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Europa / Kinder- und Jugendarbeit

Europäische Konferenz Regaining Europe – Was Jugendarbeit für die Zukunft Europas tun kann

Hände von Erwachsenen unterschiedlicher Herkunft halten EU-Fähnchen hoch.
Bild: © Rawpixel - fotolia.com

Die europäische Konferenz „Regaining Europe - The Role of Youth Work in Supporting European Cohesion“ ging vom 12. bis 15. März 2019 der Frage nach, wie die Zivilgesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger und die Jugendarbeit ein soziales, inklusives und demokratisches Europa stärken und unterstützen können. Gerade die EU-Programme Erasmus+ JUGEND IN AKTION und das Europäische Solidaritätskorps haben sich diese Ziele auf die Fahnen geschrieben. JUGEND für Europa fasst die Ergebnisse der Konferenz in einem Tagungsbericht zusammen.

Europas aktuell schwächelnder Zusammenhalt wird erkennbar an schwindender Solidarität, wachsendem Nationalismus und einer tiefgreifenden, sozialen und gesellschaftlichen Spaltung in und zwischen den Mitgliedstaaten. Diese Situation wird europaweit von Populisten und nationalistischen Kräften ausgenutzt. Das Chaos um den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ist das derzeit erschreckendste Beispiel dafür, was Populismus anrichten kann.

Dazu  diskutierten in Leipzig 55 Fachkräfte, fachliche und politische Entscheidungsträger/-innen aus Praxis, Forschung und Verwaltung sowie europäischen und internationalen Netzwerken der Jugendarbeit aus 22 Ländern aktiv über ihre möglichen Beiträge zur Zukunft Europas und zu einem neuen europäischen Narrativ.

Ein solches Narrativ könnte, so ein im Vorfeld der Konferenz veröffentlichtes Diskussionspapier, durch eine lebendige, von internationalem Austausch geprägte Debatte über europäische Werte und gelebtes zivilgesellschaftliches Engagement entstehen. Jugendarbeit sei in einer besonderen Verantwortung als Schnittstelle zwischen der zukünftigen Generation und der Politik, sie solle sich stärker in die Politikgestaltung einbringen.

Darauf konnten sich auch die Teilnehmenden und Experten einigen. Dies ist umso mehr als Erfolg zu werten, da einige Teilnehmer aktive, politische Bürgerschaft sehr deutlich als Teil von Youth Work gesehen haben, andere wiederum ihre Position unterstrichen, dass Youth Work nicht instrumentalisiert und politisiert werden sollte. Doch, und da waren sich alle Anwesenden einig, was gibt es an einer lebendigen politischen Kultur und Jugendarbeit im Austausch mit anderenLändern schon auszusetzen?

Þóra Pálsdóttir, von The Icelandic Boy and Girl Scout Association – Skátamál aus Reykjavík, war im Vorfeld überrascht über die politische Thematik der Konferenz, fügte jedoch hinzu wie wichtig für Island die Beziehung zu Europa sei. Politische Jugendarbeit könne zur politischen Bildung beitragen, aber „als Jugendarbeiterin spricht man zwar mit jungen Menschen darüber, wie wichtig Wahlen sind oder welche Parteien es gibt, aber die eigene Meinung wird nie gesagt.“

Interessant wird es in der demokratischen Diskussion dort, wo es zu konfliktbehafteten Auseinandersetzungen kommt. Und konfliktbehaftet wurde es an den Stellen, an denen einzelne Teilnehmende die geforderten Maßnahmen mit ihren individuellen Alltagsrealitäten abglichen.

