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Inklusion / Kinder- und Jugendarbeit

Einheit in Vielfalt – Internationales #InclusionBarCamp

Teilnehmende des Barcamp halten ein Schild mit der Aufschrift "Unity"
Bild: © Bettina Ausserhofer | IJAB

Der Weg: 30 junge Menschen aus Frankreich, Deutschland, Belgien, Albanien, Litauen, Lettland, Zypern, Spanien und Ungarn und 2 Tage mit kurzen Experteninputs und viel Zeit und Raum für Erfahrungsaustausch und Diskussion. Das Ergebnis: Spannende Ideen, wie internationale Jugendarbeit in Zukunft inklusiver werden kann.

Freitagabend war Ankommen angesagt - in der Jugendherberge Berlin-Ostkreuz, die ihre Gäste schon vorweihnachtlich mit Tannenbäumen und Kerzenlicht begrüßte, und natürlich auch in der bunten, jungen Gruppe, die hier aus vielen Ecken Europas zusammengekommen ist, um sich gemeinsam zum Thema Inklusion zu engagieren. Um das Ankommen und Einfinden in Raum und Gruppe (Wo ist hier eigentlich was? Was sind das für Leute?) zu erleichtern und ggf. vorhandene Ängste abzubauen (Hilfe - mein Englisch?!) startete das internationale Jugend BarCamp mit einer gutgelaunten Runde „Get-to-Know-Bingo“, gefolgt von einer Schnitzeljagd durch die Herberge. Am Ende wussten alle wo die Seminarräume Mainz, Berlin und Rheinland-Pfalz sind und wer z.B. schon an einer internationalen Jugendbegegnung teilgenommen hat. Aber die wichtigste Erkenntnis war wohl, dass in dieser Runde jede und jeder ohne Hemmungen seine Meinung mitteilen kann und ernst genommen wird. Alle werden genauso akzeptiert, wie sie sind.

Zum Start in die inhaltliche Arbeit wurde Samstagmorgen erst einmal eine gemeinsame Basis (Common Ground!) geschaffen und zwar indem - ganz einfach – die beiden wesentlichen Begriffe dieses Wochenendes INKLUSION + BARCAMP für alle nochmals gleichermaßen, egal ob Vorerfahrung oder nicht, erklärt wurden:

Was ist ein BarCamp?

Das BarCamp Format unterscheidet sich von klassischen Tagungen oder Konferenzen, denn die Teilnehmenden können selber ihre Erfahrungen und Ideen rund um das festgelegte Leitthema einbringen. Dabei wird nicht mehr zwischen Referierenden und Teilnehmenden unterschieden. Vielmehr können alle selber sogenannte Sessions anbieten mit denen sie die Themen setzen, die sie bearbeiten, diskutieren oder vorstellen wollen. Orientierung bei der Durchführung gaben in Berlin die BarCamp-Regeln, die den Teilnehmenden mit auf den Weg bei der Gestaltung ihrer Sessionvorschläge gegeben wurden:

  1. Sprecht über das BarCamp – via Blog, Twitter, Instagram....
  2. Es gibt keine Zuschauer/-innen, nur Teilnehmer/-innen – Zurücklehnen und Zuhören gibt es nicht, es geht um Diskussion und Austausch.
  3. Alle sind gleichberechtigt - jede/r kann Themen benennen und in die Diskussion einbringen. Jede Meinung ist gleichbedeutend.
  4. Mut zur Lücke - auch unausgereifte Ideen und Konzepte können eine Session wert sein.
  5. Geplant ungeplant - es gibt keine feste Agenda. Die Inhalte werden von den Teilnehmenden erstellt. Wenn dein Thema nicht dabei ist, schreib es auf.

Was bedeutet eigentlich Inklusion?

Elżbieta Kosek von der Kreisau-Initiative erklärte in ihrem interaktiven Input nicht nur, was Inklusion ist, sondern sorgte dafür, dass die jungen Leute sie gemeinsam erfahren und entdecken konnten. Dafür führte sie einen kurzen Theater-Workshop durch, der auf der Methode des Theaters der Unterdrückten des Brasilianers Augusto Boal basiert. Auch hier gilt: Keine/r schaut zu, alle machen mit.

