Flucht und Migration / Jugendsozialarbeit

Potenzialanalyse: Neues Verfahren hilft Schülern, Stärken zu erkennen und sich für einen passenden Berufsweg zu entscheiden

Ausschnitt des Publikationscovers mit einer Illustration, die einen Wochenmarkt zeigt
Bild: © Vodafone Stiftung

Fast die Hälfte aller Geflüchteten, die derzeit in Deutschland Asyl sucht, ist unter 18 Jahren und kann über das deutsche Schul- und Ausbildungssystem in den Arbeitsmarkt integriert werden. Damit dies gelingt, muss zunächst festgestellt werden, was sie auf ihrem bisherigen Bildungsweg in ihrer Heimat gelernt haben und wo ihre Stärken liegen.

Hierfür gibt es zwar bestehende Verfahren zur schulischen Berufsorientierung, aber diese sind vielfach nur wenig geeignet, um den Bedürfnissen der neu zugewanderten Jugendlichen und auch der bereits seit Jahren steigenden Anzahl von Schülern mit Migrationshintergrund gerecht zu werden. Deshalb hat die Landeshauptstadt Düsseldorf, gemeinsam mit der Fachhochschule des Mittelstandes und der Vodafone Stiftung, eine neue Form der Potenzialanalyse entwickelt, die als bundesweites Vorbild für eine sprach- und kultursensible Potenzialanalyse dienen kann.

Drei innovative Elemente der "Düsseldorfer Potenzialanalyse"

  1. Interaktive Übungen ermöglichen realitätsnahes Erleben
    Schülern fällt die Ausbildungs- und Berufsorientierung leichter, wenn sie vorab praktische Erfahrungen sammeln können. Bei den interaktiven Übungen der Potenzialanalyse, wie z.B. einer gespielten Verkaufssituation auf dem Markt, einer Warenbestandsprüfung und dem Aufbau eines Regals, können die Jugendlichen ihre Kompetenzen im Umgang mit Zahlen, ihr räumliches Vorstellungsvermögen und ihre motorischen Fähigkeiten kennenlernen. Speziell geschulte Beobachter erfassen diese Kompetenzen und reflektieren nach dem Verfahren mit den Jugendlichen ihre Stärken und besprechen darauf aufbauend die nächsten Schritte in der Berufsorientierung.
  2. Stärken und informell erworbene Kompetenzen werden über Sprachbarrieren hinweg sichtbar gemacht
    Um auch über Sprachbarrieren hinweg Stärken sichtbar zu machen, bietet die "Düsseldorfer Potenzialanalyse" Übungen, die auf non-verbaler Kommunikation beruhen, sowie viele visualisierte Elemente. So veranschaulichen beispielsweise Grafiken und bebilderte Wörterbücher die Übungen. Ihre Interessen können die Jugendlichen in einem Fragebogen anhand von Fotoreihen aufzeigen. Zusätzlich ermöglicht eine biografie-orientierte Übung, bei der die Schüler anhand von selbst ausgewählten Fotokarten eigene Lern-und Lebens-Erfahrungen reflektieren, Stärken und Kompetenzen zu erfassen, die informell, also außer-schulisch, erworben wurden. Damit können Schüler mit Fluchthintergrund rasch in die schulische Berufsorientierung integriert werden und entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten beraten werden.
  3. Kreative und soziale Kompetenzen wappnen für die digitale Zukunft
    Vor allem soziale und kreative Fertigkeiten von Arbeitnehmern werden in einem digitalisierten Arbeitsmarkt noch wichtiger, denn sie können auf absehbare Zeit nicht von Robotern und Computern übernommen werden. Die "Düsseldorfer Potenzialanalyse" legt daher besonderen Wert auf die Erfassung von "soft skills". So wird beispielsweise bei einem simulierten Erste-Hilfe-Einsatz, in dem eine verwundete Person beruhigt und medizinisch versorgt werden muss, die Empathie, Belastbarkeit und Kooperationsbereitschaft der Jugendlichen auf die Probe gestellt. Ihrer Kreativität können die Schüler bei der Neugestaltung eines fiktiven Hauses und der Erstellung eines dreidimensionalen Kunstwerks freien Lauf lassen.

Bereits seit Frühjahr 2017 nehmen Düsseldorfer Schüler mit Fluchthintergrund an der neuen "Düsseldorfer Potenzialanalyse" teil. Das Verfahren kann je nach Zielgruppe und Schulform variiert werden, sodass ab dem Schuljahr 2017/2018 auch alle anderen Schüler der Landeshauptstadt Düsseldorf davon profitieren können.

Das Handbuch mit dem Konzept und allen Übungsmaterialen zur "Düsseldorfer Potenzialanalyse" steht im Internet zum kostenlosen Download (PDF, 9,9 MB) bereit.

Über die Düsseldorfer Potenzialanalyse

Die "Düsseldorfer Potenzialanalyse" ist aufgebaut als modularer Werkzeugkasten, der flexibel in verschiedenen Schulformen eingesetzt werden kann, und für unterschiedliche Sprach- und Kompetenzniveaus praktische, interaktive und biografie-orientierte Übungen beinhaltet. Das Verfahren kann deutschlandweit in geeigneten Berufs- und Studienorientierungsprogrammen eingesetzt werden.

Die "Düsseldorfer Potenzialanalyse" wurde von einem Expertenteam aus Wissenschaftlern und Praktikern sprach-, kultur- und migrationssensibel weiterentwickelt und in einem Piloten an Düsseldorfer Schulen bereits erfolgreich mit Schülern mit Fluchthintergrund erprobt. Die wissenschaftliche Leitung des Projekts hatte Frau Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau von der Fachhochschule des Mittelstandes inne. Das Projekt beruht auf einer Kooperation der Vodafone Stiftung mit der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Über die Fachhochschule des Mittelstands (FHM)

Die staatlich anerkannte, private Fachhochschule des Mittelstands (FHM) bietet an acht Standorten (Bamberg, Berlin, Bielefeld, Hannover, Köln, Pulheim, Rostock und Schwerin) ein praxisnahes Studienangebot in Vollzeit, Teilzeit und als Fernstudium. Gegründet wurde die FHM im Jahr 2000. Das Studienangebot umfasst derzeit rund 50 staatlich und international anerkannte Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge in den drei Fachbereichen Wirtschaft und Medien sowie Pädagogik, Gesundheit und Soziales. Der Schwerpunkt der FHM liegt darin, Fach- und Führungskräfte mit betriebswirtschaftlichem Know-how für die mittelständische Wirtschaft zu qualifizieren. In enger Zusammenarbeit mit Unternehmen, Verbänden und öffentlichen Einrichtungen entwickelt und realisiert die FHM wissenschaftlich fundierte Studien- und Weiterbildungsangebote sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte. www.fh-mittelstand.de

Über die Vodafone Stiftung Deutschland

Die Vodefone Stiftung ist eine gemeinnützige Unternehmensstiftung, die Teil des weltweiten Vodafone Stiftungsnetzwerkes ist. Schwerpunkt der Arbeit ist die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Zeiten des digitalen Wandels. Dabei versteht isch die Stiftung als Partner von Staat, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Als Thinktank initiiert sie Studien und Tagungen, die Ideen und Lösungsansätze für Öffentlichkeit und Politik entwickeln. Außerdem unterstützt die Vodefone Stiftung – finanziell sowie ideell – bereits seit vielen Jahren ausgewählte Organisationen und Initiativen in ihrer praktischen Arbeit. www.vodafone-stiftung.de

Quelle: Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH vom 12.06.2017

Info-Pool