Sie sind hier: Startseite  Im Fokus  Inklusion

Inklusion / Qualifizierung

Japan: auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft

Menschen laufen über einen Zebrastreifen in Tokio
Bild: © eyetronic - fotolia.com

Vom 11. bis zum 26. Februar 2019 lud das japanische Cabinet Office zum 17. Mal junge Führungskräfte im Alter unter 40 Jahren aus drei Staaten nach Japan ein. Auch neun Deutsche aus den Fachbereichen Seniorenarbeit, Jugendarbeit und Behindertenarbeit waren dabei. Barbara Wurster vom Bundesjugendministerium hat die deutsche Delegation geleitet und fasst ihre Erfahrungen in einem Tagungsbericht für IJAB zusammen.

Das seit 2002 von japanischer Seite großzügig finanzierte Jugendaustauschprogramm umfasst inzwischen eine internationale Zusammenarbeit mit mehr als 20 Staaten. Jedes Jahr lädt Japan junge Fachkräfte aus den drei Partnerstaaten ein, aus den Staaten, die im Oktober des Vorjahres ihrerseits japanische junge Fachkräfte empfingen. IJAB sowie für den Seniorenbereich die Bonner Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenbüros (BAGSO) unterstützen dabei regelmäßig das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bei den Vorbereitungen.

Gemeinsames Ziel: Wie gestalten wir eine Gesellschaft, die niemanden zurücklässt?

In diesem Jahr legte das Austauschprogramm einen Schwerpunkt auf die Frage, wie Risiken und Potentiale von Digitalisierung und Informationstechnologien das Oberthema „Schaffung einer inklusiven Gesellschaft“ beeinflussen und welche zentrale Rolle Nichtregierungsorganisationen in allen vier Staaten im Kontext „Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion“ einnehmen.

Der straff organisierte und zugleich lebhafte Austausch mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus den vier beteiligten Ländern – Finnland, Deutschland, Neuseeland und Japan – war für alle Beteiligten inspirierend. Gemeinsam konnten wir unsere Erfahrungen, Ideen und Perspektiven dazu austauschen, wie man am besten eine inklusive Gesellschaft verwirklicht.

NPO-Management-Forum, Tokio (15.-18. Februar 2019)

Zuerst flossen die gemeinsamen Diskussionen zu neuen Informationssystemen, Datenschutzanforderungen und künstlicher Intelligenz in ein sogenanntes NPO-Management-Forum ein, das vom 15. bis 18. Februar im Tokioer Internationalen Jugendzentrum stattfand. Es stellte für über 100 japanische Teilnehmende eine erste internationale Begegnung mit jungen Kollegen und Kolleginnen gleichen Alters dar.

Je zwei Institutsbesuche in Tokio unterstützen die thematischen Vorbereitungen. So zeigte die Fakultät für Informationsvernetzung für Informationsdesign der Tokioter Universität auf, wie wichtig und zum Teil schwierig es in Japan sein kann, zwischen persönlichen Daten und privaten Daten zu unterscheiden. Der Besuch bei Tokyo Colony gewährte wertvolle Einblicke in die Vorteile von Japans Privacy Mark Certificate, einem Gütesiegel für den sicheren Umgang mit Daten – es schärft das Bewusstsein und schafft Vertrauen – und wie gut mittlerweile Tokyo Colonys Karte für Notfälle in Tokio wie überall in Japan angenommen wird. Beide Instrumente helfen beim Austausch der Informationen, die für gute Seniorenangebote erforderlich sind.

Alle jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilten während dieser auch ziemlich anstrengenden langen Arbeitstage in Tokio dieselben Visionen und alle schafften es, gemeinsam die Abschlusskonferenz vorzubereiten. Gegenseitiger Respekt war ein besonderes Kennzeichen unseres internationalen Diskussionsprozesses, der in sich allein bereits als ein interkultureller Lernerfolg anzusehen ist.

Daher verließen wir Tokio mit einem lachenden und einem weinenden Auge, um entsprechend unseren Fachgebieten zum Regionalprogramm weiterzuziehen: nach Oita (Menschen mit Behinderungen), nach Tottori (Jugend) und – in meinem Fall – nach Kumamoto (ältere Menschen).

Bild: Sybille Florin

Regionalprogramme ermöglichen Einblicke

In Tottori, der bevölkerungsärmsten Präfektur Japans, erfuhren neun Führungskräfte aus dem Bereich Jugendhilfe, wie eine Gemeinde es schafft, junge Menschen (in Japan = Menschen bis 39 Jahre) zu binden.

Besuche wie der in der Gemeindeschule Kahoku Elementary School zeigten auf, wie soziale Angebote bereits für Schülerinnen und Schüler gezielt deren Teilhabe bei der Gemeindegestaltung fördern können (With You Tsubasa). Die Yonago Youth Support Station unterstützt arbeitslose Jugendliche bei der Arbeitsfindung vor Ort. Ikura no Sato ist ein weiteres Jugend-Projekt, das sich vor allem um die (sportliche) Aktivierung von Hikikomori (isolierten Personen) sowie um NEET (Personen not in employment, education or training) kümmert.