Nach einer gemeinsamen Einführungsübung, überlegten die Jugendlichen in Kleingruppen, was Inklusion für sie bedeutet. Die Ergebnisse wurden anschließend szenisch dargestellt und mit einem aussagekräftigen Titel versehen. Das Publikum sammelte anschließend in Stichworten was sie in dem dargestellten Bild erkennen und hatten auch Gelegenheit sich selbst in das Bild zu integrieren. So trug ein Bild den Titel „Unity in Diversity“ und wurde von der Gruppe mit folgenden Worten beschrieben: Diversität, Liebe, Unterstützung, Verbindung, aufeinander vertrauen und aneinander glauben, Helfen, Akzeptanz, aber auch Ungleichheit, Exklusion, Ignoranz, Schüchtern sein und Traurigkeit. Bei einer anderen Gruppe fielen die Begriffe Freiheit, Kraft, Glück, Spaß, Loyalität, Frieden und das Gefühl, dass alle teilhaben können. Einigkeit, die hier im Kreis dargestellt wurde, sorge dafür, dass man sich stark fühle. Hier wies Elżbieta Kosek darauf hin, dass der dargestellte große Kreis zwar Geschlossenheit und Stärke symbolisiere, es aber für Außenstehende schwierig mache, der Gruppe beizutreten: Bei einem Kreis gäbe es schließlich keinen Eingang! Deshalb sei es wichtig, einen Kreis immer offen zu halten.

Um Inklusion nicht nur emotional zu erfassen, sondern auch das Konzept dahinter zu verstehen, ergänzte Elżbieta Kosek ihren Input mit einer Erklärung verschiedener Modelle, wie in unterschiedlichen Gesellschaften und Zeiten mit dem Thema umgegangen wurde: So nehmen bei der Exklusion Menschen mit Beeinträchtigung nicht am gesellschaftlichen Leben teil, sondern werden eher versteckt. Bei der Separation, die in den 60er Jahren an Bedeutung zunahm, heißt es zwar „Erziehung für alle“, aber bitte in unterschiedlichen Systemen (Sonderschulen), bei der Integration, präsent seit den 1970/80er Jahren, öffnet sich das Mainstream-System zwar Menschen mit Beeinträchtigungen und lädt zu Teilnahme ein. Allerdings ändert sich das System selbst hierbei nicht und Benachteiligte sind gefordert, sich selbst dem System anzupassen. Bei der Inklusion hingegen, ändert sich das System selbst: Die Diversität der Menschen bestimmt nun die Norm. Herangehens- und Denkweisen müssen sich hierfür nachhaltig ändern, denn die größten Barrieren bestehen in den Köpfen der Menschen. Inklusion geht davon aus, dass Menschen nicht behindert sind, sondern behindert werden.

Der Film Building Bridges: Thassos 2019 gedreht bei einer inklusiven Jugendbegegnung der Kreisau-Initiative in Griechenland, zeigte am Ende für alle eindrucksvoll den Mehrwert internationaler, inklusiver Arbeit.  

Start der freien Sessions

Das war es dann auch mit Input von außen – nun übernahmen die Jugendlichen selbst das Ruder und bestimmten die Themen der freien Sessions, die in Runden von jeweils 60 Minuten, bis in den Abend liefen:

  • Wir sind alle großartig! Selbstbewusstes Auftreten: Selbstvertrauen, Unterstützung, Empowerment.
  • Wie kann man formale Bildungs- und Karrieremöglichkeiten für alle gleich gestalten (unabhängig von Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion, körperlicher Verfassung etc.)? Stichworte: Inklusion und Gesellschaft/Inklusion und Arbeit
  • Wie sieht es mit Inklusion in den verschiedenen Ländern aus? Wie können wir gegen Ausgrenzung vorgehen? Wie organisiert man inklusive Projekte?
  • Leute aus anderen Kulturen kennenlernen! Wie funktioniert Netzwerken via Instagram und Facebook! Wie schaffen wir mehr Zugänglichkeit (weniger Barrieren)?
  • Ein Austauschjahr in den USA
  • Inklusion im Sport
  • Musik als Kommunikationswerkzeug / Einbeziehung von Menschen mit geistigen Behinderungen ins Musizieren / kreativer Selbstausdruck durch Kunst
  • Vielfalt ist Reichtum - Inklusion von Menschen mit unsichtbaren Behinderungen/Beeinträchtigungen
  • Prävention von Mobbing

Spannend waren zum einen die Entwicklung und Dynamik der Themen innerhalb der Gruppen. Zum anderen die Offenheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, insbesondere ihre Bereitschaft andere an ihren teils sehr persönlichen und nicht immer positiven Erfahrungen teilhaben zu lassen.

So stellte sich Florian, gehörlos, in einer Gruppe ganz offen den Fragen der anderen. Nach einer kurzen Pause hagelte es Fragen wie: Warum kannst du nicht hören? Gibt es unterschiedliche Gebärdensprachen? Wie ist es, wenn Gehörlose Kinder haben – hören sie überhaupt das Schreien des Babys? Wie viel Inhalt kann ein Lippenleser bei einem Satz eigentlich ablesen? Wie kann man taub an einer Uni studieren? Gibt es Gesetze, die bestimmte Berufe für Gehörlose verbieten? Und natürlich: Wie sagt man „Ich liebe dich!“ in Gebärdensprache?

