Sie sind hier: Startseite  Im Fokus  Europa

Europa / Kinder- und Jugendschutz

EU-Drogenmarktbericht 2019: Europäer geben jährlich 30 Milliarden Euro für Drogen aus

Neben einer brennenden Zigarette im Aschenbecher steht ein Glas mit einem alkoholischen Getränk, liegen zahlreiche Tabletten, Drogen und diverse Spritzen.
Bild: © monticellllo - fotolia.com

Mindestens 30 Milliarden Euro gibt die europäische Bevölkerung jedes Jahr für Drogen aus. Das geht aus dem EU-Drogenmarktbericht 2019 hervor, der von der EU-Drogenbeobachtungsstelle und der EU-Polizeibehörde Europol veröffentlicht wird. Demnach wird der rasch wachsende Drogenmarkt immer globaler, vernetzter und digitaler.

Laut EU-Drogenmarktbericht ist der Drogenmarkt die Haupteinnahmequelle für kriminelle Organisationen in der Europäischen Union. Anlass zu wachsender Besorgnis gibt die Zunahme drogenbedingter Gewalt und Korruption in der EU, warnt Alexis Goosdeel, Direktor der EU-Drogenbeobachtungsstelle.

Drogenbekämpfung in allen Aspekten stärken

Dimitris Avramopoulos, EU-Kommissar für Migration, Inneres und Bürgerschaft, erklärte: „Organisierte kriminelle Vereinigungen ergreifen schnell neue Gelegenheiten, um sich finanzielle Vorteile zu verschaffen. Sie nutzen zunehmend technische und logistische Innovationen, um ihre Aktivitäten über internationale Grenzen hinweg auszuweiten. Gleichzeitig haben europäische Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt leichter Zugang zu Drogen, häufig über soziale Medien und das Internet. Der aktuelle Bericht belegt erneut, dass der illegale Drogenmarkt nach wie vor eine Bedrohung für die Gesundheit und die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger darstellt. Wir werden weiterhin unermüdlich mit unseren Mitgliedstaaten und internationalen Partnern zusammenarbeiten, um die Drogenbekämpfung in all ihren Aspekten zu stärken – für unsere Jugend, unsere Bürgerinnen und Bürger, unsere Gesellschaft.“

Ganzheitlicher Ansatz für eine wirksame Drogenkontrollpolitik

Der Bericht zeigt Trends entlang der Lieferkette von Produktion und Handel bis hin zu Vertrieb und Verkauf auf. Etwa zwei Fünftel des konsumierten Gesamtvolumens (39 Prozent) entfallen laut Bericht auf Cannabis, 31 Prozent auf Kokain, 25 Prozent auf Heroin und 5 Prozent auf Amphetamine und Ecstasy (MDMA). Die strategische und maßnahmenorientierte Analyse kombiniert Daten aus dem Drogenüberwachungssystem der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) mit operativen Erkenntnissen von Europol im Bereich der organisierten Kriminalität. In dem Bericht wird beschrieben, welche weitreichenden Auswirkungen der Drogenmarkt auf Gesundheit und Sicherheit hat und weshalb ein ganzheitlicher Ansatz für eine wirksame Drogenkontrollpolitik von entscheidender Bedeutung ist.

Verfügbarkeit von Drogen in Europa ist „sehr hoch“

Aus den jüngsten Daten geht hervor, dass die allgemeine Verfügbarkeit von Drogen in Europa nach wie vor „sehr hoch“ ist und Konsumierende Zugang zu einer großen Vielfalt von Produkten mit hohem Reinheitsgrad und hoher Wirksamkeit haben, während die Preise konstant bleiben oder sinken. Ein wichtiges Querschnittsthema im Bericht sind die Umweltauswirkungen der Drogenproduktion, einschließlich Waldrodung und Entsorgung chemischer Abfälle, die zu ökologischen Schäden, Sicherheitsrisiken und hohen Reinigungskosten führen können.

Zunehmende Gewalt und Korruption im europäischen Drogenmarkt

Der Bericht hebt die wachsende Bedeutung Europas sowohl als Zielregion für den Handel wie auch als Drogenproduktionsregion hervor und zeigt auf, inwiefern Gewalt und Korruption, welche seit Langem in traditionellen Drogenproduktionsländern beobachtet werden, sich nun in der EU immer stärker abzeichnen. Zu den weitreichenden Folgen des Drogenmarktes, die in der Analyse dargelegt werden, zählen seine negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft (z.B. Bandengewalt, drogenbedingte Tötungsdelikte) und die Belastung öffentlicher Einrichtungen.

Die Zusammenhänge zwischen dem Drogenmarkt und einem breiteren Spektrum krimineller Aktivitäten (z.B. Menschenhandel, Terrorismus) werden ebenso beleuchtet wie seine negativen Auswirkungen auf die legale Wirtschaft (z.B. wie die mit dem Drogenhandel verbundene Geldwäsche seriöse Unternehmen schwächt).