Neun Führungskräfte aus dem Bereich Behindertenhilfe befassten sich in OITA mit Modellprojekten zur Anhebung der Beschäftigungsrate von Menschen mit Behinderungen, sowie Projekten für Menschen mit Behinderung, die pflegebedürftig sind. Beispielsweise fand ein Einrichtungsbesuch in den Sun Industries (Taiyonoie) statt. „No Charity, but a Chance“ ist der Slogan der Einrichtung, welche bezüglich der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung erfolgreich mit Unternehmen wie Sony, Omron und Mitsubishi kooperiert. Gegründet wurde Taiyonoie von Dr. Yutaka Nakamura, der er als Begründer des Behindertensports in Japan gilt. Yatsuboshi-no Oka, eine Einrichtung die sie Delegation ebenfalls besuchte, bietet eine neu in der Präfektur eingeführte Hilfeleistung den „Cohesive Type Service“ an. Hier wird es Menschen mit Behinderung ermöglicht, bis ins hohe Alter zu leben und betreut zu werden.

Für den Seniorenbereich flogen die neun Fachkräfte nach Kumamoto, einer Präfektur mit einem besonders hohen Altenanteil (30%).

Modellhafte Initiativen bewiesen hier, dass ältere Menschen mit Unterstützungsbedarfen länger in ihrer gewohnten Umgebung leben, wenn Tageseinrichtungen, die gleichermaßen für Senioren, Kinder und Menschen mit Behinderungen vielfältige Angebote unter einem Dach anbieten– wie zum Beispiel das Koshi-Center –, den Alltag für alle, auch die Angehörigen, erleichtern. Freiwillige Nachbarschaftsinitiativen (Pokka-Pokka) ergänzen die gemeindlichen Angebote. Salons sind attraktive Begegnungsangebote, vermeiden Einsamkeit, informieren zum Beispiel über Demenz und dienen ähnlich wie unsere Mehrgenerationenhäuser einem lebendigen Austausch vor Ort – auch genrationsübergreifend.

Deutschland konnte hierbei sowie in dem lokalen Seminar vor Ort zusammen mit rund 80 japanischen jungen Führungskräften aus der Region seine Erfahrungen mit Mehrgenerationenhäusern, lokalen Allianzen, freiwilliger Arbeit und insbesondere deren Unterstützung durch NGOs –  im Seniorenbereich der Dachorganisation BAGSO – darstellen.

Schlussfolgerungen aus den Regionalprogrammen

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen vier Staaten waren sich einig, dass die Potentiale „der jungen Alten“ besser genutzt werden. Hierzu bedarf es einer verstärkten Hinwendung zu realistischen Altersbildern – auch mit Hilfe der Medien. Informationen über unsere deutsche Wanderausstellung „Whats‘s old anyway“ wurden mit großem Interesse aufgenommen.

Die Anzahl alter Menschen wird in all unseren vier Ländern künftig weiter zunehmen, während die Geburtenraten sinken. In Japan sind einige Herausforderungen schon jetzt noch bedrohlicher, da die Gesamtbevölkerung schrumpft – anders als beispielsweise in Deutschland, wo es mehr Migration gibt.

Schlussbemerkungen

Alle deutschen Teilnehmenden waren tief beeindruckt von Japans guten, menschenzentrierten Angeboten, die alten Menschen helfen, länger in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben und ihnen eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Wir stimmten auch darin überein, dass dies der beste menschenrechtsbasierte Ansatz ist – der Ansatz, den eine wahrhaft inklusive Gesellschaft braucht.

Wir stimmten ferner überein, dass die Einbeziehung junger Menschen an Orten und Einrichtungen, an denen sich alte und junge Menschen begegnen können (wie Deutschlands Mehrgenerationenhäuser) wichtig sei und empfahlen, z.B. Fotowettbewerbe unter Einbeziehung junger Menschen zu organisieren, die realistische Bilder vom Alter heutzutage zeigen.

Solche Bewusstseinsprozesse können auch helfen, das Image der Pflegepersonen zu verbessern. Medien sollte man einbeziehen. Die deutsche Wanderausstellung "Was heißt schon alt?" könnte gerne nach Japan gesandt werden, um eine weitergehende Diskussion anzustoßen.

Uns gefiel, dass das Bewusstsein für die Potenziale älterer Menschen in Kumamoto jedenfalls geschärft schien, das bewies uns das Motto der Kumamoto Präfektur: „Keine Angst vorm Altwerden, das Leben im Alter genießen, schwungvoll im Alter“.

Besonders das Regionalprogramm motivierte, die weiteren Entwicklungen in Bezug auf ältere Menschen in Japan künftig noch genauer zu verfolgen. Wir in Deutschland können sehr viel von Japan lernen, was unsere eigenen vorhersehbaren Bedarfslagen angeht, da auch bei uns bald 10 Millionen Baby-Boomer in den Ruhestand treten.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass das Programm bei aller Arbeitsintensität auch diesmal – wie in jedem Jahr –  noch ein besonderes Highlight parat hielt: Ein Wochenende in einer japanischen Gastfamilie. Ich hatte das Vergnügen, mit zwei Schwestern meines Alters und ihren Familien in einen engen Austausch zu treten. Es war ebenfalls ein Erlebnis, den Vulkan Asa und die schönen Berge von Kumamoto zu sehen.

Ich empfehle daher sehr, falls sich erneut eine solche Austauschgelegenheit mit Japan ergibt, diese zu ergreifen. IJAB wird auch in Zukunft mit der Begleitung des Programms betraut sein und durch seine vorbildlichen Einführungslehrgänge die deutschen Teilnehmenden auf dieses besondere Erlebnis einstimmen. Ich möchte daher mit einem herzlichen Dank an IJAB abschließen.

Der Tagungsbericht „Japan: auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft“ wurde bei IJAB erstveröffentlicht und steht dort auch als Langfassung zur Verfügung.

Weiterführende Informationen zum Fachaustausch und der jugendpolitischen Zusammenarbeit mit Japan finden sich ebenfalls dort: www.ijab.de/japan

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Barbara Wurster

Info-Pool