Ganztagsbildung / Familienpolitik

Saarland: Ganztag verbessert die Chancengerechtigkeit

Zwei Grundschulkinder sitzen an Tischen und bedienen einen Laptop
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Im Schuljahr 2018/19 wird erstmals jede/r dritte saarländische Schüler bzw. Schülerin ein Ganztagsangebot an einer allgemeinbildenden Schule wahrnehmen. Die Teilnahmequote an ganztägigen Angeboten steigt somit erstmals auf über 35 Prozent. Bildungsminister Ulrich Commerçon betont anlässlich des startenden Schuljahres, dass alle Kinder eine Chance zum Aufstieg haben müssen – unabhängig von ihrer Herkunft, unabhängig von ihren Voraussetzungen. Echter (gebundener) Ganztagsunterricht biete hierfür die besten Möglichkeiten, durch individuelles, fachliches und soziales Lernen.

I. Anmeldezahlen

Am kommenden Montag, dem 6. August, beginnt im Saarland das Schuljahr 2018/19 mit erneut mehr Schülerinnen und Schülern (SuS) in den allgemeinbildenden Schulen. Die starken Geburtenjahrgänge der letzten Jahre, die verstärkte Zuwanderung von Familien mit jüngeren Kindern und die längere Verweildauer hin zu einem höheren Bildungsabschluss bescheren saarländischen Schulen mehr Schülerinnen und Schüler als ursprünglich prognostiziert.
So werden zum Schuljahr 2018/19 voraussichtlich rund 90.350 Schülerinnen und Schüler (Vorjahr: 89.669 SuS) an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Dies ist gegenüber dem Beginn des letzten Schuljahres eine Steigerung um 0,76 Prozent, siehe hierzu Zahlen, Daten, Fakten.

Rund 300 Grundschulkinder mehr als im Vorjahr

Die Zahl der Grundschülerinnen und -schüler steigt um rund 300 im Vergleich zum Vorjahr (Schuljahr 2018/19: 31.800; Vorjahr: 31.509, +0,92 Prozent). Ins 1. Grundschuljahr werden nach bisherigen Angaben 7.950 Kinder eingeschult (Vorjahr: 7.954 -0,05).

Für die Eingangsklassen (5. Klasse) an Gemeinschaftsschulen sind derzeit saarlandweit 4.500 Schülerinnen und Schüler angemeldet (Schuljahr 2017/18: 4.438, +1,40 Prozent). Insgesamt werden im neuen Schuljahr 29.500 Schülerinnen und Schüler an eine Gemeinschaftsschule gehen, (Vorjahr: 29.110, +1,34 Prozent).

Rund 3.350 Schülerinnen und Schüler werden, so der aktuelle Stand, in den Gymnasien neu aufgenommen (2017/2018: 3.358, -0,24 Prozent). Insgesamt werden im neuen Schuljahr 24.600 (Vorjahr: 24.630,-0,12 Prozent) Schülerinnen und Schüler ein Gymnasium besuchen.

Bildungsminister Ulrich Commerçon: „Der ursprünglich vereinbarte Abbau von Lehrerstellen bleibt bei den steigenden Schülerzahlen auch weiterhin ausgesetzt. Mich interessiert an der Stelle kein Spardiktat: Bildung kostet, Kinder müssen uns teuer sein. Wir haben deshalb in den letzten Jahren, statt Stellen abzubauen, rund 300 Lehrkräfte zusätzlich eingestellt und gerade im Grundschulbereich haben wir zuletzt erneut aufgestockt. Das reicht nicht. Wir brauchen eine bessere personelle Ausstattung. Deshalb verhandle ich in den nächsten Monaten mit dem Finanzminister weiter über den Stellenplan. Das ist bereits vereinbart.“

II. Erfolgsmodell: Ganztagsschulen

Im Schuljahr 2018/19 wird nun erstmals jede/r dritte saarländische Schüler bzw. Schülerin ein Ganztagsangebot an einer allgemeinbildenden Schule wahrnehmen. Die Teilnahmequote an ganztägigen Angeboten steigt erstmals auf über 35 Prozent.

