Junge Flüchtlinge / Kinder- und Jugendarbeit

LAG Jungenarbeit NRW: Zur Selbstwirksamkeitserwartung junger männlicher Geflüchteter

Junger Mann afrikanischer Herkunft sitzt und stützt den Kopf traurig in der Hand.
Bild: © Daniel Ernst - fotolia.com

Die Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW hat im Rahmen des Projektes „Irgendwie Hier! Flucht – Migration – Männlichkeiten“ eine Stellungnahme zum Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung mit besonderen Blick auf die Situation junger männlicher Geflüchteter veröffentlicht und möchte Lehr- und Fachkräften eine weitere Perspektive ermöglichen.

Jungen und junge Männer mit Fluchterfahrung sind in ihrem Handeln erstaunlich wirksam gewesen: Von der Planung, Organisation und Finanzierung, bis hin über den eigentlichen Fluchtprozess wurden massive Ressourcen aufgetan, meist auch eine hohe Verantwortung für die Familie – mal mehr, mal weniger freiwillig – übernommen, um später die Hilfestrukturen unterstützen zu können. Dazu bedurfte es großer Entschlossenheit und Wachheit. Wenn diese jungen Menschen sich nicht über ihre Fähigkeiten bewusst wären ein solches Unterfangen durchführen zu können, würden sie es dann angehen? Diese Frage ist nur schwer zu beantworten, da oftmals die Begründungen zur Flucht nicht mit einer selbstbestimmten Entscheidung einhergehen.

Nach dem Fluchtprozess und nach der Ankunft in einem vermeintlich sicheren und vielversprechenden Land, befinden sich junge männliche Geflüchtete aber weiterhin in herausfordernden Lebenssituationen. Welche Auswirkungen haben die Fluchterfahrungen im Sinne der Selbstwirksamkeitserwartung auf das neue, befremdliche, scheinbar sichere Leben in neu normierten Verhaltensräumen? Nach den eigenständig gefällten Entscheidungen auf der Flucht und mit einer hohen Verantwortung gegenüber der in der Heimat verbliebenen Familie ausgestattet, treffen die jungen männlichen Geflüchteten jetzt auf ein komplexes verwaltungsorientiertes Hilfesystem, das von ihnen einen selbstbewussten und eigenverantwortlichen Integrationsprozess erwartet.

Die Lebensrealität dieser jungen Männer konstituiert sich somit aus diversen Aufgaben, Aufträgen, Hürden und Situationen, die alle am besten schnell und effizient erfüllt oder überwunden werden möchten. Dies soll in unbekannten gesellschaftlichen Strukturen und Abläufen geleistet werden, die häufig Ohnmachtserfahrungen verursachen, und somit dem Gegenteil der realisierten Selbsthandlungskompetenz auf der Flucht entsprechen.

Aspekte des Konzeptes der Selbstwirksamkeitserwartung im Kontext von Flucht und Männlichkeiten

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung basiert auf der sozial-kognitiven Theorie von Albert Bandura, bei dem kognitive, motivationale, emotionale und aktionale Prozesse durch die subjektive Überzeugung gesteuert werden, insbesondere durch eine Handlungs-Ergebnis-Erwartung bzw. Konsequenz- und Selbstwirksamkeitserwartung . Die Selbstwirksamkeitserwartung ist die subjektive Gewissheit neue herausfordernde Aufgaben und Situationen anhand eigener Kompetenzen durchleben oder lösen zu können. Hiermit sind keine persönlichen Routinen gemeint, sondern Aufgaben und Situationen, welche zur Bewältigung besondere Anstrengungen und Ausdauer abverlangen.

In den Lebensrealitäten junger männlicher Geflüchteter können vorherige einfache Routinen zu herausfordernden Handlungsprozessen werden. Dies steht jedoch oftmals nicht mit den eigenen Voraussetzungen/Kompetenzen im Zusammenhang, sondern wird vielmehr durch äußere Einflüsse in der neuen Lebenssituation verursacht.

