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Kinderschutz

Charité startet neues Präventionsprojekt für sexuell auffällige Jugendliche

Ein entsetzt guckendes Mächen mit Teddy im Arm

Das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin startet ein weiteres Präventionsprojekt, mit dem sexueller Kindesmissbrauch bereits im Ansatz verhindert werden soll.

Das Projekt "Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche (PPJ)" richtet sich an Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren mit sexuellen Phantasien oder Verhaltensweisen, die auf Kinder bezogen sind. Es macht den Jugendlichen ein diagnostisches Angebot zur Klärung der Hintergrundproblematik, die in einer sexuellen Präferenzausrichtung auf Kinder bestehen kann. Wird diese festgestellt, sollen diese Jugendlichen möglichst früh in ihrer Entwicklung Unterstützung bei der Bewältigung und Kontrolle ihrer auf Kinder gerichteten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse erhalten.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, deren Haus das Projekt für drei Jahre finanziert, sieht in dem neuen Angebot die konsequente Umsetzung einer weiteren Maßnahme ihres am 22. September vorgestellten Gesamtkonzepts zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt. "Wir müssen dafür sorgen, dass es gar nicht erst zu sexueller Gewalt kommt", erklärte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig.

"Zu einem umfassenden Kinderschutz gehört es daher auch, dass potentielle Täter möglichst früh therapeutische Hilfen erhalten. Auf diese Weise ermöglichen wir ihnen, ihr Verhalten zu kontrollieren und Strategien zur Verhinderung von Übergriffen zu erlernen", so die Ministerin weiter.

Der Projektleiter, Prof. Klaus M. Beier, stellt ebenfalls Logik und Kontinuität als ein wesentliches Handlungsmotiv heraus: "Wir haben aus dem erfolgreichen Projekt ‚Kein-Täter-Werden‘, das für erwachsene pädophile Männer konzipiert worden ist, die Erkenntnis gewonnen, dass wir so früh wie möglich therapeutische Hilfe anbieten sollten. Erwachsene mit dieser sexuellen Neigung verweisen immer wieder auf den Beginn ihrer auf Kinder bezogenen sexuell erregenden Fantasien im Jugendalter, und tatsächlich können auch Jugendliche aufgrund einer sexuellen Ansprechbarkeit durch den kindlichen Körper zu Tätern werden. Der Großteil aller Fälle wird den Ermittlungsbehörden aber gar nicht bekannt, sondern findet im so genannten Dunkelfeld statt. Wir wissen, dass rechtzeitige Hilfe möglich ist und damit auch ein selbstbestimmtes Leben ohne Übergriffe oder Nutzung von Missbrauchsabbildungen im Internet", so Prof. Beier.

Kooperationspartner des Projektes sind Mitarbeiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikum am Friedrichshain (Leitung: Prof. Michael Kölch). Hier werden vor allem auch so genannte komorbide Störungen diagnostisch erfasst, die einer erfolgreichen Behandlung der sexuellen Problematik im Wege stehen oder diese erschweren könnten. "Eine sorgfältige kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik ist erforderlich, um den Entwicklungsaspekten der Jugendlichen ausreichend Rechnung zu tragen und auch die Angehörigen bzw. involvierte Einrichtungen adäquat einzubinden", betont der leitende Oberarzt der Klinik, Tobias Hellenschmidt. "Dies ist ein großer Unterschied zu dem Angebot für Erwachsene, das man deshalb auch nicht einfach übertragen kann", ergänzt Prof. Beier.

Das wird auch in der konkreten Ausgestaltung der Therapie deutlich, denn anders als bei den Angeboten für Erwachsene wird sich das Projekt PPJ auf Einzeltherapiegespräche konzentrieren, dabei aber in starkem Umfang auch Familienangehörige oder gegebenenfalls Betreuungspersonal aus Einrichtungen einbeziehen. Ziel der Therapie ist eine adäquate Bewältigung der Präferenzproblematik. Das heißt konkret, die Jugendlichen sollen lernen, Verantwortung für ihre sexuelle Ausrichtung zu übernehmen und ihr Verhalten in möglichen Gefahrensituationen sozial angemessen zu kontrollieren. Dies gilt auch für die Nutzung von Missbrauchsabbildungen.

Der Kontakt zur Zielgruppe des Projektes soll, dem Alter gemäß, vor allem Online über eine eigens unter dem Namen www.du-traeumst-von-ihnen.de eingerichtete Internetseite hergestellt werden, die allerdings nicht nur als Türöffner, sondern auch als Informationsquelle für Jugendliche, Eltern, Lehrer und Mitarbeiter von Jugendhilfeeinrichtungen dienen soll.

Darüber hinaus wird auch eine Telefon-Hotline geschaltet werden.

Das Projekt PPJ wird durch einen namhaften Beirat unterstützt (Stand 05.11.2014):
Prof. Hartmut A.G. Bosinski, Kiel (Sexualmediziner; im Beirat des PPD); Monika Egli-Alge, Schweiz, („forio“; assoziiert mit der DGfPI); Prof. Detlev Ganten, Berlin (ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Charité, Präsident des World Health Summit; im Beirat des PPD); Lisi Maier, Berlin (Deutscher Bundesjugendring); Prof. Renate Schepker, Ravensburg (Zentrum f. Psychiatrie Abt. Kinder- u. Jugendpsychiatrie, Ravensburg-Weißenau); Prof. em. Heinz Schöch, München (Jugendstrafrecht; im Beirat des PPD); Christian Zainhofer, Landau (Rechtsanwalt; Deutscher Kinderschutzbund); Birgit Zeller, Mainz (Leiterin des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter). Ein/e Vertreter/-in des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wird als Gast dem Beirat angehören.

Quelle: Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin vom 5.11.2014

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