Gebundener Ganztag besonders nachgefragt: im Schuljahr 2018/19 werden mehr als 7.000 Kinder und Jugendliche eine echte Ganztagsschule (öffentliche) besuchen; Steigerung um 12 Prozent

Alle Kinder müssen eine Chance zum Aufstieg haben – unabhängig von ihrer Herkunft, unabhängig von ihren Voraussetzungen. Echter (gebundener) Ganztagsunterricht bietet die besten Möglichkeiten dafür, weil hier die individuelle Förderung im Mittelpunkt steht. Denn echte Ganztagsschulen bieten gegenüber den Halbtagsschulen oder den freiwilligen Ganztagsschulen mit einer Betreuung am Nachmittag viel größere Möglichkeiten für individuelles, fachliches und soziales Lernen.

Mehr als 7.000 Kinder und Jugendliche besuchen im Schuljahr 2018/19 echte Ganztagsschule

Besonders an den echten Ganztagsschulen ist die Nachfrage nach Plätzen weiter erneut deutlich gestiegen. So werden im Schuljahr 2018/19 mehr als 7.000 Kinder und Jugendliche eine echte Ganztagsschule besuchen; das entspricht einer Steigerung um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zum neuen Schuljahr haben sich insgesamt 1.015 Fünftklässler/-innen im Bereich der Gemeinschaftsschulen für echte Ganztagsschulen entschieden: Damit wählte mehr als ein Viertel (27 Prozent) ein echtes Ganztagsangebot aus (Vorjahr: 836 Schüler/-innen).

„Die riesige Nachfrage nach unserem echten – dem gebundenen – Ganztagsangebot zeigt, dass wir damit die richtige Antwort auf die vielen Anforderungen unserer Zeit gefunden haben. In Ganztagsschulen haben Lehrkräfte mehr Zeit, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, ihre Stärken zu festigen und Schwächen zu verringern. Echter Ganztag bringt echte Förderung, garantiert echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, verbessert die Chancengerechtigkeit für alle Kinder und hilft uns mit bester Bildung Saarlands Zukunft zu gestalten“, so Commerçon.
Im Saarland gibt es mittlerweile 31 echte Ganztagsschulen (12 Gemeinschaftsschulen, 10 Grundschulen) und 9 Schulen mit Ganztagsklassen (1 Grundschule, 5 Gemeinschaftsschulen, 3 Gymnasien). Das heißt: Mittlerweile bietet jede zehnte Schule ein echtes Ganztagsangebot an.

Commerçon: „Trotz der gewaltigen Fortschritte müssen wir auch hier weiter das Angebot saarlandweit ausbauen. Denn von einer flächendeckenden Versorgung gerade im ländlichen Bereich, von einer echten Wahlfreiheit sind wir noch ein gutes Stück entfernt.“

Im Schuljahr 2018/19 werden rund 19.800 Kinder und Jugendliche einen Betreuungsplatz an einer freiwilligen Ganztagsschule in Anspruch nehmen, das entspricht einer Steigerung um ca. 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr,

III. Gleichwertigkeit von Gemeinschaftsschule und Gymnasium

Im beginnenden Schuljahr starten die Gemeinschaftsschulen mit dem Unterricht in der Einführungsphase der Gymnasialen Oberstufe (GOS), d.h. die 11. Klassen können nun an ihrer Schule bleiben. Die hohe Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsgängen und die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler gleichen unterschiedliche Bildungshintergründe aus und erhöhen die Chancengerechtigkeit.

Ausbau der Funktionsstellen und Angleichung der Arbeitszeit

2014 wurden an den Gemeinschaftsschulen die Besetzung jeder Schule, unabhängig von ihrer Größe, mit in der Regel mindestens drei Schulleitungsmitgliedern und die Einführung von Koordinator/-innenstellen (für besondere Aufgaben) eingeführt. „Mit dem Oberstufenkonzept verbessern wir für unsere Kinder und Jugendlichen die Bildungschancen. Um echte Gleichwertigkeit zwischen Gemeinschaftsschule und Gymnasium herzustellen, müssen wir noch viele weitere Schritte gehen. So müssen wir die Funktionsstellenstruktur anpassen. Zu einer echten Gleichwertigkeit gehört nämlich auch, dass uns beide Schulformen gleich wert sind und wir die Menschen, die Verantwortung an ihren Schulen übernehmen, die Qualitätsstandards setzen und Schulprofile entwickeln, gleich bezahlen. Ich will, dass diese sich nicht gegen eine Gemeinschaftsschule entscheiden, weil sie an einem Gymnasium besser bezahlt werden. Wir arbeiten deshalb gerade daran, die Funktionsstellen und deren Besoldung an den Gemeinschaftsschulen an die der Gymnasien weiter anzunähern“, so Minister Commerçon.

