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Flucht und Migration / Kinder- und Jugendpolitik

Kritik an pauschaler Verurteilung junger Muslime als "Integrationsverweigerer"

Rotes Puzzleteil
Bild: © AKS - Fotolia.com

Im Zusammenhang mit der Diskussion über die gestern vorstellte Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" kassiert das Bundesinnenministerium heftige Kritik aus der Fachwelt.

"Junge Muslime, die in Deutschland leben, stellen völlig zu Recht kritische Fragen an die Gesellschaft, in der sie leben", sagte Maria Loheide, sozialpolitischer Vorstand des Diakonie Bundesverbandes heute in Berlin zur aktuellen Diskussion über die Studie des Bundesinnenministeriums "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland". 

Muslime erlebten nicht selten eine vorschnelle Verknüpfung des Islams mit dem Terrorismus und eine Pauschalverurteilung als Terroristen - in Deutschland wie in anderen Ländern. "Wer Muslime oder einen Teil von ihnen als 'Integrationsverweigerer' brandmarkt, muss sich die Frage stellen lassen, ob er oder sie nicht die Integration des Islams in die deutsche Gesellschaft ablehne.
Der Islam gehört aber auch zu Deutschland", betonte Loheide. Der Begriff "Integrationsverweigerer" sei 2010 zu Recht an zweiter Stelle zu einem "Unwort des Jahres" gekürt worden.

Die Diakonie teilt die Meinung der Autoren der Studie, dass es notwendig sei "gesellschaftliche Initiativen und Maßnahmen zu realisieren, die den Aufbau einer positiven bikulturellen Identität der Muslime erleichtern, um auf diese Weise islamistischen Radikalisierungsprozessen vorzubeugen."  Dazu gehörten auch verstärkte diakonische Angebote der Kinder- und Jugendhilfe. "Jede Darstellung, die Muslime stigmatisiert, ist strikt abzulehnen", hebt Loheide hervor.

Angesichts der lange unentdeckt gebliebenen und ignorierten Serie rassistisch motivierter Mordtaten der Zwickauer Gruppe fordert die Diakonie eine sachliche Diskussion und Berichterstattung, die dem Zusammenhalt  der Gesellschaft nicht zuwiderläuft. Die Diakonie schließt sich der Aussage der Autoren der Studie an: "Letztendlich ist Integration ein interaktiver Prozess, der nur durch gemeinsames Engagement der Migranten und der deutschen Mehrheitsbevölkerung gelingen kann."

AWO: Bundesinnenministerium möchte Integration offenbar verhindern
"Mit der aktuell viel diskutierten Studie aus dem Bundesinnenministerium zu Integrationsfragen haben die politisch Verantwortlichen offenbar nur eines im Sinn: Integration zu verhindern", so der AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Anders sei nicht zu erklären, wie offenbar bewusst ignoriert werde, dass sich laut Studie knapp 80 Prozent der muslimischen Mitbürger in unserem Lande integriert fühlen und auch integrieren wollen, stattdessen jedoch so genannte Integrationsunwillige in das Zentrum der Veröffentlichung gestellt würden. "Das Ganze ist umso beschämender vor dem Hintergrund der Gedenkfeier für die Opfer des rechtsextremistischen Terrors in der vergangenen Woche", unterstrich Stadler. 

Eine differenzierte Studie von knapp 800 Seiten Umfang in der medialen Vermittlung bewusst auf einen Aspekt zu reduzieren legt den Schluss nahe, dass Teile der politisch Handelnden in Deutschland Integration verhindern wollen, um im rechten politischen Spektrum weiter zu punkten. "Dieses Verhalten ist und bleibt skandalös und unverantwortlich", so der AWO Bundesvorsitzende. Es widerspreche auch allen Bemühungen, Ausgrenzung zu verhindern, Rassismus zu bekämpfen und den Zusammenhalt in Deutschland zu stärken.

Integrationsbeauftragter Vincente kritisiert "stimmungsmachende Verkürzungen"
Auch Miguel Vicente, Beauftragter der rheinland-pfälzischen Landesregierung für Migration und Integration, kritisierte das fahrlässige Vorgehen des Bundesinnenministers in Bezug auf die Studie.

