Kinder- und Jugendarbeit / Europa

Deutsch-ungarischer Fachkräfteaustausch: Spielwiese Beteiligung - gewollt?

Gudrun Potysch-Wieczorek, Leiterin der zentralen Kinder- und Jugendarbeit im Jugendamt Essen, schildert ihre Eindrücke des Fachkräfteprogramms mit Ungarn zum Thema Partizipation.

Bild Gudrun Potysch/Quelle: Gudrun Potysch

Gudrun Potysch-Wieczorek


Zum Hintergrund
Ende 2008 begann eine zweijährige Zusammenarbeit mit Ungarn zum Thema „Partizipation Jugendlicher auf lokaler Ebene“. Beim ersten Treffen kam zunächst eine kleinere Gruppe deutscher und ungarischer Fachkräfte der Jugendhilfe zu einem Auftaktworkshop zusammen. Ziel war es, Konzepte und Methoden der Partizipation vor dem Hintergrund der jeweiligen strukturellen Rahmenbedingungen kennen zu lernen und gemeinsam die Inhalte der weiteren Zusammenarbeit zu verabreden. Deutlich wurde, dass es zahlreiche gute Ideen und Methoden zur Beteiligung junger Menschen in beiden Länder gibt. Schwierigkeiten bestehen aber in der Praxis oft darin, Jugendliche zur Beteiligung zu aktivieren. „Aktivierung Jugendlicher“ war damit der Themenschwerpunkt, der bis 2010 geplanten Zusammenarbeit. Bei der letzten der insgesamt drei Begegnungen Anfang März 2010 in Ungarn wurde die inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema basierend auf den Erkenntnissen des letzten Fachprogramms fortgesetzt und auf die Praxis zugespitzt. Das Spektrum reichte dabei von (webbasierten) Kommunikationsstrategien zur Ansprache junger Menschen bis hin zu Konzepten in der Arbeit mit Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf. Die Einrichtungs- und Projektbesuche in unterschiedlichen Regionen Ungarns boten einen vielfältigen und anregenden Eindruck. Wie ein roter Faden zog sich dabei die Auseinandersetzung um den Begriff der Partizipation durch die gesamten fünf Tage des Programms. 

Spielwiese Beteiligung - gewollt? 
Eindrücke aus einem Fachkräfteprogramm mit Ungarn zum Thema Partizipation

An Spielen, bei denen Kinder und Jugendliche nicht wirklich mitbestimmen dürfen, verlieren sie schnell das Interesse. Genauso verhält es sich mit gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen: Wer hier nicht „mitspielen“ darf, verliert bald die Lust und zieht sich zurück. 

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen  war und  ist – zumindest in der Kinder- und Jugendarbeit - bundesweit in aller Munde. So war es auch bei dem deutsch-ungarischen Fachkräfteaustausch das zentrale Thema, der im Auftrag des BMFSFJ von IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der BRD e.V. durchgeführt wurde.

War es bei der Tagung  im Juni 2009 in Rendsburg und Essen u.a mit dem Titel „Aktivierung Jugendlicher zur Partizipation auf lokaler Ebene“ überschrieben noch relativ theoretisch, so wurde es im März in Ungarn mit „Best Practice“-Beispielen aus unterschiedlichen Städten konkret.

Bei den Projekt- und Einrichtungsbesuchen haben wir uns mit zahlreichen Fachkräften über die Möglichkeiten der Beteiligung  auseinander gesetzt und viele Formen kennengelernt. Waren es in Rendsburg die Aufgaben und Funktionen  des Jugendparlaments aus Itzehoe und die Verankerung der Beteiligung in der Gemeindeordnung des Landes, so wurde am Essener Beispiel die Struktur des Projektes „mitWirkung!“ auf dezentraler Ebene und der Versuch nachhaltige Beteiligungsstrukturen für Jugendliche aufzubauen verdeutlicht. Hinzu kamen die vielen Einzelprojekte, die von Jugendlichen angepackt wurden.

In Ungarn haben wir viele unterschiedliche Strukturen der Jugendräte und 
-parlamente kennen gelernt und konnten mit Kindern und Jugendlichen darüber diskutieren. Dies gelang obwohl die Sprachbarrieren nicht immer durch einen Dolmetscher überwunden werden konnten.