Als Grundhaltung für eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung wird „Zuversicht“ benannt. Diese formiert sich aus Optimismus und Selbstvertrauen. Darüber hinaus gilt, dass eine soziale gesellschaftliche Anbindung und die Entwicklung von Bindungssicherheit sowie die Erfahrung von Kompetenz und Erfolg für die Entwicklung von Zuversicht elementare Wirkungsfaktoren sind.

Junge geflüchtete Männer befinden sich in gesellschaftlichen Situationen, in denen sie Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen machen. Diese führen ebenso wie fortlaufende persönliche Misserfolge und „Ausbremsungen“ zu Hemmnissen oder gar Zerstörung der Zuversicht.   

Menschen, die an die eigenen Fähigkeiten glauben herausfordernde Situationen bewältigen zu können, haben eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung. Diese ermöglicht innovative, kreative Bewältigungsstrategien und führt dazu, dass Menschen nach immer anspruchsvolleren Aufgaben und höheren Ansprüchen/Zielen suchen. Dieser zirkuläre Effekt wird auch „high-performance-cycle“ genannt. Durch ein fortlaufendes „Nichtbewältigen“ von Aufgaben und Situationen, kann dieser Effekt ins Negative umschlagen und in einem „Teufelskreis“ enden: niedrigere Zielsetzungen, niedrigere Selbstregulation, niedrigere Motivation, niedrigere Leistung, niedrigere Ansprüche gegenüber der eigenen Person.

Junge männliche Geflüchtete können durch das Gefühl auf der Stelle zu treten oder das „Nichtbewältigen“ von Herausforderungen in eine Negativspirale verfallen. Fatal ist, dass Aufgaben und Situationen teils nicht angegangen werden, obwohl erforderliche Fähigkeiten vorhanden sind. Ein Versagen kommt oftmals einem Versagen als Mann gleich, welches sich über Motivationslosigkeit hinaus in Depressionen bis hin zu Suizidalität auswirken kann.

Für das Empfinden eigener Wirksamkeit oder Selbstwirksamkeit muss ein Ergebnis/Resultat, ob positiv oder negativ, auf eigenes Handeln rückführbar sein. Ist dies der Fall, wird von einer internalen Kontrollüberzeugung gesprochen. Im Zusammenspiel von Selbstwirksamkeitserwartung und Selbstregulation, welche einen zielgerichteten Handlungsprozess maßgeblich positiv unterstützen, sollte eine Leistung/eine Wirkung stets dem eigenen kompetenten Handeln zugeschrieben werden, um Motivationsprozesse in Gang zu setzen. Ein Motivationsprozess kann wiederum intrinsischer  oder extrinsischer Natur sein.  

Junge geflüchtete Männer und insbesondere „alleinreisende“ Jungen und Männer wurden oftmals mit multiplen Aufträgen und Erwartungen ihrer Familien ausgestattet.

Hinzu kommen die Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaft (extrinsisch motiviert):

  • Die familiäre Erwartungshaltung hinsichtlich einer tradiert-männlichen Rolle als „Ernährer“ und „Retter“, teilweise unter Gebrauch aller familiärer Mittel (finanziell, sachlich, emotional)  
  • Die Erwartung der aufnehmenden Gesellschaft an einen reibungslosen und erfolgreichen Integrationsprozess

Individuelle Bedürfnisse und Erwartungen (intrinsisch motiviert):

  • Die eigene Erwartung als „Mann“ stark zu sein, in schwierigen Situationen die Kontrolle zu behalten und zielführend und problemlösend zu handeln  
  • Die eigene Zukunft unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse zu gestalten  
  • Der Vergleich mit anderen männlichen Geflüchteten und jungen Männern

Sollte in der subjektiven Beurteilung zwischen Ergebnis/Resultat und eigenem Handeln kein Kausalzusammenhang hergestellt werden können, spricht man von einer externalen Kontrollüberzeugung. Diese zeigt sich in zwei Varianten. Zum einen in der „sozial-externalen“ Kontrollüberzeugung, welche die Beeinflussung von Ereignissen oder Ergebnissen durch andere Personen voraussetzt.  Zum anderen in der „fatalistisch-externalen“ Kontrollüberzeugung, welche die Beeinflussung von Ereignissen und Ergebnissen durch das Schicksal, das Glück oder Pech, den Zufall oder höhere spirituelle/göttliche Instanzen voraussetzt.

