Sie sind hier: Startseite  Im Fokus  Kinderschutz

Kinderschutz

Vorsitzende der BAG Landesjugendämter rezensiert "Deutschland misshandelt seine Kinder"

Birgit Zeller, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Landesjugendämter
Bild: BAG Landesjugendämter

Das System der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in dieser Gesellschaft und auch das System des Kinderschutzes muss weiter entwickelt werden. Was die Autoren von "Deutschland misshandelt seine Kinder" dazu beitragen möchten, bewertet Birgit Zeller, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Landesjugendämter in folgender Buchbesprechung.

Birgit Zeller, Leiterin des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter spricht über das Anfang Februar 2014 erschienene Buch von Michael Tsokos und Sakia Guddat "Deutschland misshandelt seine Kinder". Buchautor Prof. Michael Tsokos (47), Leiter der Rechtsmedizin in der Charité sagt zu Kindesmisshandlungen: "So etwas tut kein Mensch auf der ganzen Welt einem Kind an - außer den eigenen Eltern. Oder deren aktuellem Lebensgefährten. [...] Eltern sind Serientäter". Die Rechtsmediziner werfen der Kinder- und Jugendhilfe vor, sie schütze Kinder gewaltätiger Eltern nicht vor Misshandlungen und ließe Kindeswohlgefährdung mit geschlossenen Augen einfach geschehen.

Birgit Zeller spricht darüber, ob Guddat und Tsokos tatsächlich gravierende Misstände der Kinder- und Jugendhilfe aufdecken oder wie der Inhalt und die Wirkungsweise des Buches einzuordnen sind:

"Mediale Aufmerksamkeit richtet sich wieder einmal auf Skandale

Ein reißerischer Titel – ein polemisches Buch. Offensiv für den Kinderschutz aber aggressiv gegen alle Systeme, die Kinder schützen, voll inhaltlicher Fehler und schnell dahin geschrieben. Interessant sind bei diesem Buch nicht die vorgetragenen Argumente – aufschlussreich ist die mediale Resonanz, die es erzielt. Eine Pressekonferenz, vom Verlag breit angekündigt – und schon steht das Buch ganz oben auf der Spiegel-Bestseller-Liste, es wird Thema in Nachrichtensendungen, Talkshows und Dokumentationen, die Autoren erhalten breite Aufmerksamkeit.
Warum ist das möglich? Das Buch verspricht Skandale, einfache Wahrheiten und es bedient Vorurteile: „Die gefährlichsten Menschen für ein kleines Kind sind seine eigenen Eltern.“ (aus einem Interview bei Markus Lanz, vgl. S. 116). Das deutsche Kinderschutzsystem, das hier intervenieren soll, versagt, wo immer die Autoren hinschauen – in Kinderarztpraxen, in Gerichten, bei Jugendämtern und bei freien Trägern. Allein die Rechtsmediziner sorgen hier für Rettung.
Diese Schwarz-Weiß-Malerei verfängt bei einem Teil der Medien und spiegelt sich wider in Berichten, die einfach nur nacherzählen, was das Buch behauptet. Positiv hebt sich ein äußerst sensibler und kundiger Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ab, der aus fachlicher Sicht mit dem Buch abrechnet.

Kernaussagen des Buches

Das Buch ist ärgerlich, weil es oberflächlich mit Hintergründen von Kindesmisshandlung und unkundig mit professionellem Handeln umgeht. Es beschreibt detailliert  Fallkonstellationen, in denen Eltern grausam, gefühllos und absichtsvoll ihre Kinder quälen und erweckt dabei den Eindruck, dies sei in nahezu allen von Jugendämtern betreuten Familien so. Die Autoren fordern deshalb, Kinder generell so schnell wie möglich aus den Familien zu nehmen. Sie ignorieren dabei rechtsstaatliche Grundlagen und wollen von sozialpädagogischen Interventionen nichts wissen. Sie würden gerne ambulante Hilfen in Familien gänzlich abschaffen, da diese aus ihrer Sicht wirkungslos sind und Eltern sich nur zum Schein darauf einlassen. Soziale Hintergründe, die das Leben der Familien bestimmen und die zu Überforderungssituationen führen können, werden ohnehin nicht beleuchtet.
Besonders schlecht kommt bei der „Analyse“ des deutschen Kinderschutzsystems die Jugendhilfe weg. Während ärztliches und richterliches Vorgehen scharf aber immer noch kollegial kritisiert werden, werden die Autoren regelrecht bösartig, wenn sie es mit den Jugendämtern zu tun bekommen. Pauschal werden Fachkräfte in den Jugendämtern diskreditiert und als „Komplizen der Misshandler“ (S. 104) beschrieben. In vielen Jugendämtern sei „die Hälfte der Stellen nicht besetzt, auf den anderen 50 Prozent sitzen altgediente Beamte kurz vor der Pensionierung oder ausgebrannte Sachbearbeiter, die dauernd krankgeschrieben sind.“(S. 101). Ähnlich schlecht kommen die freien Träger der Jugendhilfe weg. Sie beschäftigen billige naive und junge Sozialpädagoginnen und folgen rein wirtschaftlichen Interessen.

