Bildungsforschung / Jugendforschung

Gut vorbereitet auf die Demokratie? Internationale Studie deckt Schwächen auf

Vier lächelnde Jugendliche in der Schule.
Bild: © yanlev - Fotolia.com

Wie gut werden Jugendliche in der Schule auf ihre Rolle als Bürgerinnen und Bürger in Demokratien vorbereitet? Diese Frage steht im Mittelpunkt der International Civic and Citizenship Education Study 2016 (ICCS 2016). Prof. Dr. Hermann Josef Abs und Dr. Katrin Hahn-Laudenberg von der Universität Duisburg-Essen (UDE) leiteten den deutschen Part dieser weltweiten Studie.

Zu den 24 untersuchten Schulsystemen in Europa, Asien und Lateinamerika gehört erstmals Nordrhein-Westfalen, stellvertretend für Deutschland. Prof. Abs: „Erstmals seit 1999 liegen jetzt international vergleichbare Erkenntnisse über die Situation der politischen und zivilgesellschaftlichen Bildung für ein deutsches Bundesland vor.“

Die Aussagen der befragten 1.451 Schüler/-innen sind repräsentativ für die 14-Jährigen in NRW. Sie zeigen, welche Kompetenzen und Kenntnisse die Achtklässler bereits erworben haben. Prof. Abs: „Da die Vollzeitschulpflicht zehn Schuljahre umfasst, bleiben nur zwei Jahre, um die fehlenden Kompetenzen zu vermitteln, die ein mündiger Bürger benötigt.“

Die Ergebnisse im Überblick

  • Beim Test zum politischen Wissen schnitten die NRW-Jugendlichen im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich ab. Es zeigt sich eine starke Abhängigkeit vom Bildungshintergrund der Elternhäuser und von der Schulform.
  • Die 14-Jährigen in NRW identifizieren sich weniger mit Deutschland als die  Gleichaltrigen mit den Ländern, in denen sie am Test teilgenommen haben. Die NRW-Jugendlichen unterstützen aber eindeutig die Werte der politischen Gleichstellung von Männern und Frauen und die Rechte von Migrant/innen.
  • Die Achtklässler in NRW vertrauen den staatlichen und politischen Institutionen (z.B. Gerichte, Polizei und Parteien) deutlich mehr als die gleich alten Schüler/-innen im Europavergleich. Dem Schulsystem bringen sie weniger Vertrauen entgegen.
  • Die NRW-Jugendlichen beziehen das Konzept Bürgerschaft eher auf den privaten Bereich. Wichtig sind für sie die wirtschaftliche Sicherung der Familie sowie das Respektieren individueller Meinungsfreiheit. Der Beitritt zu einer Partei, die Teilnahme an Wahlen oder an friedlichen Demonstrationen spielt für sie keine große Rolle.
  • Im europäischen Vergleich sind die NRW-Jugendlichen sehr wohl motiviert, politische Themen im Unterricht einzubringen, auch wenn sie sich von ihren Lehrkräften relativ seltener dazu ermutigt sehen. Bedroht sehen sie die Zukunft der Erde vor allem durch Umweltverschmutzung, Klimawandel und Terrorismus. Beinahe alle 14-Jährigen erwarten jedoch, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden.

Fazit

Politisches Wissen als eine wesentliche Ressource für politische Aktivitäten in der Demokratie steht Jugendlichen in NRW im europäischen Vergleich nur in geringerem Umfang zur Verfügung. Besonders auffällig sind die starke Abhängigkeit von den Bildungsressourcen der Eltern und der geringe Anteil der Achtklässler, die die höchste Kompetenzstufe erreichen.

Prof. Abs: „In fast keinem anderen teilnehmenden Schulsystem ist das politische Wissen und Argumentieren so stark mit der familiären Herkunft verbunden. In NRW gibt es außerdem große Unterschiede im politischen Wissen bei den Achtklässlern in Gymnasien und anderen Schulformen.“

Im europäischen Vergleich bestätigte sich, dass die Jugendlichen mit mehr als 25 Büchern zu Hause über ein deutlich größeres politisches Wissen verfügen als diejenigen aus bildungsfernen Haushalten. Die Bücheranzahl gilt bis heute als wichtiger Indikator für das kulturelle und Bildungskapital einer Familie.

Die Rolle von Religion und Beruf

Für ein Drittel der NRW-Schüler/-innen ist Religion wichtiger als Politik (36%). Für mehr als ein Fünftel (23%) sind religiöse Regeln wichtiger als staatliche Gesetze. Sieben von zehn NRW-Achtklässlern sind überzeugt, dass Migranten in Deutschland häufiger ungerecht behandelt werden als andere Gruppen.

Insgesamt zeigen sich die Jugendlichen in den europäischen Teilnehmerländern wenig besorgt, wenn nach individuellen Berufsperspektiven gefragt wird. 97% der 14-Jährigen in NRW erwarten, dass sie in Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz finden. Einen ökonomischen Abstieg befürchten eher die Jugendlichen in NRW, die keinen Migrationshintergrund oder die mindestens ein Elternteil haben, das über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügt.

Download

„ICCS 2016 auf einen Blick. Das politische Mindset von 14-Jährigen - Zentrale Ergebnisse zur International Civic and Citizenship Education Study 2016“ (PDF, 2,5 MB)
Weitere Informationen zur ICCS 2016

Quelle: Universität Duisburg-Essen (UDE) vom 07.11.2017

Info-Pool