Im Kontext junger männlicher Geflüchteter ist das Personenfeld von Einzelpersonen auf „staatliche“ Einrichtungen, Institutionen und Organisationen zu erweitern. Nach der Flucht fließen unzählige Faktoren ein, die eine externale Kontrollüberzeugung begünstigen und sich vor allem als „sozial-external“ nachweisen lassen. Neben den grundlegenden Voraussetzungen wie Aufenthaltsstatus und Arbeitserlaubnis, die generell staatlicher Kontrolle unterliegen, werden durch starre, administrative Vorgänge, wie beispielsweise das zögerliche Anerkennen von Zeugnissen und Qualifikationen, eine Selbstwirksamkeit erheblich verzögert.

Was muss geschehen auf personaler, struktureller und konzeptioneller Ebene

Was braucht es, damit junge männliche Geflüchtete (wieder) eine positive Erwartungshaltung hinsichtlich ihrer Selbstwirksamkeit entwickeln? Grundlage für eine gelingende stabilisierende Arbeit ist eine vielfalts-, geschlechter- und traumasensible Haltung, sowie ein kritischer Umgang mit gesellschaftlichen Zuschreibungen und Rassismen.

Auf der Ebene von Lehr- und Fachkräften

Im kontinuierlichen Beziehungskontakt ist es möglich die Selbstwirksamkeitserwartungen durch vier stärkende Faktoren positiv zu beeinflussen und diese den jungen Menschen gezielt aufzuzeigen und bewusst erfahrbar zu machen.

Erfolgserlebnisse aufzeigen: Pädagogische Beziehungsarbeit kann durch achtsame und wohlwollende Begleitung individuelle Stärken und Ressourcen erfahrbar machen. Dies gilt insbesondere für Wertschätzung und Anerkennung von individuellen Lebensgeschichten. Die entstehende Vertrauensebene ermöglicht aufzuzeigen, dass der Alltag aus kleineren und größeren Herausforderungen besteht, die auf Grundlage von persönlichen Fähigkeiten erfolgreich bewältigt werden können.

Stellvertretende Erfahrung: Anhand von Beispielen und Wegen, die junge Männer in ähnlichen Lebenssituationen in Bezug auf Bildungs- und Ausbildungschancen bewältigt haben, kann ein Rahmen gesetzt werden, der realistische Möglichkeiten aufzeigt. Ein sensibler Umgang mit diesen Erfolgsbeispielen schafft Perspektiven, die den Lebenswelten von jungen geflüchteten Männern entsprechen.    

(Verbale) Ermutigung: bedeutet Begleitung und Anleitung, Zuspruch und Empowerment, Entwicklungsschritte benennen und wertschätzen. Zuspruch und Anerkennung von Leistung und Anstrengung kann junge Menschen in ihrem Alltag motivieren, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und weitere Ziele zu formulieren.

Emotionale Erregung: Übungen zur Körperwahrnehmung, Achtsamkeit oder auch erlebnispädagogische Maßnahmen können erfahrbar machen, dass zu jeder Herausforderung und Hürde auch ein Moment von körperlichen Stressreaktionen gehört. Gefühls- und Körperreaktionen werden durch Reflexion und das Erkennen als solche, Teil eines Handlungsprozesses, an dessen Ende ein Erleben von Erfolg und Selbstwirksamkeit steht.

