Nachhaltigkeit / Bildungspolitik

RENN: Nachhaltigkeitsstrategien und Gerechtigkeit in Deutschland

Haende greifen nach Globus
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Wie bringt man den nötigen Wandel der Gesellschaft und Gerechtigkeit zusammen? Darüber debattierten die Teilnehmenden der 2. Jahrestagung von RENN.mitte, einer der deutschlandweit vier Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN). Die RENN sind eine regional organisierte Informations- und Aktions-Plattform für nachhaltige Entwicklung. Ihre Arbeit basiert auf den Zielen der Agenda 2030 mit ihren 17 Sustainable Development Goals, an denen sich auch die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie orientiert.

Viele Menschen fühlen sich abgehängt, sie finden, dass es nicht gerecht zugeht. Allerdings heißt das nicht, dass sie alle dasselbe darunter verstehen. „Wenn einem Kind ein Herzenswunsch verwehrt wird, dann sagt es: Ungerecht!“, erklärt der Brandenburgische SPD-Umweltminister Jörg Vogelsänger. Das sei die „subjektive Sicht“, bei der der eigene Vorteil im Blick steht. Jedoch gehe es bei der Gerechtigkeit gar nicht um die „grenzenlose Befriedigung materieller Bedürfnisse“, sondern um das richtige Maß. Doch was heißt Gerechtigkeit dann genau?

Jahrestagung von RENN.mitte

Wer derzeit eine Mehrheit für den nötigen Wandel der Gesellschaft gewinnen will, müsse sich mit dieser Frage beschäftigen. Da sind sich die rund 120 Gäste einig, die RENN.mitte am 18. April 2018 zu seiner Jahrestagung nach Potsdam geladen hat und bei der Vogelsänger den Eingangsvortrag hält.

Einsatz für eine zukunftsfähige Entwicklung

RENN.mitte ist eine der vier Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien in Deutschland, die den Erfahrungsaustausch derjenigen fördern wollen, die sich vor Ort einsetzen für eine zukunftsfähige Entwicklung, sich nicht abgeben wollen mit dem, was ist. Die Menschen stünden derzeit „am gefährlichsten Zeitpunkt ihrer Geschichte“. So habe das der britische Astrophysiker Stephen Hawking gesagt, betont der Moderator der Veranstaltung. Hawking, vor kurzem verstorben, hatte etwa den Klimawandel, den Rückgang der Artenvielfalt und Epidemien angeprangert und auch vor sozialer Ungleichheit gewarnt. Er erklärte unter anderem: „Die Ressourcen konzentrieren sich immer mehr in den Händen weniger, weshalb wir lernen müssen, weit mehr als bisher zu teilen.“ Was „weit mehr“ heißen soll, ist bislang allerdings offen.

SDGs: „leave no one behind“

Die Weltgemeinschaft hat in der Agenda 2030, in der sie 17 Ziele für die nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals - SDGs) festgelegt hat, den Begriff „leave no one behind“ geprägt, niemand soll zurück gelassen werden. Das entspricht dem Kern der Gerechtigkeit: Sie soll immer einen Ausgleich schaffen zwischen den Menschen. Die deutsche Bundesregierung formuliert es in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie so: Leitplanken für politische Entscheidungen seien: „die planetaren Grenzen unserer Erde zusammen mit der Orientierung an einem Leben in Würde für alle“.

Daraus ergäben sich zwei entscheidende Fragen, erklärt Imme Scholz, Vize-Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklung in Bonn und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung:

  • Wie viel will man sich heute leisten und künftigen Generationen nehmen?
  • Und: Wie viel Konsum will man sich heute leisten und anderen Ländern etwa mit der Produktion zumuten?

In der Gesellschaft sei das umstritten, die öffentliche Debatte nicht einfach. Wie redet man darüber?

Die Lösung sozialer Probleme

„Vor dreißig Jahren konnten Sie mit einem Durchschnittseinkommen eine Familie gut ernähren, heute brauchen Sie zwei dafür.“ Jürgen Maier, Geschäftsführer des Forums Umwelt und Entwicklung, in dem sich gut 40 Verbände zusammen getan haben, legt in Potsdam los. Das Bruttosozialprodukt habe sich derweil verdoppelt, Leiharbeit und prekäre Arbeit zugenommen, Paketboten müssten zwei Jobs machen. Das Protestventil aber sei die AFD, nicht die progressive Gesellschaft.

„Wir müssen die Sprache normaler Menschen sprechen“, meint Maier. „Reden wir über Dörfer, wo Perspektiven verschwinden, nicht nur über bessere Lebensmittel für Städter.“ Wissenschaftler könnten das Transformation nennen, Menschen aber müssten verstehen: Es geht um die Lösung sozialer Probleme.

Und dabei könnten die Bürgerinnen und Bürger mitarbeiten. Eine der von den Teilnehmenden an diesem Tag ins Spiel gebrachten Möglichkeiten: Kommunen erarbeiten ihre eigenen Nachhaltigkeitsstrategien mit einem Schöffenmodell. Eine Gruppe von Leuten wird per Zufall ausgewählt und dafür freigestellt, an der Strategie mitzuarbeiten. Einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert, um nachhaltige Entwicklung und gesellschaftlichen Frieden zusammen zu bringen.

Hintergrundinformationen

In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Akteuren, die sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen. Ihre Themen sind so vielfältig wie die Akteure selbst. Allen gemein ist jedoch das Motiv einer Veränderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise, damit auch nachkommende Generationen eine intakte ökologische, soziale und ökonomische Welt und Gesellschaft vorfinden.

Viele gute Projekte und Ideen sind entstanden, die im Kleinen wie im Großen wirken, sich aber in vielen Fällen nur langsam verbreiten. Um die Verbreitung und Vernetzung der Projekte und Akteure zu fördern, hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) auf Bitten der Bundesregierung vier Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN) zur Förderung eingerichtet. Das Projekt hat vorerst eine Laufzeit von fünf Jahren.

Aufgaben der RENN

Die RENN sind eine regional organisierte Informations- und Aktions-Plattform für nachhaltige Entwicklung. Ihre Arbeit basiert auf den Zielen der Agenda 2030 mit ihren 17 Sustainable Development Goals (SDGs), an denen sich auch die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie orientiert. Sie vernetzen Akteure und bündeln den gesellschaftlichen Dialog, geben Impulse für eine gesellschaftliche Transformation, fördern Innovation, Strategien, Projekte und den Austausch von Ideen und stärken den Informationsfluss zwischen Akteuren und Initiativen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene.

Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung vom 23.04.2018

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