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Gesundheit

Kinderlebensmittel: Verbraucherschützer kritisieren "Ködertaktik" der Lebensmittelindustrie

Ein Baby bekommt Brei gefüttert
Bild: © Vojtech Vlk - Fotolia.com

Im Zusammenhang mit sogenannten Kleinkinder- und Kinderlebensmitteln wirft der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) der Lebensmittelindustrie vor, Eltern und Kinder zu verunsichern und falschen Ernährungsgewohnheiten Vorschub zu leisten. Bedenklich sei vor allem die Zunahme von diätischen Lebensmitteln für Kleinkinder.

„Eltern und Kinder werden von Anfang an entmündigt und auf Fertigprodukte geeicht“, kritisiert vzbv-Vorstand Gerd Billen. Ältere Kinder würden mit schriller Aufmachung und Geschenken geködert. „Kinderlebensmittel sind eine Konsumfalle“, meint Billen. Selbstverpflichtungen für ein verantwortungsvolles Marketing liefen bislang weitgehend ins Leere. Kinderlebensmittel stehen am 26. Januar 2012 im Fokus des verbraucherpolitischen Forums des vzbv zur Internationalen Grünen Woche.

Im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung fordert der vzbv eine Herausnahme von Kleinkinderlebensmitteln aus der Verordnung für diätische Lebensmittel. „Kleinkinder brauchen keine Extrawurst. Alle Lebensmittel müssen auch für Kleinkinder unschädlich sein“, sagt Billen. Zudem fordert der vzbv einen Stopp von verkaufsfördernden Maßnahmen, die die geschäftliche Unerfahrenheit von Kindern ausnutzen. Billen: „Spielzeug ist Spielzeug. Lebensmittel ist Lebensmittel.“

Kleinkinder gehören mit an den Familientisch

Wie der vzbv mitteilt, empfehlen Ernährungswissenschaftler, etwa vom Forschungsinstitut für Kinderernährung, dass gesunde Kinder ab einem Jahr in die normale Familienkost eingebunden werden. Eine besondere Kost sei nicht erforderlich. „Allen Marketingaussagen zum Trotz sind spezielle Lebensmittel für Kleinkinder überflüssig und teuer“, sagt Billen. Dies gelte für „Kindermilch“ ebenso wie für Pudding oder besondere Frühstücksflakes. „Kinder sollen Obstgeschmack nicht durch Aromen, sondern durch echtes Obst kennenlernen“, meint Billen. Als Konsequenz sei die EU-Kommission am Zuge, Kleinkinderlebensmittel aus dem Geltungsbereich des Diätrechts herauszunehmen.

"Nebensache" Lebensmittel
Auch Riegel, Cornflakes oder Getränke, die nicht direkt mit einer Altersangabe beworben werden, aber in ihrer Aufmachung besonders Kinder ansprechen, seien vielfach nicht empfehlenswert. „Mit der extra Portion Zucker und Fett“, wäre oftmals die treffliche Werbeaussage. Stattdessen werben Hersteller mit Aussagen wie „mit vielen Vitaminen“ oder „mit dem Besten aus der Milch“. Das Marketing scheint zu fruchten: Laut einer vom vzbv in Auftrag gegebenen, repräsentativen Umfrage gehen 40 Prozent der Verbraucher irrtümlich davon aus, dass Kinderprodukte im Zucker-, Fett- und Salzgehalt an die Bedürfnisse von Kindern angepasst sind. Eine Nährwertampel hätte auf einen Blick Gegenteiliges verdeutlicht. Da die Politik jedoch auf Druck der Lebensmittelwirtschaft auf deren Einführung verzichtet habe, müssten sich die Verbraucher mit den vorhandenen Angaben behelfen. Wer genau hinschaue bemerke, dass bei der üblichen GDA-Kennzeichnung auch bei Kinderlebensmitteln der tägliche Kalorienbedarf einer erwachsenden Frau zugrunde gelegt werde. Was dies für Kinder bedeute, könne nur geschätzt werden.

vzbv zweifelt Wirksamkeit der Selbstverpflichtung der Lebensmittelwirtschaft an
Seit 2009 gelte die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, wonach Kinder durch Werbeaktivitäten nicht in unangemessener Weise angelockt werden sollen. Doch der tägliche Blick in die Supermarktregale zeige, so der vzbv, dass die Selbstverpflichtungserklärung ins Leere laufe: Comic-Helden auf der Packung, Sammelaufkleber, Spielzeugzugaben, Gutscheine und spezielle Internetseiten für Kinder – die Lebensmittelindustrie spiele mit den Wünschen und Träumen der Kinder. Billen fordert die Wirtschaft auf, auf Zugaben wie Aufkleber und Figuren zu verzichten: „Die Branche muss sich von der Ködertaktik verabschieden und ihren Versprechungen nachkommen.“ Statt ständig auf die Verantwortung der Eltern und Lehrer zu verweisen, müsse die Industrie ihre Marketingstrategien anpassen.

Verbraucherschützer sehen Politik in der Pflicht
„Wenn die Wirtschaft es nicht schafft, muss die Bundesregierung für einen Verzicht der Werbung an Kinder sorgen. Wir brauchen einen klaren Rahmen, ein anständiges Monitoring und wirkungsvolle Sanktionen bei Fehlverhalten“, sagt Billen. Neue Ansätze im Umgang mit Kinderlebensmitteln verspreche auch die am 19.01.2012 vom Bundesverbraucherministerium vorgelegte Charta für Landwirtschaft und Verbraucher. Sie sehe unter anderem ein Forschungsvorhaben und eine Strategie im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung vor. „Darauf aufbauend benötigen wir jetzt einen strategischen Kompass, bis wann welche Maßnahmen mit welcher Priorität verbindlich umgesetzt werden“, meint Billen.

Jeder fünfte Euro fließt in die Werbung für Süßigkeiten
Im Jahr 2010 wurden laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen insgesamt 3,24 Milliarden Euro für Lebensmittelwerbung ausgegeben. Jeder fünfte Euro davon geht in die Werbung für Süßigkeiten. Auch gemessen am Umsatz seien die Werbeausgaben für Süßwaren wesentlich höher als für andere Lebensmittel. Interessant sei auch die steigende Tendenz der letzten Jahre. Verschiedene Studien belegten einen Zusammenhang zwischen Werbung und Ernährungspräferenzen.

Verbraucherpolitisches Forum live im Internet

Die vzbv-Veranstaltung "Konsumfalle Kinderlebensmittel" auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin am 26. Januar 2012 wird ab 14 Uhr per Livestream im Internet übertragen.

vzbv-Dossier "Kinderlebensmittel – bunt, bunter, zu bunt?"

Quelle: Verbraucherzentrale Bundesverband