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Europa / Sozialforschung

Wie solidarisch sind europäische Bürger in Krisenzeiten?

Ein junger Mann steht vor einer Europa-Karte
Bild: © Pholio Agency - Fotolia.com

Die Universität Siegen hat in einer internationalen Kooperation Europäer/-innen dazu befragt, wie sie zur EU stehen, Solidarität definieren und sich persönlich engagieren. Auch die Einstellung gegenüber Migrant(inn)en und Flüchtlingen wurde abgefragt.

Eine internationale Forschergruppe unter Leitung der Universität Siegen hat 16.000 Europäer/-innen in acht Ländern zu ihrer Einstellung zu EU, Migration und Solidarität befragt. Besonders erstaunlich: Fast die Hälfte der befragten Griechen würde die EU danach gerne verlassen. Die Europäer/-innen sind zwar zur Solidarität bereit, knüpfen diese aber an Bedingungen. Unter den Befragten waren je 2.000 Bürger/-innen aus Deutschland, Frankreich, Dänemark, Großbritannien, Griechenland, Polen, Italien und der Schweiz. Der offizielle Bericht des Projekts „Transsol“ („Transnational solidarity at times of crisis“) wurde am 19.07.2017 veröffentlicht.

Soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Engagement

Beim Thema soziale Gerechtigkeit sind sich viele Befragte über die Ländergrenzen hinweg einig: Die klare Mehrheit (68%) findet es wichtig oder sehr wichtig, dass man Einkommensungleichheiten innerhalb der EU beseitigt. Ebenso sind viele der Meinung, dass die Europäische Union Nicht-EU-Länder im Kampf gegen Armut unterstützen sollte (62%). Dabei engagieren sich viele der Befragten auch aktiv für Solidarität, zum Beispiel indem sie Geld spenden, Mitglied in einer Freiwilligenorganisation sind oder protestieren gehen. Sie unterstützen nach eigener Aussage vor allem Menschen mit Behinderungen (53%), Arbeitslose (33%) und Flüchtlinge (29%). Generell sind die Befragten eher gewillt, Menschen in ihrem eigenen Land (51%) und außerhalb der EU (35%) zu helfen, als Menschen in anderen EU-Ländern (29%).

Finanzielle Solidarität innerhalb der EU

Die meisten Befragten, besonders in Griechenland und Italien, sind dafür, dass die EU Mitgliedsstaaten finanziell hilft, die in Not sind. In diesen beiden Ländern und in Polen sind die Befragten besonders stark für eine Schuldenunion. In Deutschland, Dänemark, der Schweiz und Großbritannien sprach sich die Mehrheit der Befragten dagegen aus. Überall aber scheint Solidarität auf Gegenseitigkeit zu beruhen: 44% der Befragten unterstützt Solidarität zwischen Mitgliedsländer deshalb, weil jedes Land mal auf die Hilfe anderer angewiesen sein kann. Und Migrant(inn)en sollen Anspruch auf Sozialleistungen haben dürfen, sofern sie arbeiten und Steuern zahlen (42%) bzw. Staatsbürgerschaft erhalten (30%).

Menschen fühlen sich stärker als Bürger/-innen des eigenen Landes

In allen Ländern fühlen sich die Menschen deutlich stärker als Bürger/-innen des eigenen Landes (88%), der Region oder Stadt, in der sie leben, denn als Bürger/-innen der Europäischen Union (44%). Bei einem Referendum würden in Griechenland 46 Prozent gegen den Verbleib in der EU stimmen, 38 Prozent möchten in der EU bleiben. In Griechenland sind die Menschen stark der Überzeugung, ihr Land profitiere nicht davon, Mitglied in der EU zu sein.

Die Briten möchten weiterhin mehrheitlich aus der EU austreten. Zwei-Drittel der Schweizer wollen nicht, dass ihr Land Mitglied der EU wird, unter anderem, weil sie dadurch negative Effekte auf Jobs und den Arbeitsmarkt in ihrem Land erwarten. Die befragten Polen hingegen stimmen mit 64 zu 15 Prozent besonders stark für den Verbleib in der EU. „Die niedrigen Zustimmungswerte in Griechenland sind erstaunlich, da die Griechen traditionell zu den EU-Befürworter gehörten. Die Zahlen zeigen, dass die Griechen über die Art, wie die EU und die Mitgliedsstaaten mit der Krise umgehen, unzufrieden sind, und dass viele kaum noch eine Chance sehen, die Krise und ihre dramatischen Folgen innerhalb der EU und des Euros zu bewältigen“, erklärt Soziologie-Professor Christian Lahusen von der Uni Siegen, Koordinator des Projekts.

Die meisten möchten Migrant(inn)en nur unter gewissen Bedingungen unterstützen

Nur 6% aller Befragten sind kategorisch gegen eine Aufnahme von Migrant(inn)en. Die meisten Befragten sagen, dass ihr Land Arbeitsmigrant(inn)en nur dann aufnehmen soll, wenn es ausreichend Jobs gibt (46% im Durschnitt aller Länder) oder möchte eine Obergrenze festlegen (25%). In allen Ländern sind sich die Befragten einig, dass Migrant(inn)en erst dann Zugang zu Sozialleistungen erhalten, wenn sie entweder mindestens ein Jahr gearbeitet und Steuern gezahlt oder die Staatsbürgerschaft erworben haben.

Mehrheit möchte weniger syrische Flüchtlinge aufnehmen

Obwohl sehr viele der Befragten Solidarität für Flüchtlinge aus Syrien empfinden, möchte die Mehrheit in allen Ländern, dass ihr Staat weniger Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Die Polen unterstützen am stärksten die Meinung, gar keine Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen (36 %), auch ein Viertel der Franzosen denken so. Eine knappe Mehrheit in allen Ländern ist dagegen, dass ihr Land Flüchtlinge unterstützt, indem ihre Regierung Geld an die EU überweist.

Hintergrund zur Befragung

Ein Umfrage-Unternehmen (INFO GmbH) hat die Befragung durchgeführt. Das Projekt „Transsol“ wird durch das Horizon2020-Programm der EU finanziert. Beteiligte Hochschulen sind neben der Uni Siegen die Universitäten Kreta, Genf, Florenz, Warschau, Kopenhagen, die Glasgow Caledonian Universität und die Sciences Po Paris.Weitere  Informationen zur Befragung und der gesamte Report stehen auf der Webseite von Transsol zur Verfügung.

Quelle: Universität Siegen vom 19.07.2017

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