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Dänemark

„Wir haben einen holistischen Anspruch“

Auf einem Spielteppich sind zwei Spieulzeugautos zu sehen, im Hintergrund drei kleine Kinder die nebeneinander auf dem Boden sitzen
Bild: BBC Creative- unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

An Personal in den Kindertagesstätten fehlt es auch im Nachbarland Dänemark, nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie. Die dänische Gewerkschaft für Pädagogen, die nicht in Schulen arbeiten, BUPL schätzt, dass in den kommenden Jahren rund 9.000 weitere Fachkräfte gebraucht werden. Stig G. Lund, leitender Berater der BUPL, stellt im Interview mit dem Fachkräfteportal Lösungen vor, um den Mangel langfristig zu beheben.

Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe: Herr Lund, bevor Sie in die Gewerkschaft BUPL gewechselt sind haben Sie selbst als Erzieher in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Warum haben Sie damals als junger Mann diesen Beruf gewählt?

Mir war es wichtig, als ich mich 1972 an der Pädagogischen Hochschule einschrieb, Kinder dahingehend zu unterstützen, dass sie sich zu aktiven Bürgern in einer demokratischen und integrativen Gesellschaft entwickeln.

Noch immer gibt es, knapp 50 Jahre später weitaus weniger Männer, die sich für diesen Beruf entscheiden. Aktuell sind in Dänemark nur 14 Prozent Erzieher beschäftigt. Und diese kümmern sich meist um ältere Kinder wie im Hort oder in Jugendclubs. Wie können Sie junge Männer ermutigen ihren Beruf zu ergreifen?

Eine Möglichkeit ist, den Sport in die Ausbildung mehr zu integrieren. Aktuell sind unter den Studierenden rund ein Viertel Männer, aber viele verschwinden nach ihrer Ausbildung in andere Berufe. Wir glauben, dass bessere Gehälter sowie Arbeitsbedingungen mit mehr Karrieremöglichkeiten die Situation ändern könnten. Nach wie vor ist die Gesellschaft bedauerlicherweise immer noch der Ansicht, dass dieser Beruf eine Aufgabe der Frauen ist.

Eine Ausbildung, viele Berufsfelder

Wie könnte denn schon die Ausbildung für Schulabgänger/-innen attraktiver gestaltet werden?

Darüber diskutieren wir aktuell in der Gewerkschaft BUPL. Zurzeit dauert die Ausbildung dreieinhalb Jahre. Wir schlagen vor auf vier Jahre zu verlängern und die Ausbildung breiter aufzustellen, so dass man später im Hort, im Kindergarten, im Jugendzentrum, mit Geflüchteten oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen arbeiten kann.

Es gäbe dann quasi nur eine Ausbildung – mit der Möglichkeit später in mehreren Berufsfeldern arbeiten zu können.

Ja, genau. Es geht uns nicht nur darum auf Kinder aufzupassen oder sie zu unterrichten, sondern wir haben einen holistischen Anspruch. Betreuung und Lernen sollte ganzheitlich betrachtet werden. Deswegen sollte man nach der Ausbildung sowohl in Einrichtungen mit beispielsweise Babys oder auch älteren Menschen arbeiten können. Es ist wichtig die gesamte Entwicklung des Menschen, beziehungsweise alle zu verstehen.

Durch die Corona-Pandemie hat sich viel verändert. Dazu gehörte auch, dass viele Einrichtungen während des Lockdown plötzlich gezwungen waren den Kontakt zu den Kindern digital aufrecht zu erhalten. Kreativität war gefragt. Wird es in Zukunft für Mitarbeiter/-innen oder Studierende Fortbildungen im Online-Bereich geben?

Momentan finanziert die BUPL eine Untersuchung mit der Frage: Wie bewerten und nutzen die Fachkräfte die Digitalisierung in ihrer pädagogischen Arbeit? Erste Ergebnisse zeigen, dass Schulungen im Umgang mit Tablets erforderlich sind und digitale Medien und Werkzeuge stärker im Lehrplan vertreten sein müssen.

