klassenzimmer ist jedoch tendenziell mit besseren Fähigkeiten zur Zusammenarbeit verbunden. So erzielen in einigen Ländern Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund bessere Leistungen, wenn sie Schulen mit einem größeren Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund besuchen.

Regelmäßig Gruppenarbeit im Unterricht

In einem Fragebogen, der ebenfalls Teil der PISA-Studie war, gab gut die Hälfte der deutschen Lehrerinnen und Lehrer an, mindestens einmal in der Woche Gruppenarbeiten in den Unterricht einzubauen – mehr als im internationalen Durchschnitt. Leicht über dem Schnitt liegen auch die Werte, mit denen die Schülerinnen und Schüler einstuften, wie viel Freude ihnen das Arbeiten im Team bereitet und wie stark es ihnen weiterhilft.

„Sowohl im Beruf als auch im Alltag stehen wir ständig vor Problemen, die wir ohne andere Menschen nicht lösen können. In der Arbeitswelt handelt es sich dabei zunehmend um Aufgaben, für die es keine Routine gibt“, sagt Prof. Kristina Reiss vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München (TUM), die Koordinatorin des deutschen Teils der PISA-Studie. „Deshalb ist es gut, dass in den Schulen diese Arbeitsweise regelmäßig geübt wird und die Jugendlichen im OECD-Vergleich eine überdurchschnittliche Kompetenz erworben haben. Es ist auch erfreulich, dass der Anteil hochkompetenter Jugendlicher in Deutschland groß ist. Allerdings sollten die Schulen ein stärkeres Augenmerk auf das Fünftel der Schülerinnen und Schüler legen, das es kaum schafft, komplexe Probleme zusammen mit anderen zu lösen.“

Sport unterstütz positive Einstellung zur Zusammenarbeit 

Schülerinnen und Schüler, die am Sportunterricht teilnehmen oder außerhalb der Schule Sport treiben, haben insgesamt eine positivere Einstellung zur Zusammenarbeit. Wer dagegen außerhalb der Schule Videospiele spielt, schneidet bei der Problemlösung im Team etwas schlechter ab als Schüler, die dies nicht tun. Auf der anderen Seite erzielen Schüler, die außerhalb der Schule das Internet oder soziale Netzwerke benutzen, leicht bessere Testergebnisse als andere Schüler.

Die Förderung eines positiven Schulklimas kann sich auch auf die Fähigkeit, gemeinsam Probleme zu lösen, auswirken. Schulen könnten etwa mehr soziale Aktivitäten organisieren, Weiterbildung für Lehrkräfte zum Unterrichtsmanagement anbieten oder Mobbing bekämpfen.

Mehr Informationen zu Pisa 2015 mit Länderanalysen, Zusammenfassungen und statistischem Material (in englisch) stehen auf den Webseiten der OECD zur Verfügung. Über die speziellen Ergebnisse in Deutschland informiert das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). 

Quelle: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung vom 21.11.2017 

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