Flucht und Migration / Kinderrechte

Belastungen für Kinder in Unterkünften wiegen schwerer als während der Flucht

Eine Jugendliche mit dunkler Hautfarbe schaut traurig zur Seite und hat ihren Kopf auf dem Arm gestützt, im Hintergrund sind gestikulierende Erwachsen zu sehen
Bild: rawpixel.com

Save the Children und Plan International haben gemeinsam eine Expertise zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Aufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Menschen vorgelegt. Die Kinderrechtsorganisation und das Kinderhilfswerk beraten mehrere Bundesländer bei der Schaffung einheitlicher Kinderschutzstandards. Die Anschlussfähigkeit und Vernetzung zu den öffentlichen Kinderschutz- und Hilfesystemen der lokalen Strukturen sind dabei zentrale Aspekte.

In Deutschlands Aufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Menschen werden die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei sind die Bedingungen, unter denen Kinder nach ihrer Flucht leben, ganz entscheidend für die Bewältigung belastender Erfahrungen, hebt eine Expertise im Auftrag von Save the Children und Plan International zu den Kinderschutzstandards in Unterkünften hervor. Die Organisationen beraten mehrere Bundesländer bei der Verbesserung kindgerechter Strukturen in den Einrichtungen und geben praktische Handlungsempfehlungen, damit die Minderjährigen unmittelbar nach ihrer Flucht bestmöglich versorgt werden.

Längere Aufenthalte belasten Kindesentwicklung

Obwohl die Aufnahmeeinrichtungen auf einen kurzen Verbleib ausgerichtet sind, bleiben sie häufig über Monate oder sogar Jahre der zentrale Lebensmittelpunkt für Kinder. Für Familien ist das Leben in einer solchen Unterkunft besonders belastend – bei den Kindern kann es sogar eine gesunde Entwicklung beeinträchtigen, hebt die Expertise hervor. Damit sich etwa Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen nicht verstärken, muss die Versorgung genau auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt sein und die Umgebung die Erholung und Einkehr von Normalität fördern.

„Die Belastungen nach der Flucht wiegen für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen noch schwerer als die Zeit vor und während der Flucht“, erklärt der Autor der Expertise, Dr. Thomas Meysen vom SOCLES Institut, der zahlreiche nationale und internationale Studien auswertete und mit den Rahmenbedingungen der bundesweiten Asyl-, Aufnahme- und Hilfesysteme abglich.

„Diese Kinder haben ihr Zuhause verlassen, sie haben Krieg erlebt und oft auch Angehörige verloren. Dazu haben sie eine anstrengende Flucht hinter sich. Was sie bei uns brauchen, sind Ruhe und Geborgenheit sowie professionelle Hilfe, das Erlebte zu verarbeiten – und sie müssen in allen Bundesländern die gleichen Bedingungen vorfinden“, sagt Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children.

Kinderschutzstandards schützen noch nicht vor Benachteiligung

„Einige Bundesländer setzen sich bereits mit den Kinderschutzstandards in ihren Aufnahmeeinrichtungen auseinander", sagt Maike Röttger, Vorsitzende der Geschäftsführung von Plan International Deutschland. „Das Gutachten zeigt aber auch, dass Mädchen und Jungen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus immer noch diversen Formen von Benachteiligung ausgesetzt sind – dabei verbietet die UN-Kinderrechtskonvention jegliche Form der Diskriminierung. Die Behörden haben hier eine Verantwortung, jedes Kind hat das Recht auf bestmögliche Chancen für ein gesundes Aufwachsen."

Die Expertise gibt konkrete Handlungsempfehlungen, darunter die Schaffung von Gestaltungsfreiräumen für selbstbestimmte Familienleben sowie sicherer, anregender Umgebungen und Angebote für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen. Ein besonderes Augenmerk legt Meysen auf die Teilhabechancen an Leistungen der Gesundheitsvorsorge und der Kinder- und Jugendhilfe. In diesen Bereichen müsse man die individuellen Bedürfnisse geflüchteter Kinder und Familien endlich anerkennen und entsprechende Angebote entwickeln.

Neben engen Wohnverhältnissen und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten für Familien fehle es an Zugang zu Bildung, Förderung, Beratung und Therapien. Strenge Verwaltungsvorschriften und Reglementierungen sowie ein Mangel an Freizeitangeboten schränken die gesunde und altersgemäße Entwicklung der geflüchteten Kinder zusätzlich ein.

Landesregierungen arbeiten an einheitlichen Konzepten

Da jedes Bundesland seine eigenen Regelungen hat, bestimmt der Ort der Unterbringung, wie es einem Kind nach seiner Ankunft in Deutschland ergeht. Save the Children und Plan International setzen sich für bundesweit einheitliche Standards für die Unterbringung geflüchteter Kinder ein, die das Kindeswohl und die Bedürfnisse von Familien berücksichtigen.

In dem vom Bundesfamilienministerium geförderten Kooperationsprojekt „Kinder schützen – Strukturen stärken!“ begleiten und beraten Save the Children und Plan International die Regierungen der Länder Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein in der Schaffung einheitlicher Kinderschutzstandards. Im Fokus der Zusammenarbeit steht die Etablierung von Kinderschutzstrukturen innerhalb der Landesunterkünfte. Die Anschlussfähigkeit und Vernetzung zu den öffentlichen Kinderschutz- und Hilfesystemen der lokalen Strukturen sind dabei zentrale Aspekte.

Die vollständige Expertise zum Schutz geflüchteter Kinder (PDF 1,21 MB) steht beim Kinderhilfswerk Plan International zur Verfügung.

Quelle: Plan International Deutschland e.V. vom 28.08.2020

Info-Pool