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Europa / Jugendforschung

Warum sind Millennials verunsichert und was bedeutet das für ihr Verhältnis zu Politik?

Junger Mann mit Käppi lacht herzlich in Runde von Freunden
Bild: © Rawpixel.com - Fotolia.com

Wie „ticken“ junge Menschen, die sich selbst als eine verunsicherte Generation beschreiben, politisch und mit welchen Erwartungen begegnen sie der Politik? In ihrem Expert-Flash beschreibt Beate Großegger vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung die von der Generation der 16 - 29jährigen vorgebrachten Sorgen und Ängste und analysiert ihr Verhältnis zur Politik.

Die heutige Jugend ist verunsichert, das zeigt sich in ihrem Selbstbild: 16- bis 29-jährige beschreiben ihre eigene Generation allem voran als eine „verunsicherte Jugendgeneration“. Die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen artikulierte Verunsicherung hat mehrere Ursachen. Dynamiken des sozialen Wandels und, damit verbunden, unklare Zukunftsperspektiven sowie die Zuwanderungsfrage spielen dabei einen besondere Rolle.

Lebensplanung zwischen Erwartungen der Eltern und Flüchtlingskrise

Aufgrund der sich verändernden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und auch technologischen Rahmenbedingungen ist die heutige Jugend in ihrer Lebensgestaltung mit ganz anderen Chancen, aber auch ganz anderen Risiken konfrontiert als ihre Elterngeneration. Sorgen und Ängste der nachrückenden Generation drehen sich um gesellschaftliche Entwicklungen, die den sozialen Zusammenhalt gefährden, aber auch um persönliche Existenzängste. Die Frage „Wie finde ich einen guten und sicheren Arbeitsplatz?“ beschäftigt mindestens ebenso sehr wie heiße politische Themen, etwa die Flüchtlingskrise oder neue terroristische Bedrohungen. Das heißt, eine „sichere Zukunft“, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn verstanden, ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein wirklich großes Thema. Kein Wunder, denn eine sichere Zukunft ist letztlich Grundlage für ein gutes Leben.

Junge Menschen möchten natürlich ein gutes Leben führen. Und dazu braucht es aus ihrer Sicht Geld, sprich: ein regelmäßiges Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit und auch Zeit für all die Dinge, die ihnen abseits der beruflichen Tätigkeit wichtig sind. Mit Blick auf die berufliche Zukunft fordert diese Generation sehr massiv Work-Life-Balance ein. Solange sie jung ist, will sie Spaß haben, sucht nach Abwechslung und möchte das Leben genießen. Doch zurück zur Verunsicherung.

Verunsicherung beginnt oft bei scheinbar ganz einfachen Dingen: etwa der Frage, wie man das Erwachsenwerden am besten meistert. Soziale Erwartungen, die ältere Generationen an junge Menschen richten, etwa, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und – privat wie beruflich – aktiv gestalten sollen und dass sie in überschaubarer Zeit ihre Ausbildung abschließen, einen guten Job finden und Kinder in die Welt setzen, sprich: eine solide Existenz gründen, empfinden viele als Druck. Sie fühlen sich überfordert, da die bislang gültigen Regeln für Lebensplanung in unserer Zeit des dynamischen Wandels einfach nicht mehr funktionieren.

