Junge Flüchtlinge / Sozialforschung

Menschenrechtsverletzungen auf der Mittelmeerroute – Neuer Report von UNICEF und IOM

Drei junge Männer aus Gambia in einem Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Pozallo, Sizilien am 17. Mai 2016
Bild: © UNICEF/UN020016/Gilbertson VII Photo Ablie (17), Fodaoi (14) und Alieu (17) aus Gambia in einem Flüchtlingscamp für unbegleitete Minderjährige auf Sizilien

Jugendliche und junge Erwachsene aus Entwicklungs- und Krisenländern sind bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Report von UNICEF und der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Demzufolge berichten 77 Prozent der unter 25-Jährigen, dass sie auf der zentralen Mittelmeerroute misshandelt, ausgebeutet oder sogar Opfer von Menschenhandel wurden.

Der Report „Harrowing Journeys“ („Qualvolle Wege“) dokumentiert, dass die sogenannte Zentrale Mittelmeer-Route über Libyen gefährlicher ist als die Östliche Mittelmeer-Route über die Türkei. Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren sind insgesamt in deutlich größerer Gefahr, Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel zu werden, als ältere Erwachsene. Aimamo, ein 16-jähriger unbegleiteter Jugendlicher aus Gambia, wurde nach seiner Ankunft in Italien interviewt und berichtete von monatelanger Zwangsarbeit in Libyen: „Wenn du versuchst, wegzulaufen, erschießen sie dich. Wenn du nicht arbeitest, schlagen sie dich. Wir wurden behandelt wie Sklaven. Am Ende des Tages wurden wir immer eingesperrt.“

Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel

Für den Report „Harrowing Journeys“ (pdf 6,3 MB) wurden Interviews ausgewertet, die die Internationale Organisation für Migration (IOM) zwischen Januar 2016 und Mai 2017 geführt hat. Befragt wurden rund 22.000 Geflüchtete und Migranten, darunter rund 11.000 Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 24 Jahren.

„Die harte Wahrheit ist, dass es inzwischen zur Normalität für junge Menschen auf der Mittelmeer-Route gehört, misshandelt, ausgebeutet, geschlagen oder diskriminiert zu werden“, sagte Afshan Khan, UNICEF-Regionaldirektorin für Europa. „Die Regierungschefs der EU sollten dauerhafte Lösungen etablieren – einschließlich sicherer und legaler Zuwanderungsmöglichkeiten, der Einrichtung von Schutzkorridoren und Alternativen zur Haft von minderjährigen Flüchtlingen und Migranten.“

Schutz von Kindern auf der Flucht

Neben dem Alter wirken sich weitere Faktoren wie das Herkunftsland, die Route, Reisedauer und der Bildungsgrad auf die Sicherheit aus. Besonders gefährdet, Opfer von Ausbeutung oder Menschenhandel zu werden, sind junge Menschen aus Subsahara-Afrika: Auf der östlichen Mittelmeer-Route berichten davon 65 Prozent im Vergleich zu 15 Prozent der Migranten aus anderen Regionen; auf der zentralen Mittelmeer-Route sind es 83 Prozent junge Afrikaner verglichen mit 56 Prozent mit anderer Herkunft. In einer Gruppe unterwegs zu sein und ein höherer Bildungsgrad bieten offensichtlich ein gewisses Maß an Schutz, während mit längerer Dauer der Reise die Gefahr steigt, Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel zu werden.

UNICEF fordert die Regierungen dazu auf, junge Flüchtlinge und Migranten besser zu schützen. Hierzu wurde ein Sechs-Punkte-Plan zum Schutz von Kindern auf der Flucht und in der Migration entwickelt.

Der Report „Harrowing Journeys“ (pdf 6,3 MB) sowie eine Zusammenfassung in deutscher Sprache (pdf 640 KB) stehen auf der Webseite von UNICEF Deutschland zur Verfügung. 

Quelle: UNICEF Deutschland vom 12.09.2017

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