Jugendliche, die Probleme haben, ihren Alltag zu bewältigen, interessieren sich nicht für Europa

„Wenn wir über Demokratie und Teilhabe sprechen, passiert das aus einer sehr privilegierten Position heraus. Ich arbeite im Projekt „Outreach Youth Work“ mit Schulabbrecherinnen und Schulabbrechern, und jungen Menschen ohne Ausbildung und Job, so Heini Hakulinen aus Helsinki. Die Jugendlichen kämpfen damit, ihren Alltag zu meistern, sie können mit Europa, Partizipation und Demokratie nichts anfangen, haben keinen Zugang zu bestimmten Informationen, können sich keine kritische Meinung bilden, sind leicht instrumentalisierbar von populistischen Gruppen.“

Wie können europäische Förderprogramme wie Erasmus+ JUGEND IN AKTION und das Europäisches Solidaritätskorps diesem Problem begegnen und Jugendliche einbeziehen, denen der Zugang zu solchen Angeboten fehlt? Sebastian Bock vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) schlägt vor: „Förderprogramme müssen sich um diese Jugendlichen und deren Beteiligung besonders Gedanken machen, auf sie zugehen, anstatt andersherum. Erasmus+ bedient aktuell eher die oberen Zehntausend.“ Stattdessen müsse man den Fokus noch mehr auf Einrichtungen der kommunalen Jugendhilfe setzen und auf persönliche Ansprache. Strukturell gesehen bräuchte es eine Umverteilung im großen Stil, so Bock weiter, denn fehlende materielle Ressourcen erschwerten die politische Partizipation.

Um europäische Jugendförderprogramme zu nutzen, braucht es strukturelle Jugendhilfeförderung im Hintergrund

Ein anderes Problem sieht Gabriel Brezoiu, Generaldirektor der Organisation „Group of the European Youth for Change“ (GEYC) aus Rumänien: „Der Jugendarbeit wird in Rumänien nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet. Das Ministerium für Jugend und Sport stellte im Jahr 2019 ein Gesamtförderbudget für alle Jugendorganisationen (nationale und lokale Projekte) in Höhe von weniger als 1,1 Mio. Euro zur Verfügung.“ Um europäischen Austausch in die Jugendarbeit zu integrieren, braucht es zusätzliche Fördermittel wie Erasmus+ JUGEND IN AKTION. Doch sind die Antragsverfahren nicht einfach und brauchen strukturelle Förderung im Hintergrund oder ehrenamtliches Engagement der Fachkräfte.

Und so drehen sich die Diskussionen im Kreis: Politische Bildung und Jugendarbeit können viel bewirken, wenn es um gesellschaftliche Integration geht. Probleme wie Verteilungsungerechtigkeit, Bildungsungerechtigkeit oder fehlende infrastrukturelle Anbindung kann die Jugendarbeit nicht lösen – zumindest nicht allein. Es braucht, und auch das legte das Diskussionspapier nahe, ressortübergreifende Zusammenarbeit: Jugendarbeit muss sich in vielen verschiedenen Feldern stark machen.

Vladimir Kharchenko, ehemaliger Vorsitzender des National Youth Councils of Russia schlägt darum vor, dass kommende Konferenzen dieser Art mehrteilig angelegt sein und andere Sektoren wie Wirtschaft, Finanzen, Umwelt, Arbeitspolitik, Gesundheit einbeziehen sollten. „Am Ende der Konferenzen könnte es ein großes, gemeinsames Abschlussevent geben, bei der die Ergebnisse in die jeweiligen Ressorts gestreut werden“, so Kharchenko.

„Menschenrechte werden von der EU täglich mit Füßen getreten“

Auch die Diskussion um europäische Werte und Menschenrechte zeigte sich als eine konfliktbehaftete: „Europa steht nicht unbedingt für die Einhaltung der Menschenrechte: Vor unseren Augen werden sie täglich mit Füßen getreten“, so Prof. Dr. Maria Pisani von der Universität Malta im Workshop „Migration“ und in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der EU. Hier war man sich einig, dass sich „Citizenship“ / Bürgerschaft / Bürger- und Menschenrechte zu einem Luxusgut entwickelt haben und besonders Geflüchtete daran keinen Anteil hätten. Die Teilnehmenden des Workshops wollten beim Thema EU-Flüchtlingspolitik jedoch nicht resignieren: „Auch wenn wir an der großen Politik so schnell nichts ändern, können wir doch etwas tun“, so Suvi Autiosaari, die in Tampere mit geflüchteten Jugendlichen arbeitet. Inge Linne von JUGEND für Europa sprach sogleich die Initiative der Oberbürgermeister von Bonn und Düsseldorf, und der Oberbürgermeisterin von Köln an, welche mehr Geflüchtete, und speziell Bootsflüchtlinge, in ihre Kommunen integrieren wollten. In diesem Fall hätten sie unabhängig von der übergeordneten Flüchtlingspolitik gehandelt und damit ein Zeichen gesetzt.