Thanks for this bar camp! It is a truly useful way to organize such an inclusive event - without pressure, because there are no teachers. We all are on eye-level, sharing experiences.
Anna, Ukraine

Durch die VR-Brille gesehen….

Der Sonntag startete mit Michel und Hannes Roever, die ihren VIP (Visually Impaired Person) Simulator (https://www.startnext.com/vipsim) mitgebracht hatten, mit dem unterschiedliche Sehbeeinträchtigungen virtuell simuliert werden können. Ihre Hoffnung ist, dass mit Hilfe dieser lebensnahen Erfahrung Sehbeeinträchtigungen, Barrieren und auch das Verhalten der Betroffenen besser verstanden und nachvollzogen werden können. Die meisten Teilnehmenden des BarCamps setzten sich dann auch die Virtual Reality Brille auf und ließen sich auf dieses ungewöhnliche Erlebnis ein.

Expertinnen und Experten in eigener Sache

In Arbeitsgruppen waren die Jugendlichen dann nochmals gefordert, ihre persönlichen Vorerfahrungen mit den neuen Inputs, Erfahrungen und Erkenntnisse aus 1,5 Tagen #InclusionBarCamp zusammenzubringen und zu erarbeiten, was ihrer Meinung nach wichtig für die Planung, Durchführung und Nachbereitung internationaler inklusiver Jugendbegegnungen ist. Diese Ideen sind ein wichtiger Beitrag für die Weiterentwicklung der Inklusionsstrategie für die internationale Jugendarbeit, dem Projektziel von VISION:INCLUSiON.

Beispielsweise wurde die Bereitstellung von Assistenzen und Übersetzung für alle, die es benötigen, als wichtiges Element genannt und darauf hingewiesen, dass genau geklärt werden sollte, was unter Inklusion verstanden wird und welche Konsequenzen das für die Begegnung und für die Gesellschaft hat. Das Organisationsteam sollte außerdem auch aus jungen Menschen bestehen.

To destroy all barriers, that limit people and separate them from each other.
Akela, Rumänien

Die Bedeutung von Social Media wurde betont sowie die Schaffung eines Raumes, in dem junge Menschen Kraft und Inspiration finden können und in dem auch andere Denkweisen und offene Diskussionen ihren Platz haben.

Auch nach der Rückkehr aus dem Projekt sollte weiter ein Bewusstsein für das Thema Inklusion geschaffen werden, in dem man im Bekanntenkreis oder im Heimatort von den eigenen Erfahrungen berichtet oder Workshops zum Thema organisiert. Das eigene Netzwerk sollte ausgeweitet und neue Partner gefunden werden, indem man z.B. den Dialog miteinander und zu politischen Entscheidern sucht.

I have to say what I need, in order for politicians to understand and act.
Ekatarina, Ungarn

Und nun?

Im Anschluss bedankten sich die Projektverantwortlichen bei den Jugendlichen für ihre intensive Mitarbeit. Die Anregungen und Ideen aus den drei Tagen #InclusionBarCamp werden nun in die Entwicklung von Konzepten und Instrumenten für die praktische Umsetzung der Inklusionsstrategie einfließen. Alle sind herzlich eingeladen, über die Facebook-Gruppe und die Webseite „VISION:INCLUSiON“ weiter in Kontakt zu bleiben. Vielleicht sieht man sich ja bei der großen Abschlusskonferenz im Jahr 2021 wieder.

Thanks for sharing your experiences – we’ll take them with us!
Ulrike Werner, Vision:Inclusion

Über VISION:INCLUSION

Wie können Angebote internationaler Jugendarbeit so gestaltet werden, dass Jugendliche mit Behinderungen/Beeinträchtigungen ganz selbstverständlich daran teilhaben können? Und welche Rahmenbedingungen sind dafür notwendig? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt von VISION:INCLUSiON. Gemeinsam mit Vertreter/-innen der Internationalen Jugendarbeit, von Selbstvertretungsorganisationen, Behindertenhilfe, Wissenschaft und Verwaltung wurde zwischen 2015 und 2017 eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit erarbeitet, die nun in einem internationalen Rahmen weiterentwickelt wird.

Weitere Informationen: www.vision-inklusion.de/de

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Cathrin Piesche 

Der Artikel „Einheit in Vielfalt“ wurde von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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