Junge Flüchtlinge / Sozialforschung

Forschungsbedarfe mit Blick auf Geflüchtete im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe

Sprechblasen schweben über einer Hand
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Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ macht in ihrem Diskussionspapier aktuelle Forschungsprojekte sichtbar, in denen Lebenssituationen und Problemstellungen von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien untersucht werden. Ausgehend von Thematisierungen und Problematisierungen im Kontext der Arbeit mit Geflüchteten in der Kinder- und Jugendhilfe werden zudem konkrete Forschungslücken sowie weitere Forschungsbedarfe benannt.

Unabhängig davon, wie sich die Anzahl der Menschen, die in Deutschland ankommen, entwickelt, steht die Kinder- und Jugendhilfe vor der Aufgabe, den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien die ihnen zustehenden Leistungen nach dem SGB VIII zukommen zu lassen und den Kinderschutz zu verwirklichen.  Beides ist angesichts der konkreten Lebensbedingungen von geflüchteten Familien und unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten (UmA) keine einfache und in ihrer Spezifität z. T. auch neue Aufgabe und bedarf besonderer Bemühungen. So sind zum Beispiel die Alltagsbedingungen in vielen Gemeinschaftsunterkünften keine Orte, die ein kind- bzw. jugendgerechtes Aufwachsen ermöglichen, geschweige denn Kinderschutzanforderungen gerecht werden.

Die Lebenslagen geflüchteter junger Menschen und ihrer Familien sind eingespannt zwischen unterschiedlichen Rechtssystemen – z. B. zwischen internationalem Recht (UN-Kinderrechtskonvention), Familienrecht, Jugendhilferecht sowie asyl- und ausländerrechtlichen Regelungen. Dies birgt in der Komplexität enorme, zum Teil auch differente, fachliche Herausforderungen für die Mitarbeitenden in der Kinder- und Jugendhilfe. Diese müssen priorisiert und abgewogen werden und erfordern zusätzliche Kooperationen (z. B. mit Ausländerbehörden, Rechtsbeiständen, Dolmetschern bzw. Sprachmittlern, dem DRK-Suchdienst und dem Gesundheitswesen), um den eigenen Auftrag gut erfüllen zu können. Zusätzlich verlangen auch die in manchen Dimensionen radikal anderen Lebenslagen dieser Zielgruppe nach konzeptionellen Reflexionen und Anpassungen. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Wenn Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Identität, der religiösen Orientierung oder politischen Verfolgung wesentliche Fluchtgründe darstellen, stellt sich die Frage, inwiefern die bestehenden Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in der Lage sind, ein angemessenes Umfeld zu bieten und die Angebote angemessen pädagogisch ausgestaltet sind oder ob es hier anderer bzw. ergänzender Perspektiven und Erweiterungen bedarf.

Viele etablierte Angebote der Kinder- und Jugendhilfe (z. B. Kindertagesbetreuung, Jugendarbeit, Elternbildung, Hilfen zur Erziehung) bieten Chancen zur Vernetzung und damit auch zur Integration mit den Menschen, die bereits hier leben. Welche hohe Bedeutung und welche entlastende Wirkung solche alltäglichen Kontakte haben können, wenn sie denn frei von Rassismus und Diskriminierung sind, deutet sich zum Beispiel in den Ergebnissen des Projektes „Unbegleitete und begleitete minderjährige Flüchtlinge“ (Vgl. Lechner/Huber/Holthusen 2016: Geflüchtete Jugendliche in Deutschland. In: DJI-Impulse. Ankommen nach der Flucht. Wie Kindern und Jugendlichen der Neuanfang in Deutschland gelingt.) an: Jugendliche formulieren ihren Wunsch nach Peerbeziehungen mit Menschen ohne Fluchterfahrung, da sie diese für essentiell hinsichtlich ihrer Integration in Deutschland halten und Peerbeziehungen für sie einen großen symbolischen Wert besitzen. Die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der interkulturellen Öffnung relevanter Institutionen und eine entsprechende Sensibilisierung aller Akteure sowie die Ermöglichung der Integration Geflüchteter gleichermaßen zu erreichen, ist eine Aufgabe, deren Erfüllung keine punktuelle, sondern eine langfristige Perspektive erfordert und die Kinder- und Jugendhilfe noch für längere Zeit nachhaltig beschäftigen wird.

Ziel des Diskussionspapieres

Mit diesem Diskussionspapier möchte die AGJ die in den letzten Jahren begonnenen Forschungsbemühungen sichtbar machen, in denen Lebenssituationen und Problemstellungen von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien untersucht werden. Ausgehend von Thematisierungen und Problematisierungen im Kontext der Arbeit mit Geflüchteten in der Kinder- und Jugendhilfe werden die zentralen Themen und die Ausrichtung aktueller Forschungsprojekte dargestellt. Diese Themen umspannen die individuellen Lebenslagen, spezielle Problemstellungen in ihrer Relevanz für die Kinder- und Jugendhilfe wie auch aktuelle Herausforderungen bezüglich der Entwicklung der Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe. Auf dieser Basis arbeitet das Papier heraus, welche Forschungslücken bzw. weitere Forschungsbedarfe zu benennen wären. Ziel ist es, Aspekte und Eckpunkte für eine weiterführende und vertiefende Diskussion zur Verfügung zu stellen und anzuregen.