Blicke von außen und Perspektivwechsel geben doch Grund zu Optimismus

Aus einer Außenperspektive der Referentinnen und Referenten aus Benin, Russland, Tunesien und der Türkei schnitten die politische Diskussion und die Jugendarbeit in Europa dann aber doch ganz gut ab. „Das Diskussionsniveau in der europäischen Jugend- und Integrationspolitik ist sehr hoch und wir können nicht erwarten, dass sich mit einer solchen Konferenz sogleich etwas ändert, es ist ein Prozess“, so Vladimir Kharchenko aus Russland.

Pamela Urchelle Akplogan aus Benin, Mitglied des African Union Youth Advisory Council, lobte die Verbesserungen in der Zusammenarbeit zwischen EU und der Afrikanischen Union: „Man kann nicht über die EU oder Europa sprechen, ohne über die Afrikanische Union oder Afrika zu sprechen. Und wenn wir über Afrika sprechen, haben wir es in der Mehrzahl mit jungen Menschen zu tun. Da ist in den letzten Jahren viel passiert, die Diskussionen laufen mittlerweile viel mehr auf Augenhöhe.“

Khaled Louichi, Vorsitzender des Mediterranean Observatory on Youth and Society aus Tunesien, ist überzeugt, dass man bei der Integration der 22 Länder in die Arabische Liga viel von Europa lernen könne: „Die Diskussionen und Prozesse sind sehr partizipativ“, so Louichi.

Und auch Prof. Dr. Özgehan Senyuva von der Middle East Technical University in Ankara ist zuversichtlich: „Die Jugendarbeit steht vor riesigen Herausforderungen, gut dass wir darauf besser vorbereitet sind und bessere Ressourcen mitbringen als je zuvor.“

Es kommt also schlussendlich immer auf die Perspektive an. Um Probleme wie Renationalisierungstendenzen und schwindende Solidarität in Europa zu lösen, lohnt es sich, die eigene Perspektive ab und an zu verlassen. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel kann durch Jugendarbeit, internationalen Jugendaustausch und politische Bildung nachweislich besonders gut vermittelt und trainiert werden. Und darum bleibt es auch bei der Ausgangsthese zur Konferenz: Wir brauchen mehr, professionellere und besser finanzierte Jugendarbeit und politische Bildung, wenn wir das „Projekt Europa“ bewahren wollen.

Der Anfang ist gemacht und auch die europäische Konferenz Regaining Europe selbst hat einen Teil dazu beigetragen, Brücken zu bauen für mehr Zusammenhalt. Die verschiedenen Sichtweisen auf die Jugendarbeit, aus Afrika (Benin, Marokko, Tunesien), aus der Türkei, aus der EU (Belgien, Bulgarien, Deutschland, Finnland, Irland, Italien, Rumänien, Ungarn, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Portugal, Vereinigtes Königreich / Großbritannien, Zypern) sowie aus Island und der Russischen Föderation,  haben einen aktiven und offenen Austausch ermöglicht.

Detaillierte Information zur Konferenz und zum Projekt Regaining Europe finden sich auf den Projektseiten von JUGEND für Europa. Die Meldung „Europäische Konferenz Regaining Europe – Was Jugendarbeit für die Zukunft Europas tun kann“ wurde ebenfalls bei JUGEND für Europa veröffentlicht und steht auch dort zur Verfügung. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

Quelle: JUGEND für Europa

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