Wer ist zuständig für den Kinderschutz?

Die Autoren zeigen aber gleichzeitig keinerlei Verständnis für das Handeln der Fachkräfte und keinerlei Einfühlung in Familien und ihre Kinder. Sie können und wollen nicht sehen, dass die Arbeit im Kinderschutz eine Arbeit an Grenzen und immer auch eine Arbeit mit Risiko ist. Anders als bei der Rechtsmedizin sind die Fälle, die sich den Jugendämtern stellen, nur selten eindeutig. Die Gefährdungslage muss deshalb differenziert eingeschätzt werden. Jede Kindesherausnahme ist ein schwerer Eingriff für Eltern und Kind und ist deshalb sorgfältig zu prüfen. Kann die Gefährdung durch Auflagen abgewendet werden? Sind die Eltern zur Zusammenarbeit zu motivieren? Wurden alle Risikoanzeichen wahrgenommen? Komplexe Fragen wie diese müssen Jugendämter verantwortlich und mit Blick auf die Zukunft lösen.

Rechtsmediziner sehen immer die schlimmsten Fällen und sehen vielleicht deshalb die Welt in den dunkelsten Farben. „Sicher können Rechtsmediziner aus ihrer beruflichen Praxis Beispiele nennen, wo individuelles Versagen einzelner Beteiligter gravierende Folgen für das Leben und die Gesundheit von Kindern hatte.“, so konstatiert auch die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) in einer Stellungnahme vom 05.02.2014. „Eine Verallgemeinerung dieser Fälle“, so fährt sie fort „wird dem Problem aber nicht gerecht.“

Das Buch will offenbar der Reputation der Jugendhilfe, der Ärzteschaft, der Gerichte und damit auch des Gesamtsystems des Kinderschutzes schaden. Es erschwert dadurch potentiell die Hilfe für Kinder und Jugendliche, indem sie das Vertrauen in das System schwächt, ohne irgendwelche Lösungswege aufzuzeigen. Dies sieht auch die Gesellschaft für Rechtsmedizin so: „Angesichts des interdisziplinären Charakters der Aufgabe sind einseitige undifferenzierte Schuldzuweisungen zwischen den beteiligten Institutionen hingegen dem gemeinsamen Ziel des Kinderschutzes wenig förderlich. Eventuelle grundsätzliche Maßnahmen, wie z.B. weitere Gesetzesänderungen sollten auf belastbaren Daten und einer differenzierten Analyse basieren.“

Fazit

Dass das System der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in dieser Gesellschaft und auch das System des Kinderschutzes weiter entwickelt und an sich ändernde gesellschaftliche Bedingungen angepasst werden muss, darin sind sich alle Fachleute einig. In diesem Buch finden sie dazu keine Anhaltspunkte.

Gleichzeitig macht das Werk durch seine öffentliche Wirkung deutlich, dass die Jugendhilfe nicht nachlassen darf in dem Bemühen, ihre Leistungen und Kompetenzen differenziert und transparent nach außen darzustellen. Damit der Kinderschutz und auch die Jugendhilfe insgesamt gelingen können, brauchen Jugendämter auch die Unterstützung der Öffentlichkeit und der Medien. Wir dürfen die öffentliche Meinung deshalb nicht den Vereinfachern überlassen. Wir müssen gemeinsam am realistischen und positiven Bild der Jugendämter und der Jugendhilfe insgesamt arbeiten und dieses selbstbewusst nach außen darstellen. Die AG Öffentlichkeitsarbeit der BAG Landesjugendämter wird sie dabei weiterhin unterstützen."

Hintergrundinformationen: 

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe vom 25.02.2014

Info-Pool