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Kinderschutz / Coronavirus

Kinderschutz-Zentren: Corona-Lehren für paritätische Wahlforderungen

Ein Kleinkind sitzt mit einem Teddybär ihm gegenüner alleine und mit gesenktem Kopf auf einer Holzbrücke
Bild: cherylholt - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Bundestagswahl 2021 – Corona-Lehren für paritätische Wahlforderungen: Die Anmerkungen und Forderungen der Kinderschutz-Zentren sind im verbandlichen Austausch entstanden und beziehen sich sowohl auf die Arbeit der 30 regionalen Kinderschutz-Zentren als auch auf die Erfahrungen in den bundesweiten Aktivitäten des Verbandes.

Die folgenden Anmerkungen sind im verbandlichen Austausch entstanden und beziehen sich sowohl auf die Arbeit der 30 regionalen Kinderschutz-Zentren als auch auf die Erfahrungen in den bundesweiten Aktivitäten des Verbandes. Wir orientieren uns im Folgenden an den vom Paritätischen formulierten Leitfragen und gesetzten Themen zur Mitgestaltung der weiteren Diskussion.

Welche Maßnahmen brauchen Verstetigung?

Kinder- und Jugendhilfe braucht belastbare Krisenkonzepte

In der Krise wurde noch einmal deutlich, wie wichtig der persönliche Kontakt zu Kindern, Jugendlichen und Familien ist. Nur über diesen lassen sich erfolgreiche Hilfeprozesse entwickeln. Die Hilfebeziehung steht im Zentrum gelingender Kinderschutzarbeit und braucht dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen. Für diese Arbeit ist das Zusammenwirken unterschiedlicher Einrichtungen unabdingbar und Grundprinzip des deutschen Kinderschutzsystems.

Die durch die Covid-Krise notwendigen Schutzmaßnahmen führten zu erheblichen Einschränkungen in der verfügbaren Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe. Damit brachen auch wichtige Informations-, Austausch und Kontaktebenen weg. Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen verloren zentrale Ansprechpartner*innen. Um weiterhin in Kontakt zu bleiben, wurden unterschiedliche, meist individuelle Lösungen gefunden. Insgesamt gab es in den Regionen sehr unterschiedliche Praxen der kommunalen Zuständigkeit und Verantwortung. Während Krisenkonzepte in einzelnen Kommunen entwickelt wurden, brachen in anderen Hilfekontakte von Seiten der Institutionen ab, was für die betroffenen Familien, aber auch für Kinderschutz-Zentren, die häufig kreisübergreifend tätig sind, besonders hinderlich war.

  • Hier braucht es für die Zukunft Krisenpläne und Kriseninterventionskonzepte, die Angebote und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe dauerhaft verfügbar machen, für Kinder, Jugendliche und Familien verlässliche Ansprechpartner bieten und für Fachkräfte Schutz und  Gesundheit sichern. Transparente und regional übergreifende, niedrigschwellige und zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen abgestimmte krisenorientierte Versorgungskonzepte im Kontext belasteter Familiendynamiken müssen auch bei weiteren oder neuerlichen Beschränkungen verfügbar sein.
  • Beratungseinrichtungen und Fachberatungsstellen benötigen hier klare Vorgaben, unter welchen Umständen Face-to-face Kontakte möglich sind, sie brauchen entsprechende Schutzausstattungen, geeignete Räume und methodisches Handwerkszeug. Es bedarf auch hier abgestimmter und belastbarer Krisenkonzepte – auch im Hinblick auf weitere mögliche Lockdown-Prozesse.
  • Wichtig ist es jedoch vor allem, Kinder- und Jugendhilfe auf einer Stufe mit anderen so genannten „systemrelevanten Berufen“ in Gesundheit und Pflege anzuerkennen und ihre Leistungen im Einsatz für Kinder, Jugendliche und Familien zu würdigen.Dies wird nicht durch eine (nicht einmal flächendeckende) „Prämienkultur“ erreicht, sondern durch eine insgesamte strukturelle Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Ausstattung in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Corona-Krise hat das Gefälle noch einmal deutlich aufgezeigt.
  • Gerade die Arbeit im Kontext von Gewalt an Kindern und Jugendlichen braucht eine verbesserte und belastbare Finanzierung. Durch die Kontaktbeschränkungen mussten einige Leistungen wie Begleiteter  Umgang oder Kindertherapie, aber auch notwendige Beratungen und andere therapeutische Interventionsangebote teilweise stark eingeschränkt werden; damit wurden laufende Hilfeprozesse unter- oder abgebrochen. Da einige dieser Leistungen fallbezogen finanziert werden, entstanden hierbei teils erhebliche finanzielle Defizite. Daher müssen strukturelle und fallunabhängige Finanzierungsformen gefunden bzw. stabil etabliert werden.
  • Die bestehenden Formen der Finanzierung brachten insbesondere kleine Träger und Fachberatungsstellen zum Thema Gewalt in schwierige Situationen. Hinzu kommt der Verlust von Einnahmen aus Spenden und Fort- und Weiterbildungen, so dass die Eigenanteile der Träger nicht refinanziert werden konnten bzw. bis heute nicht können und auch nicht von den bisherigen Übergangsfinanzierungen kompensiert werden konnten. Eine grundlegende Finanzierungsstruktur von Fachberatungsstellen zum Thema der Gewalt (aber nicht nur der sexuellen Gewalt) ist deshalb anzustreben und über die Krise hinaus herzustellen.
  • Die Situation der stationären Kinder- und Jugendhilfe bedarf noch einmal zusätzlich besonderer Aufmerksamkeit. In der Covid-Krise musste hier das Wegbrechen anderer Versorgungsbereiche (Schule, Bildung, Betreuung, Intervention) kompensiert werden, ohne dass dies den Trägern und Einrichtungen durch finanzielle und personelle Ausstattung und Aufstockung tragbar ermöglicht worden wäre. Es müssen hier klare Konzepte geschaffen werden, wie der Wegfall von Versorgungsstrukturen aufgefangen werden soll, ohne dass die Mitarbeitenden in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, die ja auch gegebenenfalls nicht in einen Lockdown gehen können, neben dem erhöhten Gesundheitsrisiko auch den zusätzlichen Betreuungsaufwand stemmen müssen.  