Auch die Frage, wie bzw. wohin sich unsere Gesellschaft zukünftig entwickeln wird, sorgt bei vielen jungen Menschen für Verunsicherung. Flüchtlingskrise und Migrationspolitik sind große politische Themen – auch für die nachrückende Generation. In der Zuwanderungsfrage gibt sich die Jugend gespalten. In bildungsprivilegierten Milieus herrscht Migrationsoptimismus und ein Bekenntnis zu einer pluralen, weltoffenen Gesellschaft. In diesen Milieus können sich junge Menschen die migrationsoptimistische Grundhaltung, die sie zeigen, auch leisten: Sie finden sich in privilegierten Sozialpositionen wieder und sehen ihre persönlichen Lebenschancen durch Zuwanderung nicht bedroht (Stichwort „Jobs“, „Wohnen“ etc.). Abgesehen davon kommt die breite Mehrheit in der Ausbildung, im Beruf und auch privat mit den prekären Seiten der Migration kaum in Kontakt. Ganz anders die jungen ModernisierungsverliererInnen: Bei ihnen lässt sich eine vielfach offensiv vorgebrachte Migrationsskepsis beobachten, was u.a. damit zu tun hat, dass sie an einem weitaus weniger privilegierten Standort der sozialen Stufenleiter stehen, ihre persönlichen Zukunftschancen von diesem Standort aus nicht allzu rosig einschätzen und die Zuwanderungsbevölkerung als Konkurrenz im persönlichen Kampf um ein gutes Leben empfinden.

Verunsicherte Millennials als schwierige Dialogpartner für die Politik

Verunsicherung hat also verschiedene Ursachen und sie zeigt ganz unterschiedliche Facetten. Was bedeutet die von jungen Menschen deklarierte Verunsicherung nun aber für die Politik? Wie „ticken“ junge Menschen, die sich selbst als eine verunsicherte Generation beschreiben, politisch und mit welchen Erwartungen begegnen sie der Politik?

Allem voran erwarten Jugendliche und junge Erwachsene, dass Politik Rahmenbedingungen schafft, die sie in ihrem persönlichen Lebensvollzug unterstützen. Großteils geht es ihnen weniger um weltanschauliche Grundsatzfragen, sondern um eine für den persönlichen Lebensvollzug relevante Sachpolitik. Wobei aus Sicht junger Bürger/-innen gilt: Gute Sachpolitik ist Sachpolitik, die mich betrifft, die mir bessere Chancen sichert und die für mich persönlich von Nutzen ist. Vor allem in Wahlkampfzeiten lebt Politik auch sehr stark von Personalisierung. Das heißt, diejenigen, die Politik repräsentieren, stehen klar im Vordergrund. Sympathisches Auftreten, Jugendlichkeit als Image-Wert, ein passender Kleidungsstil, eine gewisse Lockerheit im persönlichen Umgang – all das kommt gut an. 

Das Verhältnis der Millennials zur Politik bleibt dennoch schwierig. Festmachen lässt sich dies an drei Trendszenarien:

  • Trendszenario 1 „Es lebe die Postpolitik“: Ideologische Grundsatzdebatten verlieren immer mehr an Bedeutung. Meinungsbildung orientiert sich nicht mehr am besseren politischen Argument, Politik wird in einem weitgehend ideologiefreien Raum verortet und hat nicht mehr den Anspruch, Gesellschaft zu gestalten, sondern verwaltet Bedürfnisse der Bürger/-innen und wird von diesen primär als Dienstleistung gesehen. Wählen gilt hier als Staatsbürger/-innenpflicht und die Jungen kommen dieser Pflicht auch nach. Mit Wählen verbinden sie weniger die Chance, vermittelt über die eigene Stimme ein weltanschauliches Statement abzugeben, sondern etwas, was man halt tut, und bevor man es nicht tut, wählt man das kleinere Übel. Dass in diesem Szenario wenig Platz für Engagement oder Protestenergie ist, muss man kaum eigens betonen.
  • Trendszenario 2 „Protestieren in der Blase“: Protestrelevante Themen werden immer seltener auf der großen politischen Bühne verhandelt. Selbst junge Protesteliten agieren oftmals nach dem Motto „Macht ihr, was ihr wollt, wir machen unser eigenes Ding!“ und meiden konfrontative Strategien. Kritisch-politisches Denken zieht sich immer öfter in Blasen zurück. Gleichgesinnte und lebensstilistisch weitgehend gleich Orientierte bleiben unter sich, anstatt die Konfrontation zu suchen. Politisches Engagement wie auch Protest passieren themenbezogen, spontan und zeitlich befristet. In postmaterialistischen jungen Bildungseliten lässt sich eine neue Kultur der Eventisierung von Engagement und Protest beobachten, der gelebte Aktivismus wirkt hier allerdings selten nachhaltig. Das gilt auch für die bei Jugendlichen populären Formen des Online-Engagements – angefangen bei simplen „Likes“ bis zu Online-Petitionen. Linksliberale, bildungsnahe Jugendmilieus kultivieren darüber hinaus politisch korrekten Konsum als Statement, freilich um nach der Konsumhandlung wieder zur Tagesordnung in weitgehend politikfreien Alltagsbereichen überzugehen.
  • Trendszenario 3 „Abwählen ist das neue Wählen“: Vor allem in unzufriedenen und überdurchschnittlich verunsicherten Jugendmilieus sind Ressentiments gegenüber dem politischen Establishment ausgeprägt. Artikuliert werden sie u.a. am Wahltag bei der Stimmabgabe: Die Wähler/-innenstimme wird hier nicht so sehr als Statement für, sondern als Stimme gegen etwas eingesetzt, vor allem von Jugendlichen aus benachteiligten Milieus und all jenen, die sich als Velierer/-innen der gesellschaftlichen Modernisierungs- prozesse sehen. Gerade diese Gruppen artikulieren auch vergleichsweise stark die Forderung nach mehr direkter Demokratie, wobei man dies nicht als erhöhte Partizipationsbereitschaft und politischen Gestaltungswillen verstehen sollte, sondern als Kritik an der repräsentativen Demokratie, die insbesondere jene vorbringen, die sich politisch nicht angemessen repräsentiert fühlen.