Eigentlich könnte ich  zufrieden sein. An vielen Orten findet Beteiligung statt und es wird versucht Kinder und Jugendliche für Beteiligung zu interessieren. Deutsche und ungarische  Fachkräfte scheuen keine Mühe, um Kinder und Jugendliche in Gruppen zu binden. Dabei nehmen sie in Kauf, auch mit äußerst geringer finanzieller Ausstattung mittels komplizierter Wahlverfahren und unter Einbeziehung von Schulen Parlamente zu gründen und diese über demokratische Prozesse  zu informieren. Projekte und Veranstaltungen können allerdings nur dann durchgeführt werden, wenn finanzielle Ressourcen vorhanden sind.

Aber ist das schon Beteiligung? Oder wird hier lediglich Beteiligung „gespielt“? Denn die Diskrepanz zwischen Anspruch sowie politischen Absichtserklärungen und der konkreten Wirklichkeit ist enorm. 

In Ungarn zeigen die Fachkräfte, wie mit eindrucksvollem Engagement bei einem zugleich minimalen Einsatz von Mitteln und Personal, eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen motiviert werden kann. In aufwendigen Verfahren werden Parlamente und Räte gewählt, die sich für die jeweiligen Städte sozial zu engagieren. Da werden in fast jeder Stadt Projekte entwickelt, bei denen Müll beseitigt und die Stadt verschönt wird, indem beispielsweise Graffitis entfernt werden etc. „Der Tag der Freiwilligen“ gewinnt eine große Bedeutung und dient dazu, dass Jugendliche in Ungarn etwas für ihre Kommune leisten. Hut ab!, vor so viel sozialem Engagement.

Aber, was bekommen sie von ihren Städten zurück? Dürfen sich Kinder und Jugendliche einmischen in die Planung, werden sie beteiligt, wenn es um den Neubau einer Schule geht? In einigen Städten werden von den Kinder- und Jugendparlamenten Vorschläge in die Politik gegeben, ohne irgendeine Rückmeldung seitens der Politik zu erhalten. 

In Deutschland ist es nicht viel anders. Das Bundesjugendkuratorium nimmt in seiner Studie von 2009 mit dem Titel „Partizipation von Kinder- und Jugendlichen“ dazu Stellung. Hierin heißt es sinngemäß, dass in der Frage, was Partizipation bedeute, grundsätzlich unterschiedliche Annahmen bestünden. „Die einen finden die Umsetzung eines  Spielplatzes  unter Beteiligung von Kindern schon ausreichend, einige finden die Einführung eines Jugendforums als das richtige Verfahren“, heißt es dort.

Letztlich aber – das zeigt die Erfahrung - sucht sich jede Stadt ihr eigenes Spiel- und Betätigungsfeld. Obwohl es seit November 2009 die vom Bundesministerium herausgegebenen Qualitätsstandards für die Kinder- und Jugendbeteiligung gibt, ist nicht vereinbart, wie sich die Städte dazu verhalten sollten. Hier wäre es notwendig gewesen, eine Empfehlung für die Umsetzung der Qualitätsstandards beizulegen.

Angeregt durch den Fachkräfteaustausch  und die Diskussion mit den Fachleuten habe ich mich wieder intensiv mit der Bedeutung von Beteiligung und der Umsetzung auseinandergesetzt. Ich bin der Ansicht, dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen Beteiligungsformen geben sollte. Allerdings muss jede Art von Beteiligung politisch abgesichert sein. Beteiligung von Kindern und Jugendlichen  sollte integraler Bestandteil einer politischen Struktur sein. Beteiligung kann nicht nur eine Spielwiese außerhalb von Entscheidungen der Stadtentwicklung und -planung sein; Beteiligung darf nicht nur soziales Engagement sein; Beteiligung muss Kinder und Jugendliche ernst nehmen.

Wenn Jugendliche motiviert werden sollen, sich in  gesellschaftliche Prozesse einzumischen, wenn sie ermutigt werden sollen, von ihren demokratischen Rechten Gebrauch zu machen und wieder zur Wahlurne zu gehen und damit die Demokratie zu stärken, muss mehr getan werden. Da reicht es nicht, sie in einer in einer Quasi-Alibifunktion in Parlamenten „zu verschleißen“ oder sie an Projekten zu beteiligen, die finanziell abgesichert sind und die ansonsten niemanden (ver)stören.

Gudrun Potysch-Wieczorek

Eine Zusammenfassung der Eindrücke und Erfahrungen der anderen Teilnehmenden des Fachkräfteprogramms finden Sie hier.

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