Um diese helfenden Faktoren kontinuierlich zu berücksichtigen, ist es sinnvoll die Hürden und Problemstellungen realistisch einzuschätzen und sie mit jungen Männern unter Berücksichtigung der individuellen Umstände zu thematisieren. Neben äußeren Faktoren ist das innere Erleben von Herausforderungen ein wichtiger Aspekt. Im Kontakt mit ihnen gilt es „einen sicheren Ort“ zu schaffen, der es ermöglicht ihre Ängste, Befürchtungen und Unsicherheiten zu thematisieren, transparent und realistisch Möglichkeiten aufzuzeigenund kontinuierliche Unterstützung anzubieten. Diese Aufgaben stellen einen Kernbereich von geschlechterreflektierender Arbeit mit Jungen und Männern mit Flucht- und Migrationserfahrungen dar.  

Auf Ebene der Träger, Vereine und (staatl.) Institutionen

Eine wichtige Aufgabe von Trägern, Vereinen und (staatl.) Institutionen ist es Mitarbeiterinnen für die pädagogische Arbeit mit geflüchteten jungen Menschen ein Setting zu bieten, in dem sie selbst wirksam und effizient sein können. Für die wirksame, professionelle und sensibilisierte Arbeit mit geflüchteten jungen Männern ist es unabdingbar, dass Fort- und Weiterbildung für Lehr- und Fachkräfte gewährleistet wird. Zudem benötigen Fachkräfte in diesem Arbeitsfeld eine kontinuierliche Unterstützung durch kollegiale Beratung und Supervisionsangebote, um vor Übertragungseffekten von sekundärer Traumatisierung und Burn-Out Symptomatiken geschützt zu werden.
Um Fachkräften ein nachhaltig-wirksames Arbeiten zu ermöglichen, vor allem in Hinblick auf Beziehungsarbeit, muss eine Absicherung von Arbeitsverhältnissen stattfinden. Unbefristete Arbeitsverhältnisse schaffen Kontinuität und Zuverlässigkeit auf allen bereits genannten Ebenen.  

Des Weiteren muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass geflüchtete junge Männer auf verschiedene strukturelle Hindernisse im deutschen Hilfesystem treffen. Diese Hindernisse bestehen zum Beispiel aus sprachlichen Barrieren, Problemen bei der Anerkennung von Bildungsabschlüssen oder auch aus kulturellen Zuschreibungen und rassistischen Diskriminierungen.

Auf der Ebene zukünftiger Konzeptionen

Um den Bedarfen von zugewanderten Jungen und jungen Männern weiterhin gerecht zu werden, gilt es in der konzeptionellen Erarbeitung von Angeboten und Projekten das subjektive Wohlbefinden und die aktuellen Lebenslagen dieser stets zu beachten. Bei der intersektionalen Ausrichtung durch Lebenswelt- und Vielfaltsorientierung sowie geschlechterreflektiertem Handeln sind traumapädagogische und rassismuskritische Aspekte in Planung, Durchführung und Evaluation von Angeboten zu berücksichtigen, um mögliche Barrieren für die Teilhabe so gering wie möglich zu halten. Das Schaffen von Empowermenträumen und -momenten, an denen die jeweiligen Teilnehmer aktiv partizipieren und teilhaben können, sollte grundlegend eine Ausgangsbasis sein. Dadurch kann eine wertschätzende und ressourcenaktivierende Umgebung gestaltet werden, die reale Zugänge und Teilhabe an wichtigen gesellschaftlichen Strukturen wie Angeboten von Bildung, Freitzeitaktivitäten und Gesundheitsfürsorge schafft, und die Möglichkeit bietet, soziale Beziehungen außerhalb der eigenen Lebenswelt zu erfahren. Wirksamkeitserfahrungen im gesamtgesellschaftlichen Kontext schaffen Zuversicht, Zufriedenheit und lassen junge männliche Geflüchtete von „pädagogischen Hilfsobjekten“ zu wertvollen Mitgliedern einer sich neu-definierenden Gesellschaft werden.

Download

Die Stellungnahme 12/2018 der LAG Jungenarbeit NRW im Projekt „Irgendwie  Hier! Flucht – Migration – Männlichkeiten“ (PDF, 636 KB) steht zum Download zur Verfügung.

Weitere Informationen sind außerdem unter www.lagjungenarbeit.de zu finden.

Quelle: Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in NRW e.V.

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