Handel, Technologie und kriminelle Instrumente – marktfördernde Faktoren

Dem Bericht zufolge sind Globalisierung, Technologie/Innovation sowie kriminelle Instrumente drei Kräfte, die die Entwicklung des Drogenmarktes steuern und antreiben. Auf einem stärker global vernetzten und technologiefähigen Markt nutzen kriminelle Organisationen die Chancen, die sich aus der Ausweitung der Handelsmärkte, damit verbundenen logistischen Entwicklungen und der Digitalisierung ergeben. Der Bericht schildert bedenkliche Entwicklungen durch die größere Diversifizierung des Drogenhandels auf dem Seeweg und den Missbrauch der allgemeinen Luftfahrt (z.B. Privatflugzeuge, Drohnen) für kriminelle Zwecke. Auch die Nutzung von Post- und Paketdiensten für die Beförderung von Drogen nimmt entsprechend dem wachsenden Trend zu Online-Einkäufen in Europa und dem größeren Warenverkehr rasch zu.

Surface-Web- und Darknet-Märkte sowie Social Media, Messaging-Services und mobile Apps ermöglichen den Verkauf von Drogen über das Internet. Neben Darknet-Märkten, die sich nach wie vor hartnäckig halten (rund zehn sind heute noch aktiv), sind inzwischen auch Online-Verkaufsshops und -märkte, die spezifische Nationalitäten und Sprachgruppen als Zielgruppe haben, in Erscheinung getreten. Illegale Schusswaffen, verschlüsselte Smartphones und falsche Dokumente gehören zu den wichtigsten kriminellen Instrumenten, die von Drogenhändlern zunehmend eingesetzt werden.

Weckruf für die politischen Entscheidungsträger

Alexis Goosdeel, Direktor der EMCDDA, sagte: „Dieser Bericht ist ein klarer Weckruf für politische Entscheidungsträger, sich mit dem rasch wachsenden Drogenmarkt zu befassen, der immer globaler, vernetzter und digitaler wird. Die extrem großen Produktionsmengen von Drogen innerhalb und außerhalb der EU-Grenzen führen zu einer hohen Verfügbarkeit natürlicher und synthetischer Substanzen. Dies bedeutet, dass Konsumierende nun Zugang zu einem breiten Spektrum hochwirksamer und hochreiner Produkte zu erschwinglichen Preisen haben. Anlass zu wachsender Besorgnis gibt die Zunahme drogenbedingter Gewalt und Korruption in der EU. Der Reaktion auf die weitreichenden Folgen des Drogenmarktes für die Gesundheit und Sicherheit muss nun vorrangige Priorität eingeräumt werden.“

Catherine De Bolle, Exekutivdirektorin von Europol, betonte: „Europol beobachtet einen deutlichen Anstieg der Aktivitäten im Bereich des illegalen Handels sowohl in unserer operativen Arbeit als auch auf Grundlage der Daten, die wir von den EU-Mitgliedstaaten erhalten. Die Strafverfolgung muss diese Entwicklung angehen, deshalb investieren wir massiv in die Unterstützung drogenbezogener Ermittlungen in Europa. Europol hat insbesondere kriminelle Organisationen auf höchster Ebene im Visier, die viel Geld für sich selbst auf Kosten ihrer vielen Opfer verdienen.“

Drogenmärkte unter der Lupe

Der Bericht befasst sich eingehend mit den Märkten für die wichtigsten Drogen in Europa und betrachtet den Weg von der Produktion bis zum Konsum.

