Bildungsforschung / Ganztagsbildung

Chancenspiegel 2017: Bessere Chancen für Schüler, aber Unterschiede zwischen Bundesländern wachsen

Junge träumt von Raketen, Astronauten und dem Weltall.
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Seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 geht es mit Deutschlands Schulen voran. Die Leistungen haben sich verbessert, weniger Schüler bleiben ohne Abschluss. Die soziale Herkunft beeinflusst die Chancen der Schüler jedoch nach wie vor erheblich. Auch sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern seit 2002 größer geworden.

Deutschlands Schulsysteme wurden in den vergangenen 15 Jahren modernisiert, aber die Bundesländer haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. Zu dieser Zwischenbilanz kommt der Chancenspiegel 2017, den die Bertelsmann Stiftung, die Technische Universität Dortmund und die Friedrich-Schiller-Universität Jena heute veröffentlichen. Der Chancenspiegel attestiert allen Bundesländern, ihre Schulsysteme insgesamt leistungsstärker und chancengerechter gemacht zu haben – wenn auch auf unterschiedlichem Niveau und mit unterschiedlichen Schwachstellen.

Angestoßen vom Investitionsprogramm der damaligen Bundesregierung ist seit 2002 die Ganztagsschule in Deutschland ausgebaut worden. 2009 hat sich das Land in der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap zu fördern. Zudem machen viele Länder ihre Schulsysteme durchlässiger: In fünf Bundesländern sind 85 Prozent der siebten Klassen an Schulen mit einer Oberstufe. Sie eröffnen ihren Schülern damit den Weg zum Abitur oder Fachabitur. "Bei zunehmender Vielfalt in den Klassenzimmern gibt es in den Bildungssystemen aller Bundesländer Verbesserungen. Das ist ein Verdienst von Politik und Lehrern", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Mehr Ganztagsplätze und höhere Schulabschlüsse – aber Herausforderungen bleiben

Bundesweit beobachtet der Chancenspiegel bei Ganztagsausbau, gemeinsamem Lernen und Schulabschlüssen einen steten Aufwärtstrend. Lernte 2002 nur einer von zehn Schülern an einer Ganztagsschule, sind es heute knapp vier von zehn. 2002 besuchte lediglich jeder achte Förderschüler eine reguläre Schule, heute gilt das für rund jeden dritten. Und während 2002 nur 38,2 Prozent der Schulabgänger das Recht auf ein Hochschulstudium erwarben, gelingt dies heute 52,2 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss von 9,2 auf 5,8 Prozent.

Die Chancen benachteiligter Schüler haben sich ebenfalls verbessert, bleiben aber die große Herausforderung für die Schulpolitik. Dies gilt vor allem für den Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Trotz leichter Verbesserungen liegen Neuntklässler aus sozioökonomisch schwächeren Milieus in ihrer Lesekompetenz immer noch mehr als zwei Schuljahre hinter ihren Klassenkameraden aus privilegierten Milieus zurück.

Für ausländische Schüler war das Risiko eines Schulabbruchs ebenso wie für deutsche Schüler lange Zeit gesunken. Seit 2011 jedoch haben sich die Entwicklungen entkoppelt: Während der Anteil der deutschen Schüler ohne Abschluss weiter abgenommen hat, ist der der Ausländer wieder leicht auf 12,9 Prozent angestiegen. Letzteres bezeichnete Dräger als Warnsignal. "Es bleibt eine große Herausforderung, Jugendlichen zumindest einen Hauptschulabschluss zu ermöglichen, gerade wenn sie als Flüchtlinge erst spät ins deutsche Schulsystem einsteigen."

Förderschüler sind mittlerweile besser integriert als im vergangenen Jahrzehnt. Immer mehr besuchen eine reguläre Schule. Aber: Die Zahl der Schüler mit Förderbedarf steigt stetig. Deshalb werden heute anteilig fast noch genauso viele Kinder wie 2002 separat unterrichtet. Damals gingen 4,8 Prozent aller Schüler auf eine Förderschule, heute sind es 4,6 Prozent. Obwohl die Inklusion steigt, geht die Exklusion also kaum zurück.

Unterschiede zwischen Bundesländern sind groß und häufig gewachsen – gemeinsame Standards nötig

"Die generellen Verbesserungen hinsichtlich der Chancengerechtigkeit dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es große Unterschiede zwischen den Ländern gibt und diese seit 2002 noch gewachsen sind", betont Professor Wilfried Bos von der TU Dortmund. So schwankt der Anteil der Ganztagsschüler zwischen 80 Prozent in Sachsen und 15 Prozent in Bayern. Der Abstand der Bundesländer mit den meisten und den wenigsten Ganztagsplätzen hat sich zwischen 2002 und 2014 beinahe vervierfacht. In Bremen besuchen 1,5 Prozent der Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern fast 7 Prozent.

Auch bei der Exklusion sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern seit 2002 größer geworden. Die Aussicht auf ein Ticket fürs Studium reicht von 62 Prozent in Hamburg bis 38 Prozent in Sachsen-Anhalt. Die Abstände der Bundesländer beim Erwerb der Hochschulreife haben in den letzten 12 Jahren ebenfalls zugenommen. In Brandenburg bleiben nur knapp 4 Prozent der ausländischen Schüler ohne Abschluss, in Sachsen hingegen 27 Prozent.

Einen weiteren Problembereich benennt Professor Nils Berkemeyer von der FSU Jena: "Nicht hinzunehmen ist, dass beim Kompetenzerwerb in der neunten Klasse ein Unterschied von mehr als drei Lernjahren zwischen Sachsen und Bremen besteht." Ein öffentliches Schulsystem müsse für vergleichbare Chancen sorgen und ein Mindestmaß an Fähigkeiten vermitteln, im Interesse der Jugendlichen und der Gesellschaft. "Welche Institutionen wie auf die Chancengerechtigkeit der Schulsysteme wirken, ist zukünftig verstärkt zu erforschen. Eindeutig ist, dass in Bund und Ländern über Standards gerechter Schulsysteme diskutiert werden sollte", erklären die Professoren Berkemeyer und Bos.

Gingen die Reformen im bisherigen Tempo weiter, so Jörg Dräger, dauerte es noch mindestens drei Jahrzehnte, bis alle Kinder in Deutschland einen Ganztagsschulplatz erhielten: "Bessere Chancen für alle Schüler gibt es nur, wenn Bund und Länder mehr in die Schulsysteme investieren und gemeinsame Qualitätsstandards für ganztägige und inklusive Schulen vereinbaren. Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz, damit der Reformeifer nicht erlahmt."

Zusatzinformationen

Der Chancenspiegel ist ein ergänzendes Instrument der Bildungsberichterstattung, das Leistungsfähigkeit und Chancengerechtigkeit konkret erfassbar und vergleichbar macht. In den vier Dimensionen Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe bewertet er ausgewählte Indikatoren aus amtlichen Statistiken und empirischen Leistungsvergleichsstudien. Der Chancenspiegel ist ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung, des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund und des Instituts für Erziehungswissenschaft (IfE) der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Mit der vorgelegten Publikation findet das gemeinsame Projekt nach sieben Jahren einen Abschluss.

Weitere Informationen zum Untersuchungsdesign, Grafiken, Links zur Studie und Profile der einzelnen Bundesländer stehen auf der Webseite der Bertelsmann-Stiftung zur Verfügung. 

Quelle: Bertelsmann-Stiftung vom 01.03.2017

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