Was sind künftige Herausforderungen und Chancen?

Digitalisierung als Chance und Herausforderung

Die Krise hat die Möglichkeiten digitalen Arbeitens und Lernens offen gelegt. Viele Beratungseinrichtungen haben auf digitale oder telefonische Beratung umgestellt. Allerdings zeigt sich erstens ein Infrastrukturproblem, denn die wenigsten Einrichtungen verfügen über die notwendigen Ausstattungen, und zweitens ein Kompetenzproblem, denn nur wenige Fachkräfte sind mit diesen Möglichkeiten vertraut (vgl. auch DJI 2020). Schließlich sind auch die betreffenden Familien nicht ausnahmslos in der Lage, solche digitalen Möglichkeiten zu nutzen bzw. die Übertragungsleistung digitaler Beratung auf analoge Umsetzung zu vollziehen.  

Dennoch sind jetzt die Chancen zu ergreifen, wenn auch im Auge behalten werden muss, dass beispielsweise Fort- und Weiterbildung und Praxisentwicklung nicht allein im digitalen Format vollzogen werden können, sondern auch stets den Kontakt brauchen. Helfende Veränderungen im Kinderschutz ebenso wie Qualifizierung von Hilfe gelingen nur im direkten Kontakt mit den Kindern, Jugendlichen und Familien bzw. den Fachkräften.

Die Kinder- und Jugendhilfe benötigt eine Digitalisierungsoffensive, was Ausstattung, Sensibilisierung und Qualifizierung und die Klärung datenschutzrechtlicher Fragen betrifft.

Was wird durch die Krise sichtbar?

Neue Formen der Gewalt an Kindern und Jugendlichen

Die Folgen für die Kinder sind empirisch bislang nur wenig untersucht. Aus unserer Erfahrung zeigt sich aber eine starke Zunahme von Krisen im Aufwachsen. Dabei geht es nicht nur um Formen sexueller Gewalt, sondern insbesondere um Fälle emotionaler und massiver psychischer Gewalt an Kindern in den letzten Monaten des Lockdowns. Diese leisen Formen der Gewalt schaffen jedoch den Nährboden für andere Formen der Gewalt und sind bislang kaum aufgearbeitet. Darüber hinaus verschwanden Kinder ohne Begleitung und Kontaktpersonen teilweise in den Tiefen der digitalen Welt und wurden konfrontiert mit den dort vorhandenen Risiken und Gefährdungen. Die Erfahrungen aus der Corona-Krise verweisen darüber hinaus auf neue Formen und Dimensionen organisierter Gewalt. Diese müssen stärker in der Fachpraxis wahrgenommen, gelernt und strukturell verankert werden. Hilfeangebote sind in diesem Feld weitestgehend nicht vorhanden.

Mangelnde Qualität infrastruktureller Leistungen

In der Krise hat sich die Bedeutung von Infrastrukturleistungen wie Kindertageserziehung und Hort gezeigt, hier sind wichtige Kontakte für Kinder und Familien weggebrochen. In Zukunft muss dafür gesorgt werden, wie diese Einrichtungen auch in Krisen verfügbar sind als Ansprechpartner für Kinder und Tagesstruktur für Familien. Außerdem sind sie wichtige Infrastrukturbedingungen zur Vermeidung von Kinderarmut und für eine gleichberechtigte Teilhabe an Bildung. Insofern ist in Zukunft hier nicht nur auf den quantitativen Ausbau zu achten, sondern auf die Qualität der Erziehungs- und Bildungsangebote. Insbesondere im Kontext Kinderschutz sind hier wichtige Kooperationspartner verortet, aber auch erhebliche Entwicklungsbedarfe auszumachen(Qualifizierung, Kooperation, Schutzkonzepte).

