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Europa / Freiwilliges Engagement

Der EFD ist ein Booster – Wirkungsstudie zum Europäischen Freiwilligendienst veröffentlicht

Eine Reihe Menschen hält ihre Daumen hoch
Bild: © Robert Kneschke - Fotolia.com

Die EU-Kommission hat die Wirkungen des Europäischen Freiwilligendienstes untersuchen lassen. Die Studie umfasst die Erfahrungen zum EFD seit 1996. Die Ergebnisse werden auch Maßstab für das Europäische Solidaritätskorps sein.

Seit 1996 gibt es den Europäischen Freiwilligendienst (EFD). Zunächst ein eigenes Programm, wurde er im Jahr 2000 Teil des EU-Jugendprogramms, zuletzt in Erasmus+.

EFD ist ein Erfolgsprogramm

Der EFD ist ein Erfolgsprogramm, nicht nur wegen seiner beeindruckenden Zahlen: 100.000 junge Menschen sind bis heute dabei gewesen, inzwischen werden allein für die Förderperiode 2014 bis 2020 100.000 Freiwillige erwartet. Zurzeit gibt es 5.200 Organisationen aus 33 Programmländern und 22 Partnerländern sowie über 100 weitere in der ganzen Welt, die als Aufnahme- bzw. Entsendeorganisationen oder unterstützende Partner fungieren.

Gemeinnützige freie und öffentliche Einrichtungen und Organisationen, die nationalen Gesellschaften und die europäische Gemeinschaft profitieren vom sozialen, ökologischen und politischen Engagement der beteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die wiederum lernen was fürs Leben.

Studie zur grenzüberschreitenden Freiwilligenarbeit

Zu diesen Schlüssen kommt jedenfalls die Studie "Study on the Impact of Transnational Volunteering through the European Voluntary Service" (pdf , 252 KB) die die EU-Kommission aktuell vorgelegt hat und die wohl nicht zufällig zeitgleich zu den Diskussionen um das Europäische Solidaritätskorps entstand.

Für den quantitativen Teil wurden Daten aus allen Programm- und Partnerländern herangezogen, für den qualitativen Fallstudien aus 15 beteiligten Ländern. 10.480 Personen beteiligten sich an Online-Befragungen und Interviews, darunter 1.900 VertreterInnen von Organisationen.

Zum Schluss wurden die Ergebnisse in einer großen Konferenz mit Stakeholdern erörtert. Die Studie fragt nach den Effekten des EFD auf die beteiligten jungen Menschen, auf die teilnehmenden Organisationen und Kommunen.

Der typische Freiwillige ist immer noch weiblich

Der EFD ist – immer noch – eine überwiegend weibliche Form des Engagements: 63% der Freiwilligen sind junge Frauen. Und es verfügen, wie mehrheitlich auch ihre Eltern, 61% der derzeitigen Freiwilligen und 74% der ehemaligen über eine Hochschulbildung. Die Studie kommt, anders als erwartet, zu dem Schluss, dass die hohe soziale Selektivität weniger mit dem Format Freiwilligendienst zu tun hat (z.B. weil vor allem bestimmte Bildungswege über die Zeit dafür verfügen), sondern damit, dass soziales Engagement vorrangig bei besser Gebildeten zu finden ist. Im Vergleich zu ihren Altersgenossen sind relativ viele EFDler auf Jobsuche – eine Motivation, sich im Freiwilligendienst zu orientieren und international zu qualifizieren, vermuten die Forscher. Dem entspricht die Erwartung von 63%, vor allem eher benachteiligter Freiwilliger, mit dem Engagement ihre Bildungs- und Berufskarrieren zu verbessern.

Andere Motive überwiegen allerdings: 87% möchten ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern, fast ebenso viele möchten neue Leute kennenlernen oder einfach mal im Ausland leben. 78% wollen ihre sozialen Kompetenzen weiterentwickeln. Der oder die typische EFDler/-in ist vor allem "Mehrfachtäter". 70% waren bereits vor dem Freiwilligendienst ehrenamtlich tätig und ein Drittel war schon einmal längere Zeit im Ausland, unter anderem auch als Erasmus-Studierende.

Was fürs Leben

Fast alle Freiwilligen bescheinigen dem EFD einen besonderen Effekt auf ihr Leben: 96% der derzeitigen und 97% der ehemaligen Freiwilligen sagen, dass der Freiwilligendienst sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert hat, dass sie etwas über sich gelernt haben und ihr Horizont erweitert wurde.

