Junge Flüchtlinge / Kinder- und Jugendpolitik

Organisationen und Verbände: Fachlichkeit statt Diffamierung von minderjährigen Geflüchteten

Jugendlicher mit über den Kopf gezogenem Kapuzenpullover sitzt auf einer Mauer
Bild: photocase, french 03

In ihrem Appell sprechen sich 54 Organisationen und Verbände zu einem Ende der Diskreditierung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus. Außerdem appellieren sie gegen die geplanten Gesetzesvorhaben und die Änderungen in der Praxis und fordern die politisch Verantwortlichen dazu auf, zu einer sachlichen Diskussion zurückzukehren.

Der gemeinsame Appell im Wortlaut

Fachlichkeit und rechtsbasierte Diskussionen und Entscheidungen

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind in erster Linie Kinder, ihr Schutz und ihre Förderung obliegt der Kinder- und Jugendhilfe. Jede rechtliche Konstruktion, die das in Frage stellt, jede Forderung, die ordnungspolitische Interessen über die Rechte von Kindern stellt, lehnen wir ab. Zunehmend stellen einige Politiker/-innen und Journalist(inn)en Schutzsuchende pauschal als Kriminelle dar und scheuen sich auch nicht, Kindern und Jugendlichen, die allein geflüchtet sind, niedere Beweggründe zu unterstellen. Auch deshalb dreht sich der öffentliche Diskurs immer stärker um eine nur scheinbar notwendige verstärkte Ordnungspolitik. Dass geflüchtete Minderjährige Kinder sind, deshalb besonderen Schutz brauchen und Rechte haben, wird nicht mehr als rechtliche Verpflichtung und gesellschaftsvertragliche Selbstverständlichkeit gesehen, sondern als Minderheitenmeinung diskreditiert. Wir wehren uns dagegen und setzen uns für Fachlichkeit und rechtsbasierte Diskussionen und Entscheidungen ein.

Junge Geflüchtete sind Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe ist als integratives und inklusives Konzept für alle Kinder und junge Menschen zuständig und unterstützt diese bei ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten. Dabei tritt sie Benachteiligungen entgegen und fördert die Chancengleichheit für alle Kinder und jungen Menschen. Konstruktionen von Fremdheit und Exklusion haben in der Kinder- und Jugendhilfe keinen Platz – im Gegenteil diversifizieren sich ihre Strukturen, um sich der Vielfalt ihrer Adressat(inn)en zu öffnen. Wir werden nicht zulassen, dass geflüchtete junge Menschen ausgeschlossen werden! Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aber auch geflüchtete junge Volljährige sind ein Teil der Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe. Dieser Fortschritt, für den sich viele engagierte Menschen jahrelang eingesetzt und gestritten haben, droht jetzt durch die Einführung der sogenannten AnKER-Zentren, durch Änderungen bei den Verfahren zur Alterseinschätzung wie bspw. in Baden-Württemberg und ggf. auch bei einer möglichen SGB VIII-Reform wieder rückgängig gemacht zu werden.

Erfolgreiche Integration ist möglich

Der Alltag der Kinder- und Jugendhilfe zeigt immer wieder aufs Neue, dass eine erfolgreiche Integration der jungen Menschen möglich ist. Das gelingt in erster Linie durch die Bemühungen der Jugendlichen selbst, aber auch durch das Engagement der Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, der beteiligten Verwaltungen und Organisationen und aufgrund der hohen fachlichen Qualität und Nachhaltigkeit der Jugendhilfe, wie bereits in Studien dargelegt. Allerdings werden deren Erfolge in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen durch den momentanen politischen Diskurs und die polarisierende öffentliche Debatte in Frage gestellt und schlecht gemacht: Die kriminellen Taten einiger weniger junger Flüchtlinge überlagern dabei die Wirklichkeit und die Erfolge der großen Mehrheit. Das Fehlverhalten Einzelner rechtfertigt und legitimiert keine verleumdenden Diffamierungen einer ganzen Gruppe oder gar ihren Ausschluss aus staatlicher Fürsorge. Wer eine strafbare Handlung begeht, kommt vor Gericht. Wer zufälligerweise aufgrund rechtlicher Definitionen zum gleichen Personenkreis zählt, darf nicht aufgrund der Taten anderer beurteilt werden.

