Im Gespräch

Praxisalltag und Corona – Studierende sorgen sich um Leistungsnachweise, Praktika und Qualifikationen

Schüler/-innen schauen gemeinsam mit ihrem Lehrer in einer Bibliothek auf einen Globus.
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In unserer Reihe „Im Gespräch“ über die Auswirkungen der Corona-Pandemie sprechen wir mit Prof. Dr. Kerstin Rock von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Sie ist Leiterin des Studiengangs „Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit“. Sie berichtet über die Verunsicherung der Studierenden und ihre prekäre finanzielle Situation, die schnelle Umstellung der Hochschule auf digitale Formate, die Veränderungen in den Praxisphasen und die Einführung einer Freischussregelung.

Die Pandemie hat gravierende Auswirkungen auf das Studium und die Praxisphasen der Studierenden der Sozialen Arbeit. Das bundesweite Bündnis „Solidarsemester“, ein Zusammenschluss verschiedener Hochschulgruppen und Studentenvertretungen, hat in seinem im Sommer 2020 herausgegebenen Forderungskatalog die Situation von Studierenden dargelegt. In dem Aufruf (www.solidarsemester.de) heißt es: „Die Corona-Krise ist auch eine Krise der Universitäten und Hochschulen. Sie betrifft Studierende, Lehrende und Wissenschaftler*innen. Damit hat sie tiefgreifende Auswirkungen auf die Forschung, Lehre und die gesellschaftlich hochrelevante Verbreitung des erarbeiteten Wissens. Unter den aktuellen Bedingungen nehmen die sozialen Ungleichheiten sowohl unter den Studierenden als auch unter den Wissenschaftler*innen weiter zu … Am deutlichsten trifft dieses Problem die Studierenden … Existenzangst lähmt, sie lenkt vom Studium ab und zwingt zum Studienabbruch.“

Neben dem möglichen finanziellen Druck und der Isolation wegen der Kontaktbeschränkungen wächst die Sorge um die notwendigen Leistungsnachweise, Praktika und Qualifikationen, die nicht erbracht oder absolviert werden können. Die Forderung nach einem „Kann-Semester“ oder „Freiversuche“ sind zwei Bespiele, die den Leistungsdruck während der Pandemiesituation entschärfen könnten.

Frau Professoring Rock, Sie sind die Leiterin des Studiengangs „Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit“. Wie ist Ihre Einschätzung zur Situation an Ihrer Hochschule?

Anlässlich der besonderen Situation im Sommersemester 2020 haben wir uns hochschulweit und in der Fakultät für Sozialwissenschaften intensiv darum bemüht, mit den Studierenden im Gespräch zu bleiben, ihre Probleme und Bedürfnisse aufzunehmen und Lösungen zu suchen, damit keine Nachteile im Studienverlauf entstehen. Im April 2020 fand eine erste Online-Kurzumfrage zum „Studieren in Zeiten von Corona“ statt. Eine zweite Studierendenbefragung wurde dann im Juli/August 2020 durchgeführt. Zusätzlich haben wir in der Fakultät für Sozialwissenschaften den direkten Austausch mit den Studierenden gesucht. Das Open Ear, das regelmäßig mit Studierenden aller Semester stattfindet, wurde als Videokonferenz organisiert und für das Wintersemester haben wir moderierte digitale Foren zum Austausch der Studierenden eingerichtet.

Verunsicherung bei den Studierenden: Finanzierung des Studiums, Verlust der Nebenjobs und Sorge um die Prüfungen

Wie waren die Ergebnisse? Was bewegt die Studierenden in dieser Zeit? 

Zum Zeitpunkt der ersten Online-Befragung konnten wir eine große Verunsicherung feststellen. Ein Drittel der befragten Studierenden sah die Weiterführung ihres Studiums sogar als gefährdet. Die Gründe, die dabei besonders ins Gewicht fielen, waren die Unsicherheit der Finanzierung des Studiums, der Verlust des Nebenjobs und die Unklarheit über Prüfungstermine. Im Mai wurde dann vom Senat der htw saar eine „Studien- und Lehrbetriebsordnung“ erlassen. Diese sogenannte NotASPO erlaubt es die Form und Dauer von Prüfungsleistungen zu ändern. Mündliche Prüfungen können nunmehr digital erfolgen und andere Prüfungsformate wie Hausarbeiten und Projektarbeiten über die Lehrplattform abgebildet werden. Außerdem wurde für das Sommersemester 2020 die Freischussregelungen eingeführt. Das heißt Prüfungen, die nicht bestanden werden, gelten als nicht unternommen und Leistungen von bestandenen Prüfungen können nachträglich ohne Note verbucht werden. 
Die Fortsetzung der Überbrückungsgelder ist ganz wichtig, viele gerade unserer Studierenden beziehen kein Bafög, da sie bereits eine Ausbildung abgeschlossen haben.

Die „Freischussregelung“ wurde auch für das Wintersemester verlängert 

Die Pandemie wirkt sich aktuell wieder massiv auf alle Lebensbereiche aus. Prüfungen, Praktika, Präsenzvorlesungen und vieles mehr schränken den Regelbetrieb weiter ein. Ein Ende der Kontaktbeschränkungen dürfte vor Mitte des Jahres nicht in Betracht kommen. Wie reagiert die Hochschule darauf?