75% der Freiwilligen geben an, dass ihre zwischenmenschlichen und sozialen Kompetenzen gefördert wurden, fast alle haben ihre Sprachkenntnisse verbessert. Und auch die Erwartungen an die Steigerung der Karrierechancen werden bestätigt: Mehr als 80% der Freiwilligen konnten sich beruflich orientieren und auch 91% der am EFD beteiligten Organisationen geben an, dass der EFD einen großen positiven Effekt auf die Beschäftigungsfähigkeiten der Freiwilligen haben. Dies gilt besonders für so genannte benachteiligte junge Menschen.

Der Freiwilligendienst regt an, ein eigenes Projekt zu starten oder sich mehr sozial und politisch zu engagieren. Entsprechend sagen 80% der EFDler, dass sie eine größere Einsicht in soziale Probleme gewonnen und mehr Verantwortungsbewusstsein gewonnen haben.

Der EFD macht darüber hinaus mobil. Die Hälfte ehemaliger EFDler verlegen ihren Aufenthalts- und Berufsort mindestens einmal im Leben ins Ausland, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie insgesamt offener für kulturelle Unterschiede werden und eine Beziehung zu Europa aufbauen. Fast alle (97%) gewinnen im Ausland Freunde, zu denen auch die Ehemaligen noch Kontakt halten.

Und dann ist da noch das Narrativ mit den ehestiftenden Wirkungen eines Europäischen Freiwilligendienstes. Das wurde zwar so direkt nicht bestätigt, wohl aber haben 63% der EFDler Partner mit einer anderen Nationalität – immerhin fünfmal mehr als ihre Altergenossen in den Vergleichsgruppen.

Hindernisse

Wenn der EFD so ein Booster in Sachen Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung ist, sollten mehr junge Menschen die Möglichkeit erhalten, daran teilzunehmen. Was also hält sie ab? Auch darauf gibt die Studie Antworten.

An erster Stelle steht ein Mangel an Informationen, der oft in einem direkten Zusammenhang mit sozioökonomischen Bedingungen steht. Es folgt eine negative Wahrnehmung des EFD, Zweifel an seinem Nutzen für die Karriere, was wiederum auf einen Mangel an Informationen hinweist. Die Scheu, überhaupt mobil zu werden, ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Da reicht eine finanzielle Unterstützung allein nicht. Viele Jugendliche brauchen vor allem persönliche Beratung und Mentoring, um den EFD nutzen zu können.

Neben diesen Hindernissen gibt es etliche strukturelle Hürden, die Jugendliche wie Organisationen sehen. Das beginnt mit Visaproblemen, reicht über mangelnde finanzielle und personelle Ressourcen vor allem bei kleinen Organisationen und hört mit aktuellen Schwierigkeiten bei der Akkreditierung unter Erasmus+ noch nicht auf.

Und die EFD-Träger?

Keine Frage, freie und öffentliche Träger, die sich im EFD engagieren, haben etwas davon. 97% sehen den Freiwilligendienst als einen Erfolg für sich an. So werden Weltoffenheit und Managementkompetenzen der Mitarbeiter gefördert und die Organisationen und Kommunen selbst gewinnen ein "internationales Profil".

Vor allem die Kommunen haben bei der Untersuchung bestätigt, dass die Arbeit der Freiwilligen ein großer Gewinn für die "am schwersten zu erreichenden Zielgruppen" wie sozial ausgegrenzte, behinderte oder mehrfach benachteiligte Menschen sind. "Der Kontakt mit Europäischen Freiwilligen", so resümieren die Forscher, "versetzt diese Menschen oft in die Lage neue Aktivitäten aufnehmen zu können." Dazu zählen beispielsweise das Erlernen fremder Sprachen oder interkulturelle Erfahrungen.

Für alle, die es schon immer wussten, sind die Empfehlungen des Forschungsprojektes eine Bestätigung. Die Liste umfasst u.a.

  • mehr Werbung,
  • eine bessere Qualifizierung von Mitarbeitenden in der Jugendarbeit,
  • Peer-Netzwerke,
  • die Ausbildung von "EFD-Mentoren",
  • die Einführung von Quoten für benachteiligte Jugendliche.

Auch für die Organisationen ist die Wunschliste lang. Es wird zu einer Stärkung der Entsendeorganisationen, einer Neuaufstellung des Akkreditierungsverfahrens, einer Erhöhung der Ressourcen, auch zu mehr Qualifizierung, z.B. Trainings, wie benachteiligte Jugendliche erreicht und beraten werden können, sowie zu Hilfen bei der Organisationsentwicklung geraten.

Die Empfehlungen erscheinen wie ein Vorbote für eine Rundumerneuerung des Europäischen Freiwilligendienstes. Wer sich fragt, was den EFD ausmacht und wie er weitergehen könnte, kommt um eine ausführliche Lektüre nicht herum.

Quelle: JUGEND für Europa



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