Weg in ein eigenverantwortliches Leben

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen nach Deutschland, weil sie vor individuellen Bedrohungen, durch Krieg, Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung, Zwangsrekrutierung, religiöser Verfolgung, Zwangsprostitution, sexualisierter oder politischer Gewalt oder vor Perspektivlosigkeit fliehen. Wie andere Kinder und Jugendliche, die von der Jugendhilfe unterstützt werden, haben sie schwierige Lebenswege hinter sich und große Herausforderungen vor sich. Ihnen allen ist gemein, dass sie im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe allein nach ihrem individuellen Bedarf mit Blick auf die passende Unterstützung beurteilt werden. Rechte, Bedürfnisse und Potentiale von Kindern und Jugendlichen wahr und ernst zu nehmen, ist Grundlage, damit ihr Weg in ein eigenverantwortliches Leben gelingen kann. Für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen gilt nichts anderes. Diesen Weg wollen und werden wir deshalb weiter mit ihnen beschreiten.

Gemeinsam fordern wir Sie auf, sich bei den angekündigten Gesetzesvorhaben und Änderungen in der Praxis für Sachlichkeit und fachlich basierte Diskussionen einzusetzen. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gehören in die Kinder- und Jugendhilfe. Sie dürfen nicht zum Spielball kurzfristiger politischer Machtinteressen gemacht werden.

Liste der unterzeichnenden Organisationen

  • Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF)
  • Amadeu Antonio Stiftung  
  • Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe
  • Ärzte der Welt
  • AWO Bundesverband e. V.
  • borderline-europe – Menschenrechte ohne Grenzen e. V.
  • Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit e.V
  • Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V.
  • Bundesnetzwerk Ombudschaft in der Kinder- und Jugendhilfe
  • Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e.V.
  • Careleaver e.V.
  • Der Paritätische Gesamtverband e.V.
  • Deutsche Gesellschaft für ambulante allgemeine Pädiatrie
  • Deutscher Bundesjugendring
  • Deutscher Caritasverband e.V.
  • Deutscher Frauenrat
  • Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
  • Deutsches Kinderhilfswerk
  • Diakonie Deutschland
  • ECPAT Deutschland e.V.
  • Evangelischer Erziehungsverband e.V.
  • Flüchtlingsrat Hessen
  • Flüchtlingsrat Berlin
  • Flüchtlingsrat Brandenburg
  • Flüchtlingsrat Bremen
  • Flüchtlingsrat Baden-Württemberg
  • Flüchtlingsrat Bayern
  • Flüchtlingsrat Niedersachsen
  • Flüchtlingsrat NRW
  • Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
  • Flüchtlingsrat Sachsen
  • Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt
  • Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern
  • Flüchtlingsrat / AK Asyl Rheinland-Pfalz
  • Flüchtlingsrat Saarland
  • Flüchtlingsrat Hamburg
  • Flüchtlingsrat Thüringen
  • Institut für Sozial- und Organisationspädagogik – Uni Hildesheim
  • Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V.
  • Jugendliche ohne Grenzen
  • JUMEN e.V. - Juristische Menschenrechtsarbeit in Deutschland
  • Kindernothilfe
  • Kompetenzzentrum Pflegekinder
  • Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e. V.
  • National Coalition Deutschland – Netzwerk zur Umsetzung der UN - Kinderrechtskonvention
  • Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen e.V.
  • Nürnberger Menschenrechtszentrum e.V.
  • Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V.
  • Outlaw. die Stiftung
  • Pro Asyl
  • Republikanischer Anwaltsverein
  • terre des hommes Deutschland e.V.
  • Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.
  • Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Quelle: Deutscher Caritasverband e.V. sowie AWO Bundesverband e.V. vom 22.08.2018

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