Kinder- und Jugendarbeit / Europa

We got the POYWE – Ein europäisches Netzwerk der Offenen Jugendarbeit gründet sich in Wien

Die Podiumsdiskussion
Bild: Anneli Starzinger   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0 Die Podiusdiskussion zum Thema "Professional open youth work and policy making in Europe" mit Hans-Joachim Schild (Partnerschaft zwischen der Europäischen Kommission und dem Europarat), Pauline Grace (POYWE), Lloyd Russell-Moyle (Vize-Präsident Europäisch

Rund 100 Vertreterinnen und Vertreter aus 20 Ländern kamen bei winterlichen Temperaturen und Schnee nach Wien, um dort drei Tage in Klausur zu gehen. Thema war die Offene Jugendarbeit, ihre Positionierung auf europäischer Ebene, Möglichkeiten einer stärkeren Sichtbarmachung und einer qualitativen Weiterentwicklung.

Diesen Zielen wird sich auch das Netzwerk POYWE (Professional Open Youth Work in Europe) widmen, das sich seit zweieinhalb Jahren im Aufbau befindet und in Wien im Anschluss an die Tagung seine formale Gründung erfuhr. Die Idee zu dem Netzwerk war auf einer Konferenz in Gent während der Belgischen EU-Ratspräsidentschaft im Juli 2010 entstanden. Sieben Nationen (Schweiz, Italien, Luxemburg, Norwegen, England, Niederlande und Österreich) sind seitdem damit beschäftigt, die Rahmenbedingungen für die Netzwerkarbeit aufzubauen und Zweck und Ziele zu definieren.

In den Einführungsvorträgen am ersten Tag ging es vor allem um eine jugendpolitische Verortung der Offenen Jugendarbeit auf europäischer Ebene. Miriam Teuna, Geschäftsführerin der National Youth Agency in Malta mit langjähriger Erfahrung auf Ebene der EU und des Europarates hatte sich für ihren Vortrag die Mühe gemacht und einmal genau untersucht, welche Rolle Jugendarbeit in den Zielsetzungen und Verlautbarungen der sechs letzten EU-Ratspräsidentschaften (Spanien, Belgien, Ungarn, Polen, Dänemark, Zypern) gespielt hat. Ihre Ausbeute war mager. Lediglich in der Belgischen Ratspräsidentschaft wurde die Jugendarbeit explizit thematisiert. In allen anderen Präsidentschaften findet sie allenfalls periphäre Erwähnung. Hier gibt es offensichtlich Handlungsbedarf.

Einigkeit besteht bei den Vortragenden und Anwesenden darüber, dass die Wirksamkeit von Jugendarbeit nicht in Frage steht, auch wenn reelle und potentielle Finanzgeber zunehmend Nachweise für diese Wirksamkeit verlangen. Mit Pauline Grace, britische Vertreterin für POYWE, stand ein lebendes Beispiel zur Verfügung, auf das im Verlaufe der Tagung immer wieder gerne verwiesen wurde. Pauline war als 14jährige das, was man ein äußerst schwieriges Mädchen nennt, bis sie in die Fänge der Offenen Jugendarbeit geriet. Heute ist sie promoviert, lehrt an der Universität und engagiert sich auf europäischer Ebene für die Weiterentwicklung der Jugendarbeit.

Über Möglichkeiten der Messbarkeit von Qualität in der Jugendarbeit sprach auch Prof. Werner Lindner von der Technischen Universität Jena. Er zog Standards aus anderen Bereichen der Qualitätsentwicklungen heran und diskutierte, ob sie auf die Jugendarbeit übertragbar seien.  Dabei wurde der Konflikt deutlich zwischen der Notwendigkeit, linear-kausale Gelingensbedingungen kenntlich zu machen, um Finanzierung zu erzielen und dem Bestreben, Freiräume zu erhalten, um das Gelingen von Jugendarbeit nicht nur an ökonomische Messgrößen wie Vermittlungsraten in Ausbildung oder Reduzierung von Schulabbrecherquoten zu knüpfen.

Immer wieder kam die Diskussion während der drei Tage auf den Terminus „Offene Jugendarbeit“ zurück. Offensichtlich bestanden hier Unklarheiten, was der Begriff eigentlich genau bezeichne - und dann auch noch mit dem Zusatz "professional". Handelt es sich um das, was in vielen europäischen Ländern eher unter „Social Youth Work“ firmiert? Ist es explizit ausschließlich die außerverbandliche Jugendarbeit? Einige Diskutanten wiesen darauf hin, dass sie es vorziehen würden, wenn das Netzwerk auf den Begriff „Open“ im Titel verzichtete. Anscheinend war auch die fehlende Mitarbeit im Vorfeld der Netzwerkgründung von großen europäischen Partnern wie Frankreich und Deutschland darauf zurück zu führen, dass es Unklarheiten in Bezug auf den Begriff „Offene Jugendarbeit“ gab. In Deutschland beispielsweise existiert keine bundesweite Arbeitsgemeinschaft, die sich dem Thema widmet.  Hier besteht offensichtlich noch definitorischer Bedarf und daran anschließend die Notwendigkeit der zielgerichteten Ansprache von bisher vernachlässigten Zielgruppen.

Der zweite Tag war für die aktive Mitarbeit der Teilnehmenden vorgesehen. In einem World-Café und in fünf Workshops wurden Möglichkeiten der Qualitätsentwicklung, neue Formen des Fundraisings, unterschiedliche Jugendarbeitsszenarien in den teilnehmenden Ländern, Qualifizierungsbedarf für Fachkräfte, Forschungsbedarf und Zielsetzungen des Netzwerkes POYWE diskutiert.

In seinem abschließenden Fazit, das Howard Williamson, Professor für Europäische Jugendpolitik an der Universität von Glamorgan, mit zahlreichen Anekdoten aus seiner langjährigen Berufstätigkeit als Jugendarbeiter würzte, wurde deutlich, dass die Jugendarbeit eigentlich ziemlich genau weiß, wo sie steht und wo sie hin will. Sie will nicht anleiten, sondern unterstützen, sie will, wo der Bedarf besteht, Mandant für junge Menschen sein, sie will formale Bildung nicht ersetzen sondern ergänzen UND sie will nach wie vor Raum bieten, um Spaß zu haben und sich jung zu fühlen. Dafür bedarf es Unterstützung – auf politischer, finanzieller und wissenschaftlicher Ebene. Hier schließlich kommt POYWE ins Spiel. Das Netzwerk will auf europäischer Ebene Lobbyarbeit für die Jugendarbeit betreiben, Forschung befördern und Austausch initiieren. Die etwas kostspielige volle Mitgliedschaft (4.000 €) im Jahr war allerdings für einige teilnehmende Nationen ein Stein des Anstoßes. Es bleibt abzuwarten, wie gut sich das Netzwerk in den nächsten Jahren etablieren wird. Ein nord-irischer Teilnehmer war sehr zuversichtlich und meinte in Anlehnung an den populären Song von Snap: We got the POYWE!

Informationen über POYWE unter www.poywe.org

Dort sind auch zahlreiche O-Töne, Vorträge und Materialien von der Tagung zu finden.

Quelle: Anneli Starzinger

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