IV. Entlastungen für Schulen: Ausbau multiprofessioneller Teams, Projekt „Schulen stark machen“

Schulen stehen vor großen Herausforderungen und Aufgaben. Noch nie war die Schülerschaft und deren Elternhäuser so heterogen (mehr verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler, mehr Kinder aus finanzschwachen Haushalten, viele mit Migrations- und Zuwanderungshintergrund) wie heute.

Commerçon: „Wir erleben eine große Spannbreite bei Erziehungsberechtigten: von Überversorgung bis Vernachlässigung ihrer Kinder ist heute alles dabei. Schulen werden oftmals als kostenfreier Dienstleistungsbetrieb angesehen. Da werden Ansprüche formuliert, ein Rundumservice erwartet, aber eine Zusammenarbeit zum gemeinsamen Gelingen des Bildungsauftrags wird rigoros abgelehnt. Wen wundert’s da noch, dass viele Lehrkräfte heute immer mehr Erziehungsarbeit leisten müssen?“

2 Millionen Euro bis 2020 für den Ausbau multiprofessioneller Teams

Um Lehrkräfte besser unterstützen zu können, werden ab 2020 zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die sukzessive um 100.000 Euro pro Jahr aufwachsen, um die multiprofessionellen Teams in Schulen weiter zu stärken.
„Ein erster Schritt muss auch sein, der Schulsozialarbeit durch klare Aufgaben und Zuständigkeiten im System einen festen Platz zuzuweisen. Innerhalb der Landesregierung, aber auch auf unterschiedlichen politischen Ebenen gibt es eine Vielzahl von Zuständigkeiten, die für Struktur- und Qualitätsverbesserungen in dem Bereich hinderlich sind. Das ist nicht mehr hinnehmbar und muss in einer Hand gebündelt werden“, so der Bildungsminister.

Vor diesem Hintergrund wurden in den letzten Jahren neben dem Ausbau ganztägiger Bildungsangebote sowie der Anstrengung zur Sicherung aller vorhandenen und notwendigen Stellen zusätzliche Entlastungsmaßnahmen auf den Weg gebracht.

Einige Beispiele:

  • 300 Lehrkräfte zusätzlich eingestellt
  • Kein Lehrkräftemangel: anders als in anderen Bundesländern wurden im Saarland alle Stellen besetzt
  • Verkleinerung der Klassen an Grundschulen, Absenkung der Lehrerwochenstunden (LWS) von 28, 5 auf 28 LWS
  • Bundesweiter Topwert bei Schüler-Lehrer-Relation, siehe hierzu „Zahlen, Daten, Fakten“, Seite 8
  • Zusätzliche Stunden bei besonderen Belastungen, z.B. für Doppelbesetzungen, Fördermaßnahmen
  • Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen, z. B. 257 Sprachförderlehrkräfte im letzten Schuljahr, zusätzliche Sprachförderstunden
  • Zusätzliche Mittel für Fortbildung und Beratung von Schulleitungen zur Steuerung von Schulentwicklungsprozessen: „Werkstatt Schule leiten“ mit der Deutschen Schulakademie (DSA)
  • Zusätzliche Mittel für Fortbildung und Beratung von Lehrkräften für Unterrichtsentwicklung: „Werkstatt Individualisierung“ mit der DSA, ProfIL (Programm für individuelle Lernbegleitung)

Projekt „Schulen stark machen“

„Angesichts der schwierigen Ausgangsbedingungen an einigen Standorten – vor allem in den Ballungsgebieten – reicht es aber nicht mehr, zusätzliche Lehrerwochenstunden ins System zu geben, Klassen zu verkleinern oder Mittel zu gewähren. Schulen müssen sich auch qualitativ weiterentwickeln, um auf die Herausforderungen der heutigen Zeit Antworten zu finden. Für diesen Prozess haben wir das Projekt ,Schulen stark machen‘ gestartet“, so Ulrich Commerçon.