Die aktuellen Forschungsprojekte und Forschungsbefunde sind der Auflistung im Diskussionspapier zu entnehmen. Dieses steht in kompletter Länge mit dem Titel „Forschungsbedarfe mit Blick auf Geflüchtete im Kontext der Kinderund Jugendhilfe“ (PDF, 115 KB) in der Material-Datenbank des Fachkräfteportals zur Verfügung.

Identifizierung bisher unbeantworteter Forschungsfragen

Ausgehend von den Ausführungen im ersten Teil des Diskussionspapieres lassen sich Forschungsfragen sowie explizite Forschungslücken identifizieren, deren Bearbeitung es im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe bedarf.

Zu individuellen Lebenslagen

Bezogen auf die individuellen Lebenslagen bedarf es einer lebenslagenbezogenen Forschung mit Menschen, die entweder gerade erst oder aber schon seit längerem im Rahmen einer Flucht nach Deutschland gekommen sind, und die sich umfassend und langfristig mit der Lebenssituation von Menschen nach der Flucht und den Möglichkeiten der gesellschaftlichen Integration befassen.

Diesbezüglich sollten hinsichtlich der individuellen und spezifischen Lebenslagen der Zielgruppe der geflüchteten Kinder und Jugendlichen und ihren Familien folgende Fragestellungen bzw. Forschungsperspektiven bearbeitet werden:

  • Bedeutung der Herkunftsfamilie für die Perspektivenplanung; der Prozess und damit verbundene Dynamiken beim Familiennachzug; die Entwicklung der Rollen in der Familie, insbesondere ggf. geprägt durch die Fluchterfahrungen oder z. B. die Veränderungen bei UmA, wenn Sie über längere Zeit nicht in der Herkunftsfamilie gelebt haben;
  • Zur Wohnsituation: Erleben sowie Auswirkungen von Gemeinschaftsunterkünften für Kinder mit Angehörigen; Herausforderungen im Übergang von Wohnformen bei UmA;
  • Soziale Einbindung: Einbindung in Peergruppen, Freizeitverhalten, berufliche Perspektiven, (virtuelle) Vernetzung;
  • Frage nach grundsätzlichen Möglichkeiten der Teilhabe (Beteiligungsverfahren);
  • Gestaltung von Übergängen in den Bildungs- und Unterstützungssystemen (Stichwort: Ausgrenzung vs. Eingliederung in Regelsysteme);
  • Kinderschutz, Sicherung des Kindeswohls, Förderung und Wohlbefinden;
  • Möglichkeiten der Prävention von Radikalisierungsprozessen.

Dabei ist es bedeutsam, wie die Lebenslage und damit verbundene Hilfs- und Beratungsbedarfe von den Geflüchteten selbst thematisiert werden. Sowohl bezüglich der Forschung zu individuellen Lebenslagen als auch zu Angeboten und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe ist es daher unerlässlich, diese Studien nicht nur an den bisherigen inhaltlichen Konzepten, z. B. der lebenslagenbezogenen Forschung, anzulehnen, in dem etwa Fragen aus anderen Umfragen übernommen werden. Stattdessen sollten Forscherinnen und Forscher auch unter Beteiligung der geflüchteten Menschen selbst die für sie relevanten Dimensionen zur Beschreibung ihrer Lebenssituation identifizieren und diese in Erhebungen integrieren. Es gilt somit auch, Herausforderungen sowie Möglichkeiten partizipativer Forschungsansätze aufzunehmen.

Zu speziellen Problemstellungen sowie Angeboten und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe

Diesbezüglich beschreibt das Resümee der Autorengruppe des Arbeitspapieres des Landes Niedersachsen zu dem Thema Unbegleitete Minderjährige in Niedersachsen  den nach wie vor bestehenden Forschungsbedarf sehr deutlich: „Fragen nach den spezifischen Bedarfen von Unbegleiteten Minderjährigen hinsichtlich ihrer Erziehung, Bildung, Verselbstständigung sowie ihrer physischen und psychischen Situation gilt es somit auch zukünftig in den Blick zu nehmen, um bedarfsgerechte Angebotsformen und Unterstützungen weiterentwickeln zu können. Das Thema der Kommunikation und Kooperation mit relevanten Schnittstellen ist in diesem Kontext von besonderer Relevanz“. Ähnliche Fragen lassen sich auch für begleitete Kinder und Jugendliche sowie Familien, die nach Deutschland gekommen sind, entlang der damit verbundenen Aufgaben, für die Ausgestaltung von Angeboten und die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe unter Berücksichtigung bereits ausgewiesener spezifischer Problemstellungen formulieren.