„Solche sensiblen Themen werden sorgfältig vorbereitet und dann der Öffentlichkeit vorgestellt und nicht vorab der BILD-Zeitung zugeleitet, die stimmungsmachende Verkürzungen vorzieht“, rügt Vicente.

Die Autoren der Studie gingen dagegen selbstkritischer mit ihren Ergebnissen um und erhöben nicht den Anspruch auf Hochrechnung der Messwerte auf alle Muslime, so der Landesbeauftragte. „Anders als die verkürzten Schlagzeilen beschreibt die Studie wesentlich positiver die Bandbreite der Lebenswelten der Muslime in der Bundesrepublik und ihre Zugehörigkeit zu Deutschland“, sagte Vicente.

Auch Vincente kritisierte den Zeitpunkt der Veröffentlichung. „Kaum eine Woche nach der groß inszenierten Gedenkfeier an die Opfer der rechtsextremen Morde wird nun der Blick wieder auf die vermeintlich gefährlichen Muslime gelenkt.  Es wäre hilfreicher, wenn der Bundesinnenminister eine Studie zu rassistischen und antidemokratischen Einstellungen und deren Bekämpfung machen würde, auch angesichts des Totalversagens seiner Sicherheitsbehörden.“

Ebenfalls sei zu fragen, so Vicente, warum eine solche Studie überhaupt für notwendig erachtet werde: „Warum wird dem Islam ständig Fanatismus und Gewaltbereitschaft unterstellt? Nicht der Islam ist ein Feind unserer demokratischen Grundordnung, sondern jedwede Form von Fundamentalismus und Menschenfeindlichkeit, egal aus welcher Ideologie sie gespeist werden.“

Auch diese Studie zeige zudem wie problematisch insgesamt der Gebrauch von Begriffen und Zuschreibungen ist. „Ist zum Beispiel eine Muslima eine Integrationsverweigerin, wenn sie angibt eher zu ihrer Herkunftskultur statt zur deutschen zu neigen, da sie Diskriminierung und eine antiislamische Stimmung spürt, sonst aber perfekt die deutsche Sprache spricht und strukturell voll integriert ist?“, fragt der Beauftragte des Landes. Ein für die Integrationswilligkeit wichtiger Aspekt, den auch die Wissenschaftler hervorheben, sei für Muslime eben das Gefühl, von ihrer deutschen Umwelt akzeptiert zu werden. „Hier müssen wir fragen, ob diese Akzeptanz noch verbessert werden kann. Denn wie auch diese Studie zeigt: Die meisten Muslime fühlen sich in Deutschland wohl, stehen zur demokratischen Grundordnung und lehnen jedwede Art von islamistisch begründetem Terrorismus ab. Die überwiegende Mehrheit will sich einbringen und Deutschland als ihr Heimatland verstehen. Das ist nach der islamfeindlichen Sarrazin-Debatte und der rechtsextremen Mordserie keine Selbstverständlichkeit“, meint Vicente.

djo: Einseitige Berichterstattung schadet dem Gemeinschaftsgefühl 
„Deutschland ist die Heimat vieler junger Muslime“, erklärt der Bundesvorsitzende von djo-Deutsche Jugend in Europa, Thomas Hoffmann. „Anstatt die Schlussfolgerungen und Anregungen der Studie herauszustellen, wird durch einseitige Berichterstattung und fragliche Stellungnahmen ein verzerrendes Bild der jungen Muslime in Deutschland gezeichnet. Diese Verfahrensweise erleichtert nicht die sachliche Auseinandersetzung und schadet sehr konkret dem Gemeinschaftgefühl in der deutschen Gesellschaft, denn dadurch werden Ressentiments nicht verhindert sondern unterstützt. Wir fordern dazu auf, die Studie richtig zu lesen und die darin geschilderten Anregungen aufzugreifen. Insbesondere die Bildungschancen und die Möglichkeiten der Partizipation von jungen Muslimen in Deutschland müssen gestärkt werden.“ 
 