Kern des Projekts, das in Kooperation mit der Deutschen Schulakademie entwickelt wurde, ist die Beratung und Begleitung durch bundesweit tätige Expertinnen und Experten, die für ihre Arbeit den Deutschen Schulpreis erhielten. Diese aus der Praxis stammenden Coaches beraten jetzt saarländische Schulen, begleiten sie im Schulentwicklungsprozess und zeigen Lösungsansätze anhand von Best-Practice-Beispielen auf. Derzeit wird der Aufbau eines Berater- und Instrumentenpools forciert. Am Ende sollen von den Erfahrungen der ausgewählten Projektschulen alle saarländischen Schulen profitieren.

Auf den Weg gemacht haben sich bereits sechs Grundschulen (GS Kirchberg SB, GS Wallenbaum SB, GS Weyersberg SB, GS Bergstraße VK, GS Bachschule NK, GS St. Michael Lebach) und sechs Gemeinschaftsschulen (GemS Ludwigspark SB, GemS Bruchwiese SB, GemS Hermann Neuberger VK, GemS Kleinblittersdorf, GemS Theeltalschule Lebach, GemS Neunkirchen Stadtmitte), ab diesem Schuljahr werden auch sechs berufliche Schulen  teilnehmen.

„Diese Schulen sind sodann Vorbilder, die von ihren Erkenntnissen in Sachen Teamstrukturen, Schulkultur und -management, Organisation des Schulalltags anderen Schulen berichten und so helfen können“, verdeutlicht der Minister.

Insgesamt stehen für „Schulen stark machen“ im ersten Jahr 446.000 Euro zur Verfügung. Diese Mittel werden zusätzlich um 100.000 Euro pro Jahr aufgestockt. Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts sowie die Finanzierung der Prozessbegleiter/-innen und die Übertragungsmodelle auf alle saarländischen Schulen werden gesondert finanziert. Dafür stehen bis zu 300.000 Euro zur Verfügung.

V. Herkunftssprachlicher Unterricht

Ab diesem Schuljahr wird der Herkunftssprachliche Unterricht unter Aufsicht des Bildungsministeriums erteilt. Der bisher stattfindende Konsulatsunterricht wird damit durch ein staatliches Angebot, bei dem das Ministerium für Bildung und Kultur den Unterricht personalisiert und die Lerninhalte vorgibt, ersetzt.

Commerçon: „Wichtiger Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit“

„Das ist für mich ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Bildungsgerechtigkeit: Denn unsere Aufgabe ist es, die Stärken jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen anzuerkennen, wertzuschätzen und zu fördern. Dazu gehören natürlich auch Herkunftssprachen, denen wir nun mehr Platz in Schulen einräumen. Zukünftig werden wir den Herkunftssprachlichen Unterricht dort ansiedeln, wo er hingehört: unter staatliche Aufsicht“, sagt Bildungsminister Ulrich Commerçon.

Der Herkunftssprachliche Unterricht ist ein freiwilliges Angebot und findet am Nachmittag statt. Er steht allen Schülerinnen und Schülern offen. Für die Sprachen Italienisch, Russisch, Arabisch und Türkisch wird es zunächst Schwerpunktstandorte geben. Der Unterricht wird dort von der Primarstufe bis zum Ende der Sekundarstufe I an allgemeinbildenden Schulen, schulform- bzw. jahrgangsübergreifend und in einem Umfang von zwei Wochenstunden erteilt. Langfristiges Ziel ist, dass die im Herkunftssprachlichen Unterricht erbrachten Leistungen eine Pflichtfremdsprache ersetzen können. Bisher ist dies lediglich über das Verfahren der sogenannten Feststellungsprüfungen möglich. Da Mehrsprachigkeit im Saarland zukünftig noch stärker gefördert werden soll, ist zudem geplant, Herkunftssprachen perspektivisch an einzelnen Schwerpunktstandorten als 3. Fremdsprache einzurichten.

In den letzten Monaten wurde geprüft, welche Lehrerinnen und Lehrer bereits über entsprechende Sprachausbildungen verfügen. Um jetzt den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln, wird zu Schulbeginn das Interesse von Schüler/-innen an Herkunftssprachlichem Unterricht konkret abgefragt. Der Sprachunterricht startet dann Anfang September.

Quelle: Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes vom 01.08.2018

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