Das politische Interesse der Jugend schwankt übrigens stark: Vor Wahlen steigt das Interesse an Politik, junge Menschen lassen sich von den medialen Dynamiken der Wahlkampfdebatte anstecken. Nach den Wahlen flaut das Interesse meist wieder ab und für die Mehrheit der Jugendlichen treten andere Alltagsthemen in den Vordergrund. Was bleibt, ist, dass Politik in wichtigen Zukunftsfragen als eher ratlos erlebt wird. Dies führt jedoch nicht etwa dazu, dass sich junge Menschen stärker in die politische Debatte einmischen, sondern es fördert eher den Rückzug in Blasen der privaten Harmonie. Die Zugänge der Millennials zu Politik sind zwar unterschiedlich. Und die Erwartungen, die sie an Politik haben, differieren abhängig vom sozialen Milieu. Und doch zeigt sich im Verhältnis der Jungen zu Politik ein verbindendes Element: Junge Menschen sind in ihrem Alltag so gefordert, dass die breite Mehrheit nicht den Anspruch hat, stärker aktiv zu werden und selbst politisch mit- oder gar umzugestalten. Dafür fehlen nicht nur Motivation und Interesse, sondern vor allem auch Zeit und Energie.

generationlab

Das im Sommer 2016 vom österreichsichen Institut für Jugendkulturforschung ins Leben gerufene generationlab verknüpft Jugendforschung mit Generationenforschung und rückt neben Werten und Lifestyles Fragen zu einer generationengerechten Politik sowie Zukunftsszenarien für das Miteinander der Generationen in den Mittelpunkt. Die Angebote reichen von Forschung bis Fortbildung und Beratung auf Basis fundierter Inter-Generationenanalyse. Weitere Informationen stehen im Newsarchiv des generationlab zur Verfügung. 

Über die Autorin 

Dr. Beate Großegger ist Mitbegründerin und stv. Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und leitet seit 2001 die Forschungsabteilung des Instituts. Sie ist seit 1996 in der angewandten Sozialforschung und seit 2002 darüber hinaus als Lektorin in der akademischen Lehre tätig. Weitere  Informationen und Kontakt finden sich auf den Seiten des Instituts oder per Mail: ‎bgrossegger@DontReadMejugendkultur.at

Der  Expert-Flash im Original (PDF 143 KB) steht ebenfalls auf der Website des Instituts zur Verfügung. 

Quelle: Institut für Jugendkulturforschung, Dr. Beate Großegger 

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