„Es ist richtig, dass die Studie feststellt, dass 24 % von jungen Muslimen tendenziell gewaltbereit und integrationsunwillig seien“, betont die djo-Bundesvorsitzende Hetav Tek.  „An dieser Stelle die Religion als einzigen Grund dieses Befundes zu nennen ist unredlich. Es ist fragwürdig, ob eine Integrationswilligkeit eines Menschen - wie in der der Studie geschehen – durch eine Fragestellung festgestellt werden kann, ob man die Herkunftskultur bewahren oder die deutsche Kultur übernehmen möchte. Die Studie zeigt auch, dass die Mehrzahl aller Befragten sich integrieren möchte. Die Untersuchung des Gallup-Instituts hat 2009 feststellt, dass sich 38% der Muslime in Deutschland isoliert fühlen und als 49% als toleriert und nur 13% als integriert. Dies zeigt, dass eine unausgesetzte Gleichsetzung von Islam und Terrorismus nicht dazu beiträgt, Integrationsbereitschaft zu fördern, sondern das Gegenteil. Andere Gründe einer Gewaltbereitschaft junger Muslime, wie geringe Bildungs- und Arbeitsmarktchancen sollten nicht unter den Tisch gekehrt werden. Wer die Integration von den jungen Muslimen in Deutschland will und einfordert, sollte dies nicht durch eigene einseitige und verzerrende Stellungnahmen behindern.“

BAG EJSA kritisiert "doppelzüngige Politik"
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA) kritisiert die aus ihrer Sicht einseitige und verkürzte Wiedergabe der Studie. So habe FOCUS online getitels: „Jeder vierte junge, nichtdeutsche Muslim integrationsunwillig“. Dabei bleibe unklar, so die BAG EJSA, wie hoch der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtbevölkerung sei. "Rechnen wir also nach: In Deutschland leben zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime – genauer wissen wir es leider nicht. Gut 50 Prozent der Muslime in Deutschland besitzt keinen deutschen Pass, also ca. 2 Mio. Menschen. Bei gut 80 Mio. Einwohnern wären das 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von diesen 2,5 Prozent nichtdeutschen Muslimen zeigen – so ein Ergebnis der Studie – 24 Prozent keine Integrationstendenz. Das wären also maximal 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Kann uns diese Erkenntnis wirklich schockieren?", schreibt die BAG EJSA in ihrer Pressemitteilung zum Thema.
Die Studie hebe ausdrücklich hervor, dass nicht notwendigerweise der Status als Muslim und/oder Migrant per se Ursache der Integrationsprobleme sei, sondern die mit diesem Status einhergehenden sozialen Benachteiligungen dazu führen könnten. Mögliche Ursachen würden in der Studie benannt, seien aber vielleicht weniger medientauglich.
Die Politik spreche mit doppelter Zunge: Während die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung sich darum bemühe, in Deutschland eine Willkommenskultur zu installieren, äußere sich der Bundesinnenminister „besorgt über die Erkenntnisse seines Ministeriums“ und unterstelle den Muslimen „den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten“. Die BAG EJSA verweist darüber hinaus auf Hans-Peter Uhl, den innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der mit folgenden Worten zitiert wird: "Diese Integrationsverweigerung muss nicht, aber kann den Nährboden für religiösen Fanatismus und Terrorismus darstellen."
Dabei komme die Studie zu dem Ergebnis, dass sich die in Deutschland lebenden Muslime mehrheitlich deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten und gleichzeitig eine vorschnelle Verknüpfung des Islams mit dem Terrorismus erlebten. „Vor allem die älteren Teilnehmer der ‚ersten Generation’ muslimischer Einwanderer fühlen sich durch den pauschalen Vorwurf der Integrationsunwilligkeit oder gar -unfähigkeit persönlich angegriffen. Sie betonen die Leistungen, die sie für Deutschland erbracht haben, und verweisen darauf, dass ihre Steuern von den deutschen Behörden gerne genommen werden, während sie selbst als Personen anscheinend in Deutschland unerwünscht sind“, zitiert die BAG EJSA die Studie.
Derweil stehe die doppelte Staatsbürgerschaft immer noch aus. "Wir produzieren also weiterhin „nichtdeutsche Muslime“. Das ist der eigentliche Skandal!", so die BAG EJSA abschließend.

Quellen: Diakonisches Werk der EKD / Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen
des Landes Rheinland-Pfalz / Arbeiterwohlfahrt Bundesverband /
 djo-Deutsche Jugend in Europa / Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA)