Nachhaltigkeit / Kinderrechte

Textilsiegel „Grüner Knopf“: Kinderhilfswerke sehen weiteren Handlungsbedarf

Zwei Hände halten ein grünes Hemd mit einem weißen Etikett und dem Schriftzug "Grüner Knopf"
Bild: © „Agentur Tinkerbelle“, Key Visual

Nach Ansicht der Kinderhilfswerke terre des hommes und Kindernothilfe gehe das neue Textisiegel „Grüner Knopf“ zwar in die richtige Richtung, greife aber zu kurz. Die neuen Mindeststandards erreichen nicht den Anfang der Lieferkette. Dadurch bestehe weiterhin großer Handlungsbedarf für die Umsetzung von Kinder- und Menschenrechten in der Textilindustrie. Das neue Textilsiegel „Grüne Knopf“ soll sozial und nachhaltig hergestellte Kleidung und Heimtextilien auszeichnen.

Die Kindernothilfe bezweifelt, dass das vom Bundesentwicklungsministerium am 9. September 2019 in Berlin vorgestellte neue Qualitätssiegel „Grüner Knopf“ die gewünschte verlässliche Orientierung für Verbraucherinnen und Verbraucher beim Kauf von Kleidung und Textilien bringt. Der Schritt, mit dem „Grünen Knopf“ das erste staatliche Gütesiegel für fair produzierte Textilien ins Leben zu rufen, sei der richtige Weg, sagt Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe. „Aber das reicht nicht!“

Der „Grüne Knopf“ erreicht nicht den Anfang der Lieferkette

„Das neue Siegel ist weit davon entfernt, lückenlos über die Einhaltung von sozialen und ökologischen Mindeststandards in Lieferketten und die unternehmerische Verantwortung in Bezug auf Kinder- und Menschenrechte Auskunft zu geben“, so Katrin Weidemann weiter. „Die Frage, ob für die Produktion eines T-Shirts Kinder auf Baumwollfeldern schuften mussten, bleibt mit dem Siegel immer noch unbeantwortet“, kritisiert Weidemann, denn es werde momentan nur die Verarbeitung von Textilien geprüft, nicht jedoch die sogenannte „erste Meile“ der Rohstoffproduktion. Kinder sind in der globalen Textillieferkette als Kinderarbeiter das verletzlichste Glied.

„Das neue Siegel kann nur sehr begrenzt aussagefähig sein, da es lediglich die letzte Stufe der Lieferkette in den Blick nimmt, die Konfektionierung“, erklärt auch Albert Recknagel, Vorstandssprecher von terre des hommes. „Das Problem sind jedoch die oft ausbeuterischen Produktionsschritte davor, nämlich Kinderarbeit im Baumwollanbau, Sklaverei in Spinnereien oder Umweltverschmutzung durch aggressive Chemikalien beim Färben. Wie und wann der Grüne Knopf auch diese Produktionsstufen siegelt, ist unklar.“

Zudem sei der „Grüne Knopf“ ein sogenanntes Metasiegel, das auf bereits bestehenden Siegeln aufbaut. Es wird zusätzlich vergeben, wenn Produkte bereits mit einem Sozial- oder Umweltsiegel versehen sind. Ob eine relevante Anzahl von Handelsunternehmen den Grünen Knopf einführt, bleibt abzuwarten.

Umsetzung von Kinder- und Menschenrechten in der Textilindustrie

Der  „Grüne Knopf“ dient der Orientierung der Verbraucher, erfasst nach Ansicht des Kinderhilfswerks terre des hommes aber nur einen Teil des Problems. „Wir sehen großen Handlungsbedarf für die Umsetzung von Kinder- und Menschenrechten in der Textilindustrie. Gesetzlich festgelegte Standards für faire Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette, die für alle Unternehmen verbindlich sind, würden unmittelbar Wirkung zeigen und wären demnach deutlich erfolgversprechender als das neue Siegel“, so Albert Recknagel.

„Wir hoffen, dass das Versprechen des Bundesministers, nach Ende der Pilotphase 2021 die Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette unter die Lupe zu nehmen, eingehalten wird“, betont auch Katrin Weidemann. Verpflichtende Regelungen, wie existenzsichernde Löhne für Kleinbauern oder die Einführung und Umsetzung von Kindesschutz-Policies, könnten darüber hinaus spürbare Veränderungen bringen.

Hintergrund

Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller hat am 9. September 2019 das staatliche Textilsiegel „Grüner Knopf“ in Berlin vorgestellt. Zum Start machen 27 Unternehmen mit. Sie haben alle die anspruchsvollen Anforderungen des Textilsiegels erfolgreich bestanden. 26 weitere Unternehmen sind derzeit im Prüfprozess.

Produkte wie T-Shirts, Bettlaken oder Rucksäcke müssen 26 Sozial- und Umweltstandards einhalten – von Abwassergrenzwerten und dem Verbot gefährlicher Chemikalien bis hin zu Mindestlöhnen und dem Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit. Zusätzlich wird das Unternehmen anhand von 20 weiteren Kriterien geprüft: Legt es Lieferanten offen? Gibt es Beschwerdemöglichkeiten für die Näherinnen vor Ort? Schafft es Missstände ab?

Im ersten Schritt deckt der „Grüne Knopf“ die beiden Arbeitsschritte „Nähen“ und „Färben“ ab. Das Bundesentwicklungsministerium hat angekündigt, dass der „Grüne Knopf“ in den kommenden Jahren auf weitere Produktionsschritte wie den Baumwollanbau ausgeweitet werden soll. Auch die Sozial- und Umweltkriterien sollen  kontinuierlich weiterentwickelt werden, zum Beispiel hin zu existenzsichernden Löhnen. Ein Beirat aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft unterstützt dies.

Weitere Informationen stehen in der Pressemeldung des Bundesentwicklungsministeriums und unter www.gruener-hnopf.de zur Verfügung.

Quelle: Kindernothilfe, terre des hommes und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung vom 09.09.2019