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Bertelsmann-Stiftung

Viele Staaten sind schlecht für Krisen vorbereitet

Ein Journalist mit rotem Mund-Nase-Schutz steht auf einem Platz mit Springbrunnen vor einer großen Menge von Anti-Corona-Demonstranten, fast alle ohne Maske.
Bild: Ehimetalor Akhere Unuabona – unsplash.com

Nachlassendes Wachstum, Rückschritte bei der Nachhaltigkeit, steigendes Armutsrisiko, Demokratien unter Druck und schwindende Reformfähigkeit. Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zur Regierungsführung zeigt: Viel zu viele OECD- und EU-Staaten sind schlecht gewappnet für eine Krise wie die Coronapandemie.

Früher war alles besser? Das gilt nicht einmal für die Zeit vor Corona, wie die Analyse von Christof Schiller und Thorsten Hellmann zeigt. Die Governance-Experten haben 41 OECD- und EU-Staaten daraufhin untersucht, wie gut sie gerüstet waren, als die Pandemie losbrach. Das Ergebnis ist alarmierend: Viele Staaten blieben bereits vor der Coronakrise überzeugende Antworten auf Herausforderungen wie Digitalisierung, Umgang mit knappen Ressourcen, Klimawandel, Ungleichheit und steigende Polarisierung schuldig. Datenbasis der Analyse sind die Sustainable Governance Indicators (SGI), die jährlich die Nachhaltigkeit der Politikergebnisse, die Robustheit der Demokratiestandards und die Qualität der Regierungsführung der Industriestaaten beurteilen.

„Die Staaten stehen an sehr unterschiedlichen Punkten auf ihrem Weg zu nachhaltiger und vorausschauender Politikgestaltung“, resümiert Christof Schiller, SGI-Projektleiter. Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 habe sich der Reformstau teils drastisch verschärft. „Falls nicht entschlossen und gemeinsam gegengesteuert wird, wird die Krise diese Unterschiede nur weiter vertiefen.“

Coronakrise erhöht Armutsrisiko

Schon vor der Pandemie hatte in vielen Staaten die Wachstumsdynamik deutlich nachgelassen. Während die deutsche Wirtschaft zwischen 2009 und 2019 um durchschnittlich 1,3 Prozent pro Jahr wuchs, lag das Bruttoinlandsprodukt 2019 in Italien, Griechenland und Zypern pro Kopf noch unter dem Niveau von 2008. Insgesamt gelang es nur wenigen Staaten, eine dynamische Wirtschaftsleistung mit Ressourcenschonung und einer zukunftsorientierten Forschungs- und Innovationspolitik in Einklang zu bringen.

Trotz Beschäftigungswachstum profitierten in vielen Ländern nicht alle Gruppen gleichermaßen vom Aufschwung. So lag das Armutsrisiko vor der Coronakrise in etwa der Hälfte der 41 untersuchten Industriestaaten höher als im Jahr 2013, dem Höhepunkt der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Damit aus der Beschäftigungskrise keine soziale Krise wird, mahnt Thorsten Hellmann: „Die Industriestaaten sollten alles in ihrer Macht Stehende tun, um finanzielle Unterstützung für die von der Krise am stärksten Betroffenen zu gewährleisten.“

Reformkapazitäten der Staaten sind sehr unterschiedlich ausgeprägt

Wenig hoffnungsfroh stimmt, dass sich vielerorts die Steuerungsfähigkeit der Regierungen verringert hat. In einer Mehrheit von insgesamt 26 Ländern kam es zu Stillstand oder weiteren Verschlechterungen. In 17 von 41 Staaten wurden im Jahr 2019 unabhängige Experten entweder nie oder wenig systematisch in die Politikformulierung einbezogen. Zentral für die Qualität der nun anstehenden Krisenreaktion ist auch die Beteiligung wichtiger gesellschaftlicher Gruppen. In 13 Staaten war diese Form des inklusiven Regierens vor der Krise nicht gegeben. Besorgniserregend ist, dass die Fähigkeit von Regierungen, ihre selbst formulierten Ziele zu erreichen, seit 2013 vielerorts abgenommen hat.

Wirtschaftliche und soziale Krisen gelten als gefährlicher Nährboden für den Aufstieg von Antidemokraten. Schon vor der Pandemie zeigte sich, dass die EU- und OECD-Länder keineswegs immun sind gegen die Aushöhlung demokratischer Standards. Von den 41 untersuchten Staaten haben sich in 24 Ländern die demokratischen Standards verschlechtert im Vergleich zum Jahr 2013. In der Türkei, Ungarn, Mexiko, Rumänien sowie Polen sind demokratische Normen und Institutionen bereits massiv beschädigt. In Bulgarien, Japan, Kroatien, den USA, Island, den Niederlanden, Australien und Israel war die Demokratie vor der Krise bereits stark unter Druck.

In vielen Ländern ist es Populisten zudem gelungen, politische und gesellschaftliche Gräben weiter zu vertiefen und das Vertrauen in eine Politik, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, zu erschüttern. In 19 von 41 Staaten war das Ausmaß der politischen Polarisierung bereits vor der Krise ein großes Hindernis für eine nachhaltige Politikgestaltung. „Ohne eine breite gesellschaftliche Unterstützung und Vertrauen in die Krisenreaktion der Regierung wird selbst den besten Ideen die nötige Zugkraft fehlen, um sich in der Praxis durchzusetzen“, warnen die Autoren.

Download

Die Publikation "Ungleiche Ausgangsbedingungen für erfolgreiches COVID-19-Krisenmanagement. Die COVID-19-Krise im Lichte der Ergebnisse der SGI 2020" (21 Seiten, PDF 2,6 MB) steht auf den Seiten der Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) zum Download zur Verfügung.

Quelle: Bertelsmann-Stiftung vom 26.01.2021