Vergleich EU-Länder

Was muss sich ändern, damit mehr junge Neuzugewanderte eine Ausbildung beginnen?

Eine junge Frau afrikanischer Herkunft sitzt mit einem Mann im Gespräch und lächelt
Bild: © Daniel Ernst - fotolia.com

Viele junge Neuzugewanderte irren in den Zielländern durch ein Labyrinth von Angeboten, Anforderungen und Nachweisen, bevor sie eine Ausbildung aufnehmen – oder aufgeben. Das dient weder den Aufnahmegesellschaften noch den Neuzugewanderten. Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat untersucht, welche Strukturen und Praktiken jungen Neuzugewanderten in Deutschland, Österreich, Slowenien und Spanien den Zugang zu beruflicher Bildung erschweren und welche ihn erleichtern. Die Studie empfiehlt: Neuzugewanderte kontinuierlich betreuen, Vorbereitungs- und Ausbildungsstrukturen flexibilisieren, lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Behörden, Schulen und Beratungseinrichtungen stärken.

Seit 2014 sind mehr als fünf Millionen Jugendliche und junge Erwachsene in die Europäische Union (EU) geflüchtet, anderweitig zugewandert oder innerhalb des Staatenverbundes umgezogen. Zur gesellschaftlichen Teilhabe gehört ein Ausbildungs- bzw. ein Arbeitsplatz. Ein Ausbildungsabschluss erhöht nicht nur die Chancen der jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt, sondern trägt auch zur Fachkräftesicherung bei. Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat in den ausgewählten EU-Ländern die nationalen, regionalen und kommunalen Gesetze und Vorschriften, die den Zugang zum Beginn einer Ausbildung regeln, sowie die Zugangspraxen untersucht und 122 Experteninterviewsausgewertet.

ielfältige Belastungen für Junge Neuzugewanderte

Das Ergebnis: Überall gleicht der Weg in die Ausbildung häufig einem Labyrinth. Wer wegen seines Aufenthaltsstatus keine Arbeitserlaubnis besitzt, nicht die notwendigen Zertifikate vorlegen kann oder infolge seines Alters nicht schulpflichtig ist, muss oft längere Umwege auf sich nehmen. Zwar bieten die vier Staaten Sprachkurse und häufig auch fachliche Fortbildungen zur Vorbereitung an, doch ist dieses Angebot zum einen oft unübersichtlich – etwa in Deutschland oder Österreich – oder darüber hinaus unzureichend – etwa in Spanien oder Slowenien. Zum anderen müssen die potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Kurse zahlreiche Voraussetzungen erfüllen, ähnlich wie bei den Ausbildungen selbst. Darüber hinaus belasten im Alltag finanzielle Engpässe, zunächst wenig Systemkenntnis, ein hohes sprachliches und fachliches Lernpensum sowie bisweilen psychische, soziale und wohnräumliche Schwierigkeiten oder Diskriminierung junge Neuzugewanderte.

Wegbegleiter/-innen in Beratungsstellen, Bildungsstätten und Behörden

Lena Rother, Mitarbeiterin im SVR-Forschungsbereich und Co-Autorin der Studie „Heraus aus dem Labyrinth. Jungen Neuzugewanderten in Europa den Weg zur beruflichen Bildung erleichtern“, hebt hervor: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kommunen – z. B. in Beratungsstellen, Bildungsstätten und Behörden – verfügen über Spielraum, den Zugang zu beruflicher Bildung zu gestalten. Sie können die Wege durch das Labyrinth erleichtern oder erschweren, je nachdem, auf welche Weise sie den Ermessensspielraum auslegen, über den sie im Rahmen ihres Arbeitsauftrags verfügen. Das Engagement der Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter geht hierbei häufig über ihren eigentlichen Arbeitsauftrag hinaus.“

Drei Faktoren beeinflussen der Studie zufolge die Entscheidungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders: eine wahrgenommene Rechtsunsicherheit, knappe Ressourcen und individuelle Überzeugungen. Letztere werden unter anderem dadurch beeinflusst, wie viel Kontakt die Verantwortlichen zu Neuzugewanderten haben.

Flexibilisierung der beruflichen Ausbildung nötig

„Um den Weg zum Ausbildungsbeginn zu verkürzen, sollten erstens Sprach- und Vorbereitungskurse ausgeweitet und sollte die berufliche Ausbildung flexibilisiert werden“, sagt Dr. Cornelia Schu, Direktorin des SVR-Forschungsbereichs. „Zweitens benötigen die Wegbegleiterinnen und -begleiter, also die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kommunen, unterstützende Strukturen, damit eine ‚Ausbildungsvorbereitung aus einer Hand‘ gelingen kann. Bildungsnetzwerke haben sich hier bewährt. Beispiele sind die Projekte „Neue Familien in Barcelona“ (Noves famílies a Barcelona), welche Neuzugewanderte entlang der Familienzusammenführung unterstützen, die „Wiener Bildungsdrehscheibe“, die frühzeitig Zugang zu Beratung verschafft, und die Bayerischen Berufsintegrationsklassen.

Berufliche Bildung fördert gesellschaftliche Teiilhabe

Winfried Kneip, Geschäftsführer der Stiftung Mercator, betont die Reichweite der Studienergebnisse und die Bedeutung beruflicher Bildung: „Berufliche Bildung eröffnet die Chance auf eine qualifizierte Beschäftigung – und damit auf gesellschaftliche Teilhabe. Wenn die EU-Mitgliedstaaten die Wege dorthin ebnen und mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen, entsteht eine Win-win-Situation für die Neuzugewanderten und die Aufnahmegesellschaft.“

Download

Die Studie „Heraus aus dem Labyrinth. Jungen Neuzugewanderten in Europa den Weg zur beruflichen Bildung erleichtern“ steht zum Download auf den Seiten des SVR zur Verfügung. Gefördert wurde sie von der Stiftung Mercator.

Die englische Fassung steht ab dem 3. Dezember 2020 online zur Verfügung.

Über den Forschungsbereich beim Sachverständigenrat

Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat führt eigenständige, anwendungsorientierte Forschungsprojekte zu den Themenbereichen Integration und Migration durch. Die projektbasierten Studien widmen sich neu aufkommenden Entwicklungen und Fragestellungen. Schwerpunkte der Forschungsvorhaben sind die Themenfelder Bildung und Flucht/Asyl. Der SVR-Forschungsbereich ergänzt die Arbeit des Sachverständigenrats. Die Grundfinanzierung wird von der Stiftung Mercator getragen.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration geht auf eine Initiative der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung zurück. Ihr gehören weitere fünf Stiftungen an: Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stifterverband und Vodafone Stiftung Deutschland. Der Sachverständigenrat ist ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Expertengremium, das zu integrations- und migrationspolitischen Themen Stellung bezieht und handlungsorientierte Politikberatung anbietet.

Weitere Informationen unter: www.svr-migration.de/Forschungsbereich

Quelle: Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) vom 05.11.2020

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