Flucht und Migration / Sozialforschung

Was Jugendliche zur Flucht treibt – Neue UNICEF-Studie zu geflüchteten Jugendlichen

Fünf afrikanische Männer stehen und sitzen auf Felsen am Strand und schauen auf das Meer.
Bild: © UNICEF/UN020034/Gilbertson VII Photo Geflüchtete und migrierte Jugendliche in Italien gaben einstimmig an, dass ihre Zeit in Libyen der schlimmste Teil ihrer Landroute war.

Eine neue UNICEF-Studie über die Fluchtursachen und Erfahrungen von geflüchteten oder migrierten Jugendlichen in Europa kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Über die Hälfte der befragten afrikanischen Jugendlichen gab nach der Ankunft in Italien an, dass Europa ursprünglich gar nicht ihr Ziel war. In den ersten sechs Monaten des Jahres kamen rund 12.000 minderjährige Flüchtlinge, 93 Prozent von ihnen waren unbegleitet.

Die katastrophalen Bedingungen in Libyen haben die Jugendlichen häufig dazu gebracht, die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu wagen. Außerdem sind die Jugendlichen oft ohne Absprache oder das Wissen ihrer Familien aufgebrochen.

Für die neue UNICEF-Studie hat die Organisation „Reach“ die Situation von geflüchteten oder migrierten Kindern und Jugendlichen in Italien und Griechenland untersucht. Insgesamt wurden 850 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren interviewt. Das Bild ist in beiden Ländern sehr unterschiedlich: Während in Griechenland hauptsächlich Mädchen und Jungen mit ihren Familien aus Syrien, dem Irak und Afghanistan eintreffen, stammen Minderjährige in den Aufnahmezentren in Sizilien meist aus afrikanischen Ländern, sind männlich und allein unterwegs. 

Mehr Push-Faktoren als Pull-Faktoren für Flucht aus Afrika

75 Prozent der in Italien befragten Jugendlichen haben nach eigener Aussage die Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen, alleine getroffen. Neben der schwierigen politischen Lage in der Heimat wurden fehlende Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten, aber auch familiäre Probleme oder häusliche Gewalt als Gründe angegeben. Weniger als die Hälfte hatte ursprünglich vor, nach Europa zu gehen. Vielmehr suchten die Jugendlichen in der Regel zunächst in den Nachbarländern Schutz und neue Chancen und trafen die Entscheidung für die Weiterreise erst nach und nach.

„Bemerkenswert an dieser Studie ist: Sie legt zum ersten Mal dar, dass es deutlich mehr Push-Faktoren gibt als bisher bekannt, die Jugendliche aus ihrer Heimat vertreiben, und weniger Pull-Faktoren, die sie nach Europa locken“, sagte Afshan Khan, UNICEF-Regionaldirektorin für Europa und Zentralasien.

Traumatische Erfahrungen in Libyen

Geflüchtete und migrierte Jugendliche in Italien gaben einstimmig an, dass ihre Zeit in Libyen der schlimmste Teil ihrer Landroute war. Fast die Hälfte (47 Prozent) von ihnen berichtete, dass sie dort gekidnappt und festgehalten wurden, um Lösegeld zu erpressen. Rund jeder Vierte (23 Prozent) sagte, dass er willkürlich verhaftet und ohne Angabe von Gründen eingesperrt wurde. Die Mehrzahl der Jugendlichen in den Aufnahmezentren in Sizilien stammt aus einer Reihe von Ländern in Subsahara-Afrika. Manche kommen aber auch aus weit entfernten Herkunftsländenr wie Bangladesch.

„Diejenigen, die Europa als Ziel hatten, wurden von der Aussicht auf weiterführende Bildung, Respekt für ihre Rechte und den Wunsch, im Leben weiterzukommen, angetrieben. Allerdings sieht die Realität, wenn sie in Europa ankommen, leider ganz anders aus und ihre Erwartungen werden enttäuscht“, sagte Afshan Khan.

In Griechenland gab ein Drittel der Eltern oder Erziehungsberechtigten an, dass Bildung für ihre Kinder der Hauptgrund für die Flucht der Familie nach Europa war. Die Studie zeigt jedoch, dass lange Asylverfahren und Unwissen über ihre Rechte dazu führen, dass viele Jugendliche aus den Aufnahmesystemen in Italien und Griechenland fallen. Dadurch verlieren sie weitere Monate oder Jahre für Bildung und sie sind großen Gefahren durch Missbrauch und Ausbeutung ausgesetzt.

UNICEF hat einen Sechs-Punkte-Plan für geflüchtete und migrierte Kinder vorgelegt.

Der vollständige Report „Children on the Move in Italy and Greece“ (PDF 11 MB) sowie eine Zusammenfassung (PDF 1,5 MB)  - beides in englischer Sprache - stehen zum Download zur Verfügung.

Weitere Informationen mit Hintergrundmeldungen - auch in deutscher Sprache - sind bei UNICEF Deutschland veröffentlicht. 

Quelle: UNICEF Deutschland vom 25. Juli 2017

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