Um herauszufinden, was bedarfsgerechte Angebote und Strukturen sein können, wäre eine forschungsmäßige Bearbeitung folgender Themen- und Fragestellungen sicherlich hilfreich:

  • Analyse der Tragfähigkeit bisheriger Angebote und Strukturen sowie ggf. notwendiger Neuausrichtungen; z. B. Arbeit mit geflüchteten Mädchen, Unterstützung im Prozess der Familienzusammenführung;
  • Anforderungen an Fachkräfte, um Strategien in der fachlichen Arbeit mit dieser Zielgruppe sowie konzeptuelle Weiterentwicklungen zu fundieren, die stärker auf die spezifischen Lebenserfahrungen Rücksicht nehmen;
  • Qualifizierung von Freiwilligen und die Zusammenarbeit der Professionellen mit ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern im Feld der Flüchtlingsarbeit bedarf der Analyse des Verhältnisses dieser beiden Akteursgruppen sowie der Tragfähigkeit der sich daraus ergebenden neuen Kooperationen;
  • Wissen und Kompetenzen von Fachkräften im Kontext spezieller Problemstellungen (z. B. Umgang mit Traumatisierungen; Familienzusammenführungen);
  • Evaluationen zu unterschiedlichen Arbeitsansätzen mit Kindern, Jugendlichen und Familien in Gemeinschaftsunterkünften, z. B. hinsichtlich der „Elternbildungsarbeit“;
  • Absicherung der Hilfen für junge Volljährige;
  • Formen der Übergangsbegleitung und des Übergangsmanagements (inklusive möglicherweise erforderlicher rechtlicher Klarstellungen für junge Volljährige);
  • Stärkung kommunaler Jugendhilfeplanung mit Blick auf die spezifischen Bedarfe dieser Zielgruppe bei gleichzeitiger Öffnung und Ausgestaltung von bestehenden Angeboten und Strukturen;
  • Entwicklung von neuen Strategien der Netzwerkarbeit mit dieser Zielgruppe;
  • Analyse von Effekten auf alle Adressatinnen und Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe, die durch die Ausweitung der Angebote auf junge Geflüchtete zum Tragen kommen;
  • Öffnung, Nutzungsverhalten und Kooperation der Einrichtungen an den Schnittstellen unterschiedlicher Systeme: Strukturbezogene Forschung sollte analysieren, inwiefern sich durch die neue Zielgruppe auch die Kooperationspartner der Kinder- und Jugendhilfe ändern (z. B. BAMF) und wie gut es der Kinder- und Jugendhilfe gelingt, in den hierdurch neu entstehenden Überlappungsbereichen ihre eigene Handlungslogik beizube-halten und so ihre Ziele auch erreichen zu können;
  • Untersuchung der Effekte einer starken Expansion von Angeboten für geflüchtete Jugendliche auf die organisationale Struktur der Jugendberufshilfe, zu denen bislang noch keine empirischen Daten vorliegen;
  • Rechtstatsachenforschung zur Umsetzung und Wirkung von rechtlichen Vorschriften (z. B. zur Berücksichtigung von Kindeswohlbelangen in der Entscheidungspraxis der verschiedenen Behörden, zur Familienzusammen-führung, zum Verbot von Minderjährigenehen, zur Vormundschaft für unbegleitete Geflüchtete).

Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe

Eine interdisziplinäre Bearbeitung dieser unterschiedlichen Aspekte und eine Vernetzung mit empirischen Forschungen zu Menschen auf und nach der Flucht aus anderen Perspektiven (z. B. Gesundheitswissenschaften und Public Health, Recht, Soziologie oder Politikwissenschaften), würde – so eine der hier zugrunde gelegten Annahmen – Anregungspotenzial für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe entfalten. Dabei geht es zum einen darum, die für die Kinder- und Jugendhilfe relevanten Perspektiven in interdisziplinäre Forschungsvorhaben einzubringen und zu vertreten. Gleichzeitig ist es zum anderen bedeutsam, durch die Beteiligung der Handlungspraxis einen entsprechenden systematischen Transfer von Fragen und Wissensbedarfen aus der Praxis sowie von Erkenntnissen aus den Forschungsbemühungen in die Praxis partizipativ zu sichern.

Auch wenn in den letzten Jahren einige Forschungsaktivitäten begonnen haben, so zeigt sich doch, dass gesichertes Wissen zu einer Vielzahl von einzelnen Themen und Problemstellungen – siehe allein die hier aufgeführten exemplarischen Fragestellungen – fehlt. Insbesondere um Prozesse und Verläufe systematisch in den Blick zu nehmen, fehlen aktuell auch noch entsprechende, auf Längsschnittuntersuchungen ausgerichtete, Forschungsprojekte. Es ist also dringend geboten, dass Wege gefunden werden, weitere Forschungsprojekte in Bezug auf geflüchtete Kinder, Jugendliche und Familien sowie die Auswirkungen auf diese und die Veränderungsbedarfe in der Kinder- und Jugendhilfe selbst sowie darüber hinaus zu initiieren und zu fördern. Bund und Länder können hier neben Stiftungen wichtige Impulse für die Integration geflüchteter Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien leisten.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

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