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Gesundheit / Jugendforschung

Wie entsteht starkes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen?

Ein Kinderarzt untersucht ein Kleinkind mit dem Stethoskop
Bild: © Oksana Kuzmina - Fotolia

Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist kein kosmetisches Problem, sondern eine schwerwiegende Gesundheitsstörung. „Je höher das Übergewicht, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich Folgeerkrankungen einstellen“, erklärt Prof. Dr. Wieland Kiess. Der Wissenschaftler der Universität Leipzig, Leiter von „LIFE Child“ und Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin untersucht seit vielen Jahren, wie Adipositas entsteht und entwickelt Behandlungsstrategien für die Betroffenen und ihre Familien.

Zu den Folgen von Adipositas gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie auch Stoffwechselstörungen und orthopädische Probleme. Zudem zeigen stark übergewichtige Kinder ein erhöhtes Suchtverhalten und leiden häufiger unter Depressionen und Essstörungen. Wenn Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter entstehen, so ist die Ursache meistens eine Kombination von angeborenen und äußeren Faktoren, wie Fehlernährung und mangelnde Bewegung. Verstärkt wird der Trend hin zu hochkalorischen Lebensmitteln und Bewegungsmangel, aber auch durch politische Entscheidungen.

„Stundenlanges Sitzen in der Schule und gestrichener Sportunterricht haben Anteil daran, dass sich Kinder immer weniger bewegen“, so Prof. Dr. Wieland Kiess. „Aus Innenstädten verschwinden Spielplätze, wo sich Kinder austoben können. Da muss man sich nicht wundern, wenn Kinder übergewichtig werden.“ Vor allem Veränderungen in den Wohn- und Lebensverhältnissen sollen dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche gesund aufwachsen.

Bei vielen Zivilisationskrankheiten, die heute ein Problem in unserer Gesellschaft darstellen, liegen die Wurzeln in der Kindheit, sagt Prof. Kiess. „Durch unsere langjährige Erfahrung im Bereich der pädiatrisch-klinischen Forschung und der Expertise der schon etablierten Kinderkohorte der LIFE-Child-Studie haben wir in Leipzig einen umfangreichen wissenschaftlichen Fundus erworben.“ Dieser Fundus ist ein einzigartiger Schatz, der für die Forschung der Kindergesundheit und damit für die Zukunft unserer Gesellschaft gehoben werden kann“, so der Wissenschaftler.

LIFE Child am Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen

Adipositas ist weiter auf dem Vormarsch. Das Forschungsprojekt „LIFE Child“ möchte deshalb herausfinden, wie Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. „Wir haben uns den sozioökonomischen Status, also die Einkommen in den Leipziger Stadtteilen angesehen und ihn mit der Rate übergewichtiger Kinder in den Stadtteilen abgeglichen“, erklärt Prof. Dr. Wieland Kiess, der bei „LIFE Child“ als wissenschaftlicher Leiter fungiert. Beim Abgleich fanden die Wissenschaftler heraus, dass in den ärmsten Leipziger Stadtteilen zugleich die meisten übergewichtigen Kinder leben. „Das bedeutet, dass Einkommen und Bildung der Familien und das kindliche Gewicht in Zusammenhang stehen“, so Prof. Kiess.

„Grünau bewegt sich“ - ein Projekt zur stadtteilbezogenen Gesundheitsförderung

Leipzig-Grünau ist laut Statistik einer dieser ärmeren Stadtteile. Deshalb wird hier seit Jahren mit dem Projekt „Grünau bewegt sich“ aktive Adipositasprävention für Kinder betrieben. Das Projekt entwickelt seit 2015 gemeinsam mit dem Gesundheitsamt der Stadt Leipzig, der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Leipzig, der HTWK Leipzig und der AOK PLUS als praxisbezogenes Forschungsprojekt gesundheitsfördernde Maßnahmen. Die Laufzeit beträgt fünf Jahre. Ziele des Projekts: Die Lebenswelten von Kindern in Grünau so zu gestalten, dass sie gesundheitsförderliches Verhalten begünstigen, sowie Strukturen zu identifizieren, die Kindergesundheit gefährden und diese zu korrigieren. Hierfür entwickelt das Projekt Interventionen, die in den Lebenswelten der Kinder verortet sind. Dieses Vorgehen erfordert eine umfangreiche Analyse aller Faktoren, die Kindergesundheit im Stadtteil beeinflussen können.

„Grünau bewegt sich“ moderiert und begleitet auch das „Gesundheitsnetzwerk Grünau“. Mitglieder des Netzwerks sind sowohl Anbieter gesundheitsfördernder Leistungen wie Sportvereine, kommunale Vertreter wie das Gesundheitsamt als auch potenzielle Empfänger oder Mittler gesundheitsfördernder Maßnahmen, etwa Kitas und Horte. Das Netzwerk hat sich zur Aufgabe gemacht, Ressourcen, Potenziale und Bedarfe für Kindergesundheit im Stadtteil zu identifizieren und gemeinsame Maßnahmen zur Gesundheitsförderung für Kinder auf den Weg zu bringen. Aus der gemeinsamen Netzwerkarbeit konnte bereits eine Vielzahl von Interventionsmaßnahmen abgeleitet werden, die an bestehende Strukturen des Quartiers anknüpfen und langfristig fortgeführt werden können. Zur Überprüfung der Wirksamkeit werden gesundheitliche Untersuchungsbefunde der Schuleingangsuntersuchungen der Grünauer Kinder herangezogen.

Adipositas-Forschung in Leipzig

Die Adipositas-Forschung ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt der Universität Leipzig. Auch der Wissenschaftsrat attestierte dem Standort herausragende Kompetenzen in diesem Bereich. Im Februar 2018 hat die Universität Leipzig einen Vollantrag für das Exzellenzcluster „Adipositas verstehen“ in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder eingereicht. Das Projekt verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der die Medizin mit den Sozial- und Geisteswissenschaften verbindet. Denn Ursachen und Folgen von Adipositas sind kein rein medizinisches Thema, sondern eingebettet in unsere Kultur und Gesellschaft. Wirksame Präventions- und Therapiestrategien müssen daher in diesem Kontext entwickelt und gedacht werden.

In diesem Zusammenhang hat Prof. Dr. Wieland Kiess am 8. Mai im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli im Rahmen einer Vortragsreihe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über die aktuelle Forschung berichtet.

Die DFG-Veranstaltungsreihe findet dreimal im Jahr in Leipzig statt und stellt aktuelle Ergebnisse DFG-geförderter Forschung aus ganz Deutschland vor. Interessierte Bürger können sich so über aktuelle Themen und Erkenntnisse aus allen Wissenschaftsbereichen informieren und haben die Gelegenheit, mit hochkarätigen Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen.

Quelle: Universität Leipzig vom 04.05.2018

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