„Girls in Crisis“-Bericht

Geflüchtete sind oft hungrig, schutzlos und ungewollt schwanger

Zwei junge venezolanische Frauen tragen Masken und schauen in die Kamera.
Bild: modovisible   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Angst vor Vergewaltigung, Ablehnung und Hunger – Mädchen, die vor der sozioökonomischen Krise aus Venezuela geflohen sind, fühlen sich in Kolumbien, Ecuador und Peru zutiefst unsicher und schutzlos. Das ist das Ergebnis des neuen „Girls in Crisis“-Berichts zur Venezuela-Krise der Kinderhilfsorganisation Plan International, der zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni erschienen ist.

Der englischsprachige „Girls in Crisis“-Report zeigt, dass sexueller Missbrauch, Schmähungen und Nahrungsmittelknappheit die größten Sorgen für geflüchtete Mädchen und junge Frauen in den Gastländern Kolumbien, Peru und Ecuador darstellen. In vielen aufnehmenden Gemeinden haben die Mädchen so große Angst, dass sie nicht auf die Straße gehen, weil sie dort Fremdenfeindlichkeit und sexualisierte Gewalt erleben. Die Gastländer selbst sind in vielen sozialen Bereichen überfordert, da es nur knappe Ressourcen bei Wohnraum, Arbeitsplätzen oder medizinischer Versorgung gibt und staatliche Auffangsysteme – auch pandemiebedingt – kaum funktionieren.

Aktuelle Lage der Geflüchteten

40 Prozent der geflüchteten Mädchen haben keinen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung. Von den über 15-Jährigen sagte jede Fünfte, dass sie schwanger ist oder bereits war. Das Durchschnittsalter für eine Schwangerschaft lag bei gerade mal 16 Jahren – obwohl sie sich ihr erstes Kind erst mit etwa 25 Jahren gewünscht hätten. 52 Prozent machen sich außerdem Sorgen, dass sie nichts zu essen haben. Fast die Hälfte (44 Prozent) gab an, öfter hungrig zu Bett zu gehen und ihr Überleben mit Betteln oder dem Erbitten weggeworfener Lebensmittel zu bestreiten. Dabei waren viele von ihnen aus Venezuela fortgegangen, weil aufgrund der dortigen Hyperinflation von einem durchschnittlichen Einkommen nicht mehr die einfachsten Grundnahrungsmittel gekauft werden können. Schon 2019 lebten rund 87 Prozent der fast 30 Millionen Venezolaner/-innen in Armut; über 60 Prozent sogar in extremer Armut. Das ließ die Kriminalität und Korruption in dem südamerikanischen Land steigen.

Kathrin Hartkopf, Sprecherin der Geschäftsführung von Plan International Deutschland: „Geflüchtete Mädchen und junge Frauen haben das Recht auf ein gewaltfreies Leben. Wir alle müssen sie dabei unterstützen, denn sie haben auf ihrer Flucht teilweise Unvorstellbares durchgemacht. Unser Bericht zeigt, dass die Mädchen mit zahlreichen Hindernissen konfrontiert sind, wenn sie versuchen, sich ein neues Leben außerhalb Venezuelas aufzubauen. Doch für sie muss überall ein verlässlicher Zugang zu sozialen Diensten und Rechtsstellen gewährleistet werden.“

Mädchen sind hohem Risiko von geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt

Insgesamt wurden für den Plan-Bericht 452 Mädchen zwischen zehn und 19 Jahren befragt. Davon gab die Hälfte an, dass sie sich auf der Straße unsicher fühlt. 21 Prozent der Mädchen und 13 Prozent der heranwachsenden Frauen sind zudem schon Zeuginnen von Gewalt, sexuellem Missbrauch oder verbaler Aggression geworden. Die Zahlen zeigen, dass Mädchen einem hohen Risiko von geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind. Zudem hat ein Drittel keinen Zugang zu Bildung. Die Gründe sind vielfältig: Der Verlust offizieller Dokumente erschwert eine behördliche Registrierung im Gastland und damit den Zugang zu einer Schule, wovon 20 Prozent der Befragten betroffen sind. Keine freien Plätze (20 %) sowie frühe Schwangerschaften (15 %) sind weitere Punkte.

Dr. Bärbel Kofler, Mitglied des Bundestags: „Die fast schon vergessene humanitäre Krise in Venezuela hat große Folgen für venezolanische Frauen und Mädchen auf der Flucht. Sie werden Opfer von organisierter Kriminalität, von sexualisierter Gewalt und erleben schwerste Menschenrechtsverletzungen. Die Täter bleiben in den allermeisten Fällen straflos. Aufgrund schwacher staatlicher Hilfsstrukturen ist die Arbeit von Netzwerken wie UNIDAS und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Plan International unverzichtbar. Häufig sind sie die einzigen, die einen wirklichen Rückhalt für Frauen in diesen existenziellen Notsituationen bieten können. Wir müssen unsere Hilfsmaßnahmen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft weiter auf präventiven Schutz von Minderjährigen, bessere Bildungschancen und die Förderung junger Frauen und Mädchen fokussieren und dies weiter ausbauen. Unser Ziel muss es sein, im Rahmen unserer Außenpolitik die Rolle von Frauen als Akteurinnen des Wandels zu stärken, um mit Frauen und für Frauen Lösungen zu erarbeiten.“

Plan International unterstützt geflüchtete venezolanische Mädchen und Frauen in Kolumbien, Ecuador und Peru und arbeitet über Partner auch direkt in Venezuela. Die Programme erreichen aktuell 385.000 Menschen, davon 35 Prozent Kinder und Jugendliche. Themen sind unter anderem die Förderung des Kinderschutzes, der Zugang zu hochwertiger Bildung und Maßnahmen zur Stärkung von jungen Menschen.

„Wir fordern die Regierungen in Kolumbien, Ecuador und Peru auf, Anpassungen im politischen System, beim Rechtsschutz und bei der Wiederherstellung von Rechten vorzunehmen. Nur so können sie als Unterzeichnerstaaten der Kinderrechtskonvention auch geflüchtete Mädchen und junge Frauen ohne Unterschied von Nationalität oder Herkunft vollumfänglich schützen“, sagte Kathrin Hartkopf.

Verschleppte Krise in Venezuela

Die sozioökonomische Krise in Venezuela ist eine sogenannte „protracted crisis“, eine verschleppte Krise. Sie wird von der Öffentlichkeit außerhalb Lateinamerikas kaum noch wahrgenommen. Dabei schrumpfte die Wirtschaft des Landes seit 2013 um zwei Drittel und die Hyperinflation ist so hoch, dass von einem durchschnittlichen Einkommen noch nicht mal mehr die einfachsten Grundnahrungsmittel gekauft werden können. Die existenzielle Not löste eine massive Flüchtlingswelle im Land aus. Mehr als 5,6 Millionen Venezolaner/-innen verließen ihre Heimat und flohen hauptsächlich in das direkt angrenzende Kolumbien. 1,7 Millionen leben heute in Kolumbien, 416.000 in Ecuador und rund eine Million in Peru.

Quelle: Plan International Deutschland e. V. vom 21.06.2021

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