Good Practice

Die „Heilenden Klassenzimmer“ machen weiter

Schriftzug "Welcome" auf einer bunten Mauer
Bild: Belinda Fewings/Unsplash (CC0)   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Die Klaus Tschira Stiftung und das International Rescue Committee setzen das Pilotprojekt „Heilende Klassenzimmer“ für geflüchtete Jugendliche an Berufsschulen in der Rhein-Neckar-Region um und erweitern es um ein Mentoring-Programm.

Neues Land, neue Sprache, neue Schule, und dann noch Fluchterfahrungen verarbeiten. Das sind enorme Herausforderungen für Jugendliche – und für ihre Lehrkräfte. „Healing Classrooms“ (auf Deutsch „heilende Klassenzimmer“) heißt deshalb ein 2018 in der Metropolregion Rhein-Neckar an Berufsschulen gestartetes Programm des International Rescue Committee (IRC), dessen erste Phase jetzt erfolgreich abgeschlossen und in ein Mentoring-Programm für neuzugewanderte Jugendliche an Berufsschulen überführt wurde. Beide Projektphasen werden durch die Klaus Tschira Stiftung (KTS) ermöglicht.

„Besonders wichtig ist uns die Unterstützung von Berufsschulen, deren wertvolle Arbeit leider oft zu wenig Beachtung erfährt“, sagt Beate Spiegel, Geschäftsführerin der KTS, und weiter: „Uns liegt die Förderung von geflüchteten Schülerinnen und Schülern sehr am Herzen. Mit der Unterstützung durch Lehrkräfte und durch Mentoring haben sie die Chance, ihr Potenzial zu entfalten – in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft.“

„Klassenzimmer“ als sicherer, vertrauter Ort für Kinder und Jugendliche

Das Konzept der „Healing Classrooms“ basiert auf 30 Jahren Erfahrung der humanitären Hilfsorganisation IRC in der Bildungsarbeit und wird seit 2017 auf den deutschen Kontext übertragen. Es lässt das „Klassenzimmer“ zu einem sicheren, vertrauten Ort für Kinder und Jugendliche werden, um ihren Stress zu reduzieren, zu lernen und eigenverantwortlich an der Gesellschaft teilzuhaben.

Mehr als 100 Fachkräfte an Berufsschulen wurden in den vergangenen drei Jahren befähigt, ihre Schülerinnen und Schüler zu stärken und gleichzeitig Risikofaktoren zu reduzieren. Sie selbst profitierten von einem interaktiven Weiterbildungsprogramm, das konkrete Anwendung im Unterricht erlaubte.

Mentoring-Programm startet

Dazu kommt jetzt das Mentoring-Programm. Hintergrund ist die Erfahrung, dass neuzugewanderte Jugendliche oft keine Vorbildfiguren mit ähnlichem Werdegang und Hintergrund haben. Häufig fehlt ihnen so genanntes Systemwissen, um einen für sie geeigneten Beruf zu wählen und den Weg dahin mit konkreten Schritten zu gehen. Ihre zunächst oft hohe Bildungsmotivation im Hinblick auf die Arbeitswelt verpufft. Das soll durch das Programm verhindert werden.

Mentorin oder Mentor sind ältere, erfahrenere Personen (oft selbst mit Migrations- oder Fluchterfahrung), die in der Region leben sowie beruflich und sozial erfolgreich sind. Ziel ist es, neuzugewanderten Jugendlichen Orientierung, Unterstützung und Ermutigung zu bieten, die sie anderweitig nicht bekommen. Mangelt es an einem sicheren und stabilisierenden Umfeld, so die Erfahrung, dann ist auch bei großer Begabung konzentriertes Lernen nicht möglich.

Fallbeispiel

Ein Beispiel ist Omars Weg: Der 17-Jährige, der 2015 mit seinen Eltern aus Syrien flüchtete, ist talentiert, wissbegierig, und er will vorankommen. Sein Traum ist es, eines Tages als Arzt zu arbeiten. Nun ist er in der Berufsschule angekommen und merkt schnell: viel zugetraut wird ihm nicht. Ihm fehlt eine Perspektive, selbst eine Pflegeausbildung scheint unerreichbar. Seine Klassenlehrerin versucht in den Einstiegswochen ihr Bestes, um ihn zu unterstützen. Doch er fragt sich mehr und mehr, was diese Schule ihm bringen soll, wann er endlich Geld verdienen wird und warum er so viel Energie aufbringen soll, für etwas, was ihn seinem Ziel kein bisschen näherbringt. Omar braucht außerhalb des Klassenraums eine unterstützende Person, die sein Talent sieht, seine Fragen beantwortet, ihm zuhört und Perspektiven aufzeigt. Damit sein Traum von der Arbeit in Medizin und Pflege Wirklichkeit werden kann.

Insgesamt 50 Jugendliche wie Omar, die ambitioniert sind und eine vielversprechende Zukunft haben, sollen durch 50 vom IRC in der Region rekrutierte und geschulte Mentorinnen und Mentoren im gesamten ersten Berufsschuljahr begleitet werden. In regelmäßigen Treffen können die Jugendlichen von ihrem Alltag berichten, ihre Sorgen teilen, ihre Ideen entwickeln und schrittweise umsetzen. Das Mentoring-Paar entwickelt kurz- und langfristige Ziele für das gesamte Schuljahr und trifft sich auch außerhalb der Schule, um lokale Netzwerke der gesellschaftlichen Teilhabe zu knüpfen. Die IRC-Fachkräfte begleiten den Mentoring-Prozess und unterstützen, wo es nötig ist. Denn, so wissen sie, um erfolgreich in einem neuen Land Fuß fassen zu können, braucht es jemanden, der an einen glaubt.

Quelle: Klaus Tschira Stiftung vom 8. Juni 2021

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