Als eine Reaktion darauf wurde die ursprünglich vorgesehene Beendigung der Freischussregelung wieder aufgegeben. Der Senat der Hochschule hat im November die Studien- und Lehrbetriebsordnung auf das Wintersemester 2020/21 verlängert. Seitens des Allgemeinen Studierendenausschusses der htw saar wurde dies ausdrücklich begrüßt. 
Neben der flexibleren Handhabung von Prüfungen hat die Hochschule mit viel Nachdruck die Umstellung auf Online-Lehre verfolgt und den Lehrenden dazu die notwendige Unterstützung bereitgestellt. In der Fakultät für Sozialwissenschaften wurde für das Wintersemester ein Konzept der Teilpräsenz erstellt. Damit sind wir dem vielfach geäußerten Wunsch der Studierenden nach direktem Austausch mit den Dozierenden nachgekommen. Leider mussten im Dezember wegen der allgemeinen Verschärfung der Corona-Maßnahmen die Präsenzphasen wieder durch Online-Lehre ersetzt werden. 

Differenzierte Regelungen für die Praxisphasen unterstützen die Studierenden

Welche Auswirkungen haben die Beschränkungen auf die Praxisphasen und die staatliche Anerkennung auf die Studiengänge im Bereich der sozialen Arbeit?  Verlängern sich dadurch die Studienzeiten?

Bis auf einige wenig können alle Studierende im 5. Semester des Bachelor Studiengangs „Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit“ die curricular vorgesehene Praxisphase von 20 Wochen derzeit absolvieren. Die praxisbegleitenden Lehrveranstaltungen werden über E-Learning-Formate angeboten. Diejenigen Studierenden, die – etwa aus gesundheitlichen Gründen – derzeit nicht im Praxissemester sind, nehmen an einem Ersatzprogramm teil und können im Sommersemester 2021 bzw. im Wintersemester 2021/22 das Praxissemester in Teilzeit durchzuführen. Dadurch können sie ihr Studium wie vorgesehen fortsetzen. Zudem stehen wir in engen Kontakt mit den Praxiseinrichtungen und suchen gemeinsam nach alternativen Einsatz- und Beschäftigungsmöglichkeiten, wenn Corona-bedingt bestimmte Arbeitsbereiche wegfallen. Die Anforderungen an die in der Praxisphase zu erwerbenden Kompetenzen bleiben uneingeschränkt bestehen. Sie zählen zu den Voraussetzungen zur Erteilung der staatlichen Anerkennung. Dies gibt auch für einige andere Module, die deshalb von den Sonderregelungen der Studien- und Lehrbetriebsordnung ausgenommen sind. 

Einschränkungen in der Praxisphase: Die Studierenden können nicht alle Arbeitsbereiche gleichermaßen kennenlernen, wie das Beispiel der offenen Jugendarbeit zeigt 

Wie ist die Situation in der Praxisphase bei freien Trägern und in der Stationären Jugendhilfe?
Was berichten die Studierenden über die Erfahrungen in den Jugendämtern?

Ich habe hier nur einen ausschnitthaften Einblick. Nach meinem Kenntnisstand haben sich die Aufgaben der Studierenden, die ihr Praxissemester in der stationären und teilstationären Jugendhilfe absolvieren, kaum verändert. Da Kinder und Jugendlichen derzeit nicht die Schule besuchen, haben die Studierende vielfach das homeschooling in den Wohngruppen übernommen oder engagieren sich besonders in der Freizeitgestaltung. Anders stellt sich die Situation in den Jugendämtern dar. Hier berichten Studierende, dass sich ihr Tätigkeitsspektrum weitestgehend auf Verwaltungsarbeiten und Dokumentation beschränkt. Die Teilnahme an Beratungsgesprächen und Hausbesuchen ist vielfach nicht möglich oder finde nur sehr eingeschränkt statt. Noch schwieriger gestaltet sich der Einsatz in der offenen Jugendarbeit. Da die Jugendzentren geschlossen sind, fehlt den Studierenden der direkte Kontakt mit den Jugendlichen; digitale Angebote werden wohl kaum angenommen. 

Digitale Formate allein beinträchtigen die Lehre: Analoges und digitales Lernen muss klug verbunden werden 

Nach Beendigung der Pandemie wird es noch eine Weile dauern, bis der Regelbetrieb wieder aufgenommen werden kann und für die Studierenden keine Nachteile mehr entstehen. Was wünschen Sie sich im Jahr 2021? 

An der htw saar haben wir uns in einem enormen Tempo auf die Online-Lehre umgestellt.  Auch wenn wir so erfahren konnten, welche Chancen E-Learning oder Blended Learning-Formate bieten, wurde in den zurückliegenden Wochen auch deutlich, was mit einer virtuellen Lehre nicht geleistet werden kann. Die typischerweise vor allem seminaristische Lehre in den Studiengängen der Fakultät für Sozialwissenschaften ist virtuell nur ansatzweise zu ersetzen. Dozierende wie Studierende beklagen, dass statt lebendiger Interaktion in den Videokonferenzen oftmals ein Rückfall zum Frontalunterricht erfolgt und der akademische Diskurs kaum noch stattfindet. Ich persönlich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Erfahrungen der vergangenen Monate gewinnbringend in Lehr-Lernkonzepte einfließen zu lassen, die analoges und digitales Lehren und Lernen klug verbinden. 

Frau Professorin Rock, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch. 

Das Gespräch führte Erste Stadträtin a. D. Christa Frenzel. 

Kontakt: Prof. Dr. Kerstin Rock

Campus Alt-Saarbrücken
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