Einsparungen und Kürzungen im freiwilligen Bereich und bei Trägern

Mit der Krise sind Einnahmeverluste in den künftigen kommunalen Haushalten zu erwarten. Diese Folgen sind stärker und schon jetzt in den Blick zu nehmen. Zumal es erste Hinweis darauf gibt, dass sich mögliche Einsparungen zunächst auf den Bereich der freiwilligen Leistungen beziehen, wozu auch wichtige Angebote der Prävention von Gewalt an Kindern zählen.

Defizite in der Professionalisierung

In der Kinder- und Jugendhilfe vollzieht sich vielerorts ein Generationenwechsel. Gerade in Jugendämtern herrscht und herrschte eine hohe Fluktuation, deren Auswirkung dadurch verstärkt wird, dass junge Fachkräfte nach dem Lockdown mit schleichend chronifizierten Gewaltsystemen konfrontiert und erheblich belastet werden. Ein struktureller Austausch mit Fachberatungsstellen und Kinderschutz-Zentren findet nur punktuell, eine abgestimmte Hilfeplanung fand in der Krise nur eingeschränkt statt. Die grundlegende Anerkennung und systematische Verankerung von Supervision, Fachberatung und Fort- und Weiterbildung als professionelle Strukturmerkmale ist gerade jetzt notwendig.

Die Krise hat deutlich gezeigt, wie unvorbereitet somit auch junge Fachkräfte im Umgang mit komplex belasteten Familiensystemen sein können. Hier muss auch in der Ausbildung deutlich verbindlicher darüber nachgedacht werden, wie Kinderschutz zu einem zentralen Thema in allen Studiengängen werden kann und nicht nur ein „Lieblingsthema“ einzelner Professoren sein darf. Praxisnahe Ausbildungsformen und eine bessere Berufsvorbereitung sind für die Arbeit im Kinderschutz unablässig.

Dezimierte Fort- und Weiterbildung

Durch die Folgen der SARS-CoV-2-Pandemie sind bundesweite Angebote der Fort- und Weiterbildung, der Praxisberatung und Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe jedoch stark eingeschränkt. Möglicherweise werden diese durch weitere Ausbreitungen des Virus im Laufe des Jahres („zweite Welle“) dann noch weiter zurückgefahren. Gleichzeitig wachsen jedoch die Hilfe- und Reflexionsbedarfe der Fachkräfte, die mit den Folgen der durch die soziale Isolation entstehenden familialen Krisen konfrontiert sind.

Gerade die Leistungsangebote der bundesweiten Qualifizierung, der Fort- und Weiterbildung und des konsequenten Wissenschaft-Praxis-Dialogs (Fachkongresse) sind angesichts der sehr unterschiedlichen Kinderschutzpraxen in den Kommunen dabei aber ganz zentrale Stützen und Eckpfeiler professioneller Kinderschutzpraxis und müssen grundsätzlich aufrecht erhalten werden.

Für welche Maßnahmen wünschen wir uns in der Zeit nach Corona eine Verstetigung? Was braucht es zusätzlich?

  • Vereinfachung und Stabilisierung der Finanzierung von Leistungen der Beratung, Therapie und Hilfe im Kontext der Gewalt an Kindern
  • Vereinfachung der Finanzierung von Mehrfachkomplexleitungen im Kontext von Gewalt an Kindern
  • Anerkennung der Systemrelevanz der Kinder- und Jugendhilfe und Gleichstellung mit anderen Arbeitsfeldern in Medizin und Pflege mit den entsprechenden Anerkennungssystemen
  • Stärkung niedrigschwelliger Hilfezugänge für Kinder, Jugendliche und Familien und Beratungsangebote weiter ausbauen (insbesondere in strukturschwachen Regionen)
  • Digitaler Ausbau von Beratungs- und Fortbildungsmöglichkeiten insbesondere im ländlichen Raum
  • Fachberatungsstellen (nicht nur bei sexueller Gewalt) weiter ausbauen und regional vernetzen

Trotz einer in den letzten Jahren stärkeren fachpolitischen Aufmerksamkeit für das Thema der Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat die Corona-Krise eklatante Strukturmängel offen gelegt. Zwischen öffentlicher Thematisierung und fachlicher Basis und ihrer Ausstattung klaffen teils erhebliche Lücken. Eine starke hilfeorientierte und professionelle Fach(beratungs)praxis ist jedoch die Grundlage gelingender Kinderschutzarbeit!

Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V.  

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