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Nordmazedonien: Mit Engagement der Corona-Lethargie begegnen

Eine Person gestikuliert mit ihren Händen, auf dem Schreibtisch sind Gegenstände wie Kalender, Smartphone und Tablet zu sehen
Bild: Headway - unsplash.com

Drei Jugendliche aus Nordmazedonien berichten, wie sie mit Engagement der Corona-Lethargie begegnen. Mit ihrem Freiwilligenforum haben sie Jugendlichen online einen sicheren Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie ihre Gefühle und Meinungen in den letzten Monaten ausdrücken konnten. In seiner Artikelserie „Jugend im Shutdown“ stellt das Pressenetzwerk für Jugendthemen (pnj) ihre Geschichten vor.

Youth Alliance Krusevo (YAK) ist eine Organisation, die kontinuierlich am Empowerment und an der Engagementförderung für Jugendliche arbeitet. Während der neuen „Normalität“, wie sie sagen, haben sie einen Weg gefunden, wie man die Jugendlichen aus Nordmazedonien unterstützen kann. Zusammen mit ihrem Freiwilligen-Forum haben sie – ganz auf die Bedürfnisse der jungen Menschen zugeschnitten – ihre Aktivitäten sehr schnell in den „Online“-Raum verlagert und damit Jugendlichen eine „sichere Zone“ zur Verfügung gestellt, in der sie während des Shutdown ihre Gefühle und Meinungen ausdrücken konnten.

Die Jugendlichen können die treibende Kraft zur Lösung sein

Gemeinsam mit ihren jüngsten Freiwilligen Fani, Trajce und Igor hat das YAK-Team die Online-Debatten für 178 junge Menschen direkt in den virtuellen Raum auf der Zoom-Plattform umgelenkt. Insgesamt konnte die Organisation auf diese Art und Weise bislang mehr als 10.000 junge Menschen durch die Veröffentlichung der Diskussion über ihre sozialen Netzwerke erreichen. Dabei haben sie sich während der Online-Veranstaltungen auf wichtige Themenblöcke konzentriert: Bildung in der neuen Normalität, Beteiligung der Jugend an der neuen Normalität und Jugend(un)beschäftigung in der neuen Normalität. Die von den Jugendlichen während der Veranstaltungen gesammelten Schlussfolgerungen und Empfehlungen wurden den Entscheidungsträgern, internationalen Organisationen, Partnerorganisationen, Medien und Bildungseinrichtungen zugesandt.

Das Hauptziel von YAK während der Covid-19-Krise ist es, die jungen Menschen nicht zurückzulassen. Denn sie sind nicht das Problem der Krise, sie können die treibende Kraft zur Lösung sein.

Youth Alliance Krusevo – YAK wünscht viel Spaß beim Lesen der Geschichten der drei Freiwilligen. Sie sind Ausdruck der Wahrnehmungen und der Meinungen „ihrer jungen Kraft der Hoffnung“.

Fani Angeleska

Hallo! Ich bin Fani Angeleska aus Nordmazedonien und arbeite auf folgendem Gebiet: NGO-Sektor, Verwaltungsassistentin in der Youth Alliance Krusevo.

So fühle ich mich persönlich im Frühjahr 2020: Ich habe verwirrende Gefühle, aber ich versuche, positiv zu sein.

So hat sich mein Alltag durch die Pandemie verändert: Mein soziales Leben ist auf einem Minimalniveau, wenn man bedenkt, dass ich vorher ein sehr aktives soziales Leben hatte.

In dieser Covid-19-Situation zu sein, hat uns veranlasst, über viele Dinge nachzudenken. Als junger Mensch würde ich gerne sagen, dass ich es hasse, wenn die Grenzen geschlossen werden. Ich hasse Online-Prüfungen und ich hasse diese Art zu leben. Aber ich kann mich nicht so fühlen und so nachlässig und egoistisch sein. Das Bewusstsein ist in diesem Moment sehr wichtig, und die Einschränkungen müssen wir nun mal respektieren.