Eltern wünschen sich mehr Fachpersonal

Eine Besonderheit in Dänemark ist, dass sich im Prinzip jeder um einen Job in einer Kindertagesstätte bewerben kann. Das führt dazu, dass zurzeit in einer Einrichtung im Schnitt nur 58 Prozent Fachkräfte arbeiten. 42 Prozent sind ungelernte Assistent(inn)en. Jetzt wurden Stimmen von Eltern laut, die sich mehr ausgebildetes Fachpersonal wünschen.

Ja, das stimmt. Deswegen ist unsere Gewerkschaft bestrebt den Anteil auf 80 Prozent zu erhöhen. Wenn sich aber nicht mehr junge Studierende entscheiden, den Beruf zu erlernen, wird das schwierig werden.

Da sich quasi jeder als ungelernter Assistent/-in mit immerhin einem Monatsgehalt von umgerechnet rund 3.220 Euro brutto bewerben kann. (Ausgebildete Fachkräfte verdienen rund 4.030 Euro brutto bei aber höheren Lebenshaltungskosten in Dänemark, Anm. d. Red.) Wie stellen Sie sicher, dass sich die Person auch wirklich eignet, Kinder zu betreuen?

Am Bewerbungsgespräch sind immer die Leitung und die Vertretung des Personals beteiligt. Mit ihren beruflichen Erfahrungen können sie schon entscheiden, ob sich die Person eignet. Es gibt auf jeden Fall einen Monat Probezeit, bevor der Assistent oder die Assistentin fest eingestellt wird.

Mehr Kreativität durch Projekte

Auf der Webseite der BUPL wirbt die Gewerkschaft für Entwicklungsprojekte, die mit bis zu umgerechnet rund 13.440 Euro (100.000 DKK) pro Projekt gefördert werden. Jede Einrichtung kann sich bewerben. Mögliche Themen sind beispielsweise „Bildungsarbeit im digitalen Zeitalter“ oder „Dein eigenes Traumprojekt“. Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem sogenannten „Entwicklungspool“?

Mit diesen Forschungsprojekten soll der Beruf attraktiver gestaltet werden. Es ist wichtig, dass die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch inspirierend ist, dass man Erkenntnisse gewinnt, kreativ sein kann und trotzdem seine Autonomie behält. Mit den Forschungsergebnissen hoffen wir, dass wir unsere Arbeit verbessern und verändern können. Die Förderung wird übrigens aus den Mitgliedsbeiträgen finanziert.

Hat die BUPL auch ein Projekt, das sich speziell mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie beschäftigt?

Noch nicht. Wir haben nur ein paar Umfragen und Analysen gemacht, wie die Mitarbeiter die Krise unmittelbar erfahren haben. Das ist auch auf unserer Webseite nachzulesen. Einige haben erwähnt, dass sie es als positiv empfunden haben, mehr Ausflüge unternehmen zu können und dass die jeweiligen Gruppen kleiner waren.

Wie sieht denn der momentane Betreuungsschlüssel in Dänemark aus?

Die Regierung in Dänemark hat beschlossen, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre in der Krippe eine Fachkraft für drei Kinder zuständig ist und im Kindergarten für sechs Kinder. Momentan sind es vier Kinder, die in der Krippe von einer Person betreut werden und sieben im Kindergarten.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie persönlich aus der besonderen Zeit während des Lockdown und der Pandemie, die uns ja alle noch eine Weile beschäftigen wird?

Dieses Virus hat die Leute dazu gebracht inne zu halten und sich zu überlegen was ist wirklich wichtig für die Kinder. Wir hetzen hier- und dorthin um große Pläne zu erfüllen: Es geht um Ausbildung, um das Training oder das Unterrichten. Wie man Kinder auf die Schule und das Leben vorbereiten kann. Jetzt gucken wir mehr auf das Leben der Kinder, wie es gerade jetzt genau heute aussieht. Wir haben in der Vergangenheit manchmal vergessen was die Kinder im Innersten brauchen. Nämlich gute Freunde, sich sicher zu fühlen, sich wohl zu fühlen und einfach gedeihen zu können.

Das Interview führte Caroline Schmidt-Gross.

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