  • Cannabis – Produkte von immer größerer Vielfalt: Mit einem geschätzten Wert von mindestens 11,6 Mrd. Euro handelt es sich um den größten Drogenmarkt in Europa, wobei rund 25 Millionen Europäerinnen und Europäer (zwischen 15 und 64 Jahren) die Droge im vergangenen Jahr konsumiert haben. Der Bericht veranschaulicht, dass Cannabiskraut und -harz zwar nach wie vor den Markt dominieren, Cannabisprodukte in Europa jedoch immer vielfältiger werden. Hochwirksame Extrakte, auf Cannabis basierende medizinische und gesundheitsorientierte Produkte sowie immer mehr Cannabidiol (CBD) oder Produkte mit niedrigem THC-Gehalt werden in verschiedenen Formen verkauft. Daher müssen ihre Wirksamkeit und ihre potenziellen gesundheitlichen Auswirkungen genau überwacht werden. Die zunehmende Gewalt zwischen kriminellen Organisationen, die mit Cannabis handeln, stellt eine zusätzliche Belastung für die Strafverfolgung dar.
  • Heroin und andere Opioide – schwerwiegende Gesundheitsrisiken und Bedenken in Bezug auf Vorläufersubstanzen: Der Konsum von Opioiden ist nach wie vor für den größten Teil der Schäden (darunter Todesfälle) verantwortlich, die mit dem illegalen Drogenkonsum in der EU in Verbindung stehen. Mit rund 1,3 Millionen problematischen Opioidkonsumierenden (hauptsächlich Heroin) in der EU beträgt der geschätzte Handelswert des Heroinmarktes mindestens 7,4 Mrd. Euro pro Jahr. Die Balkanroute ist immer noch der wichtigste Korridor für Heroin in die EU, doch es gibt Anzeichen für einen zunehmenden Heroinschmuggel entlang der südlichen Route, insbesondere über den Suezkanal. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass die Heroinvorläufersubstanz Essigsäureanhydrid innerhalb der EU abgezweigt und illegal in heroinproduzierende Gebiete exportiert wird. Hochwirksame synthetische Opioide (z.B. Fentanyl-Derivate) stellen ein steigendes Gesundheitsrisiko dar. Diese werden zunehmend online gehandelt und per Post versandt, häufig in kleinen Paketen, die eine große Zahl potenzieller Dosen für Konsumierende enthalten.
  • Kokain – Rekordproduktion und expandierende Märkte: Hierbei handelt es sich um die am zweithäufigsten konsumierte illegale Droge in der EU, deren Markthandelswert auf 9,1 Mrd. Euro geschätzt wird. Etwa vier Millionen Europäer (zwischen 15 und 64 Jahren) haben diese Droge ihren Angaben zufolge im vergangenen Jahr konsumiert. Die Nutzung konzentriert sich nach wie vor auf den Süden und Westen Europas, doch der Markt scheint sich auszuweiten. Die Rekordproduktion in Lateinamerika hat den illegalen Handel in die EU (vor allem in Seecontainern) verstärkt. Hier wurden Rekordbeschlagnahmungen verzeichnet. Die Präsenz europäisch organisierter krimineller Gruppen in Lateinamerika ermöglicht eine „End-to-end“-Steuerung der Lieferkette. Dies kurbelt möglicherweise den Wettbewerb auf dem Kokainmarkt an, der mit Gewalt in der EU in Zusammenhang steht. Die EU scheint sich zu einem Transitgebiet für Kokain, das für andere Märkte bestimmt ist (z.B. Naher und Mittlerer Osten, Asien), zu entwickeln.
  • Amphetamin, Methamphetamin und MDMA – Großproduktion in Europa für den inländischen Konsum und Export: Diese Drogen machen etwa 5 Prozent des gesamten Drogenmarktes in der EU aus, wobei der geschätzte EU-Markthandelswert für Amphetamin und Methamphetamin mindestens 1 Mrd. Euro und für MDMA mindestens 0,5 Mrd. Euro beträgt. Rund 1,7 Millionen Europäerinnen und Europäer (zwischen 15 und 64 Jahren) haben im vergangenen Jahr Amphetamin oder Methamphetamin ausprobiert und rund 2,6 Millionen MDMA („Ecstasy“). Die Produktion dieser Substanzen erfolgt teilweise in „industriellem Maßstab“ in der EU für den inländischen Konsum und für den Export. Neue Produktionsmethoden liefern reinere und günstigere Produkte, wobei kriminelle Organisationen die gesamte Logistikkette kontrollieren.
  • Neue psychoaktive Substanzen (NPS) – weniger Neuentdeckungen, doch starke Substanzen stellen ernsthafte Gesundheitsbedrohungen dar: Hierbei handelt es sich um verschiedene Substanzen, die nicht Gegenstand internationaler Drogenkontrollen sind. Der Wert des NPS-Marktes ist unbekannt. Im Jahr 2018 wurden 55 NPS im Rahmen des EU-Frühwarnsystems erstmalig gemeldet, wodurch die Gesamtzahl der überwachten NPS auf 731 gestiegen ist. Die Hauptquellenländer sind China und in geringerem Maße Indien. Es wird davon ausgegangen, dass politische Reaktionen und Strafverfolgungsmaßnahmen in Quellenländern zur Verlangsamung des Auftretens von NPS beigetragen haben (im Jahr 2014 wurden noch 101 NPS erstmalig gemeldet). NPS stellen jedoch nach wie vor eine ernsthafte grenzüberschreitende Gesundheitsbedrohung dar, da starke synthetische Opioide, Cannabinoide und „gefälschte“ Benzodiazepine auf dem Markt auftauchen, die mit Berichten über gesundheitliche Notfälle und Todesfälle in Zusammenhang stehen.

Quelle: Vertretung der Europäischen Kommission vom 26.11.2019

Info-Pool