Schwierige Situation vor allem für junge Menschen

Während der Pandemie hat sich in Nordmazedonien viel verändert. Die Situation ist schwierig, vor allem für die jungen Leute, die lernen und studieren, die große Veränderungen im Bildungsprozess durchmachen. Viele junge arbeitende Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren.

Die Schulen kommunizieren online mit ihren Schülern. Es gibt Lehrer, die ihren Unterricht gut machen und sich bemühen, online-tools wie Zoom oder das schul- und universitätseigene online-System zu nutzen. Aber die meisten dieser Programme sind nicht sehr hilfreich und funktionieren nicht gut.

Meiner Meinung nach ist diese Art des Studiums nicht erfolgreich, und die online-Lektionen und Prüfungen funktionieren nicht so, wie sie sollten. Das System stürzt ständig ab, einige Professoren geben nicht einmal online-Unterricht. Entsprechend sind die Studenten auf sich allein gestellt, wenn sie die am besten geeignete Art und Weise des Studiums finden wollen – mit Büchern oder mit Hilfe des Internets.

Nicht viel Unterstützung für Jugendliche und ihre Unterstützung

Die „neue“ Freizeit verbringen die jungen Leute damit, für sich selbst auf Instagram zu werben, indem sie Bilder mit den Aktivitäten veröffentlichen, die sie gerne machen, wie z.B. trainieren, wandern, Bücher lesen und alles tun, was sie nicht tun konnten, als sie keine Zeit hatten. Viele von ihnen verbringen ihre Zeit mit Social Media oder spielen Videospiele. Und leider gibt es auch junge Menschen, die ständig trinken, deprimiert sind und mit der Situation nicht sehr gut zurechtkommen.

Es gibt nicht viel Unterstützung für Jugendliche, die ihnen helfen und ihre Zukunft in der Pandemie und darüber hinaus sichern kann. Die Regierung hat einige Maßnahmen für junge Menschen organisiert, die ihren Arbeitsplatz verloren haben: Sie sichert sie mit einem Mindestlohn für die nächsten zwei Monate ab. Und es gibt auch eine minimale finanzielle Hilfe für die Studenten. Aber es gibt keine Programme, die ihre Arbeitsplätze garantieren, insbesondere nicht für junge Menschen, die im Gastgewerbe und in Privatunternehmen arbeiten.

Internationale Jugendarbeit fast vollständig zu erliegen gekommen

Zudem ist die internationale Jugendarbeit fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die gesamte Arbeit und Kommunikation wurde auf online umgestellt. Alle arbeiten an Vorschlägen, wie die Arbeit mit innovativen Werkzeugen und neuen Wegen zur Umsetzung internationaler Aktivitäten fortgesetzt werden kann.

Schließlich versuchen wir, wie oben erwähnt, den Trends zu folgen und unsere physischen Aktivitäten online zu verlagern, aber die Situation ist sehr verwirrend. Einige Programme haben sich ins Internet verlagert, andere nicht. Wir wissen nicht wirklich, wo wir mit der Art und Weise, wie wir online arbeiten oder studieren, stehen.

Die neue „Normalität“ ist sehr herausfordernd, aber es ist an der Zeit, sich daran zu gewöhnen und mit unseren täglichen Aktivitäten fortzufahren.

Trajce Ilioski

Hallo zusammen! Ich bin Trajce Ilioski aus Prilep, Nordmazedonien. Zurzeit bin ich Schülerin am Gymnasium Mirce Acev. Ich bin jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, 18 Jahre alt, Freiwillige in der Youth Alliance Krusevo.

Wegen des Corona-Ausbruchs ist alles anders als sonst

Dieses Jahr ist aufgrund des Corona-Ausbruchs alles anders als sonst. Wir haben derzeit einen Lockdown, der von 19.00 Uhr bis 5.00 Uhr morgens dauert. Das ist eigentlich ein eine ziemlich gute Art des Umgangs mit dem Virus. Außerdem sind alle Restaurants und Cafés bis auf weiteres geschlossen. Die Schulen sind seit zwei Monaten geschlossen – eine Öffnung ist zurzeit nicht in Sicht. Aber wir haben Online-Unterricht zu einigen wenigen Themen. Für die anderen Themen schicken die Schulen uns Material, über das wir dann eine Präsentation machen müssen. Die Schulen kommunizieren mit den Schülern über Messenger, Online-Meeting-Programme und andere soziale Medien. Sie verwenden auch Zoom, um neues Material zu präsentieren, das wir lernen können.

Jugendliche beginnen neue Aktivitäten und Engagement

Meine Mitschülerinnen und Mitschüler beginnen teilweise mit ganz neuen Angewohnheiten, um sich zu Hause nicht zu langweilen. Dazu gehören kochen, Videospiele spielen, Serien und Filme anschauen, Bücher lesen und derlei mehr.

Ich selbst habe mit ehrenamtlichem Engagement für die Youth Alliance Krusevo begonnen. Die Jugendorganisationen arbeiten im Moment ununterbrochen über Online-Plattformen. Zusammen mit dem YAK-Team, und meinen Kollegen hatten wir so die Gelegenheit statt Netflix zu schauen, unsere Zeit produktiv zu verbringen und Themen zu diskutieren, die uns am Herzen liegen. Einige dieser Themen sind: Erfolg ohne Korruption, Highschool-Gespräche während des Ausnahmezustands, neue und zeitgemäße Arbeitsplätze.

Igor Stojov

Mein Name ist Igor Stojkov und ich bin 18 Jahre alt. Ich bin zurzeit Schüler der High School im Staat New Hampshire in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich komme aus Nordmazedonien und studiere für dieses Jahr im Ausland.

Auslandsjahr in den USA

Jeder US-Bundesstaat hat seinen eigenen Gouverneur und damit auch ganz eigenen Einschränkungen bezüglich des Coronavirus. In meinem Bundesstaat gilt seit Mitte März eine „stay-at-home“-Ordnung - ich gehe also nur für das Nötigste nach draußen. Obwohl diese Regelung eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit bedeuten sollte, gibt es keine Vorschriften oder Gesetzesvollstreckungen, die die Menschen daran hindern, einfach nach draußen zu gehen und zu tun, was sie wollen.

Die Schulen sind seit dem 16. März geschlossen, und sie werden dieses Halbjahr nicht wieder eröffnet. Es wird auch viel darüber gesprochen, das Homeschooling im Herbst oder bis zum Ende des gesamten Jahres 2020 fortzusetzen. Es gibt Online-Plattformen wie Google Classroom, auf denen Lehrer ihre Unterrichtsmaterialien wie Artikel, Videos und andere Dinge veröffentlichen, so dass wir auf diesem Weg unsere Aufgaben erledigen können. Diese Methoden funktionieren großartig, obwohl die Menge der Arbeit manchmal überwältigend groß aussieht.

Homescooling mit Online-Plattformen und Sozialen Medien

Wie die meisten Schülerinnen und Schüler benutzen wir soziale Medien, um miteinander zu reden, und manchmal rufen wir uns auch über Zoom oder eine andere Plattform an. Die Lehrerinnen und Lehrer haben großes Verständnis für die Situation aller und geben uns mehr Zeit, unsere Aufgaben zu erledigen. Ich habe das Gefühl, dass die Schülerinnen und Schüler in diesem Land während dieser Pandemie wirklich viel durchmachen, weil sie psychische Probleme haben und kein soziales Leben führen.

Die Studenten in den USA nutzen diese Zeit natürlich auch, um Geld zu verdienen. Es ist leicht, jetzt sofort Arbeit in Firmen wie Walmart oder Target zu finden – man nutzt die Freizeit, um Geld für das College zu verdienen. Ich habe das Gefühl, es ist definitiv ein anderes Klima als in Europa, denn die jungen Leute hier müssen arbeiten, um aufs College gehen zu können. Da ich zudem ein Stipendium des US-Außenministeriums habe, weiß ich, dass viele Mitarbeiter in den Betreuungsorganisationen ihre Jobs verloren haben. Meiner Erfahrung nach interessiert sich die Regierung hier überhaupt nicht mehr für diese Jugendprogramme, und insgesamt bot sie keinerlei Hilfe in irgendeiner Form an.

Jugendliche müssen arbeiten, um sich Geld für das College zu verdienen

Wie ich schon sagte: Viele Schülerinnen und Schüler gehen im Moment arbeiten – und arbeiten sie in sehr riskanten Umgebungen, wo sie ständig dem Virus ausgesetzt sind. Es gab einen sogenannten „Stimulus“ über 1.200 Dollar für die meisten Bürger, der die Studenten aber nicht wirklich einschloss. Viele Menschen hatten Mühe, den Stimulus-Check zu bekommen, und vielen Studenten gelang es nicht, den Check zu bekommen. Viele College-Studenten waren gezwungen, den Campus zu verlassen, und sie bekamen die Rückerstattung für die Gebühren des Frühlings-Semesters nicht. Das war für viele von uns extrem schwierig, da wir bereits einen hohen Geldbetrag für den Aufenthalt und die Verpflegung für diese etwa drei Monate bezahlt haben. Meine Entsende-Organisation versucht derzeit, Studenten in ihre Heimatländer zurückzuschicken – aber für Nordmazedonien hat das bislang noch nicht geklappt.

Einige Worte über mich:

Ich bin definitiv in vielerlei Hinsicht von dem Virus betroffen. Erstens durch die weitreichende Zerstörung meiner Erfahrungen im Austauschjahr. Während meines Aufenthalts hier erhielt ich ein Stipendium des US-Außenministeriums für einen Besuch in Washington DC und später auf Hawaii, um mehr über die amerikanische Regierung und das politische System zu erfahren. Das sollte eine lebenslange Erfahrung für mich sein, aber leider konnte ich sie wegen des Coronavirus nicht wahrnehmen.

Ich war sehr aktiv und aufgeregt, mehr über das Leben hier im Allgemeinen zu erfahren – aber das Corona Virus hat meinen Alltag definitiv verändert, da ich nun schon zwei Monate zu Hause bleiben musste. Ich freue mich darauf, die Welt in der Zeit nach dem Corona Virus zu sehen, und ich hoffe, dass sich verbessert. Im Jahr 2021 möchte ich lesen, dass es einen Impfstoff gegen das Virus gibt, und dass Regierungen der reicheren Länder Geld für die Bekämpfung des Klimawandels ausgeben.

Ich habe das Gefühl, dass inzwischen jeder eine Art Unbehagen und vielleicht auch psychische Probleme entwickelt – und das beunruhigt mich sehr, weil ich das auch an mir selbst beobachte. Was auch immer passiert: Ich hoffe, dass die Menschen auf der Welt gemeinsam die Krise bewältigen. Und dass man aufhören zu versuchen, uns zur Normalität zurückzubringen, denn die Normalität hat es nie gegeben. Ich glaube fest daran, dass das einzig Positive an Corona, die Sichtbarkeit der Probleme der Welt ist: Wirtschaftliche Ungleichheit, notwendige Gesundheitsreformen, Klimawandel und die Bedeutung der Jugend.

Ich glaube, dass wir eine bessere Welt aufbauen werden, aber ganz bestimmt keine "normale" Welt!

Der Beitrag wurde von Biljana Stojceska und dem YAK-Team zusammengestellt und von Jörg Wild für das Pressenetzwerk für Jugendthemen (pnj) bearbeitet. In seiner Serie „Jugend im Shutdown“ beleuchtet das pnj die Situation junger Menschen in unterschiedlichen Ländern der Welt sowie in deutschen Jugendszenen. Eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findet sich unter: www.pressenetzwerk.de/jugend-im-shutdown/

Quelle: Pressenetzwerk für Jugendthemen e.V.

Der Beitrag „Nordmazedonien: Viruelles Engagement“ wurde vom Pressenetzwerk für Jugendthemen e.V. erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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