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Europa / Sozialforschung

113 Millionen Menschen in der EU von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht

Offener Geldbeutel mit vielen Münzen
Bild: © andrea lehmkuhl - fotolia.com

Während ein Abwärtstrend beim Anteil der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen in der EU zu verzeichnen ist, sind immer noch etwa 113 Millionen Personen betroffen. Somit war 2017 etwa jede sechste Person in der EU armutsgefährdet. Diese und weitere Daten hat Eurostat, das statistische Amt der Europäischen Union, anlässlich des Internationalen Tages für die Beseitigung der Armut veröffentlicht.

Im Jahr 2017 waren 112,9 Millionen Personen bzw. 22,5% der Bevölkerung in der Europäischen Union von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das bedeutet, dass sie sich in mindestens einer der folgenden drei Situationen befanden: sie waren nach Zahlung von Sozialleistungen von Armut bedroht (Einkommensarmut), sie litten unter erheblicher materieller Deprivation oder lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit. Nachdem der Anteil der Personen in der EU, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, zwischen den Jahren 2009 und 2012 dreimal in Folge gestiegen war und fast 25% erreicht hatte, ist er seither stetig gesunken und lag letztes Jahr bei 22,5%, 1,2 Prozentpunkte unter seinem Referenzniveau von 2008 und 1 Prozentpunkt unter dem Niveau von 2016. Die Verringerung der Anzahl der Personen in der EU, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, ist eines der Kernziele der Strategie Europa 2020.

Quote der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen in Bulgarien am höchsten

Im Jahr 2017 war in drei Mitgliedstaaten mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht: in Bulgarien (38,9%), Rumänien (35,7%) und Griechenland (34,8%). Die niedrigsten Anteile von Personen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht waren, wurden hingegen in der Tschechischen Republik (12,2%), Finnland (15,7%), der Slowakei (16,3%), den Niederlanden (17,0%), Slowenien und Frankreich (je 17,1%) sowie in Dänemark (17,2%) verzeichnet.

Größter Rückgang der Quote in Polen, höchster Anstieg in Griechenland

Von den Mitgliedstaaten, für die Daten vorliegen, erhöhte sich seit 2008 die Quote der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen in zehn Mitgliedstaaten, wobei die höchsten Anstiege in Griechenland (von 28,1% im Jahr 2008 auf 34,8% im Jahr 2017 bzw. +6,7 Prozentpunkte, Pp.), Italien (+3,4 Pp.), Spanien (+2,8 Pp.), den Niederlanden (+2,1 Pp.), Zypern (+1,9 Pp.) und Estland (+1,6 Pp.) verzeichnet wurden. Im Gegensatz dazu wurde der stärkste Rückgang in Polen registriert (von 30,5% auf 19,5% bzw. -11,0 Pp.), gefolgt von Rumänien (-8,5 Pp.), Lettland (-6,0 Pp.) und Bulgarien (-5,9 pp.).

Etwa jede sechste Person in der EU war armutsgefährdet

Bei der Betrachtung der drei Komponenten, die Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung ausmachen, zeigt sich, dass 16,9% der Bevölkerung in der EU im Jahr 2017, nach Zahlung von Sozialleistungen, armutsgefährdet war. Das bedeutet, dass ihr verfügbares Einkommen unter der jeweiligen nationalen Armutsgefährdungsschwelle lag. Der Anteil der armutsgefährdeten Personen in der EU hat sich gegenüber 2016 (17,3%) leicht verringert, ist jedoch immer noch höher als 2008 (16,6%). Da die Armutsgefährdungsschwellen die tatsächliche Einkommensverteilung in den Ländern widerspiegeln, unterscheiden sie sich deutlich zwischen den Mitgliedstaaten und verändern sich ebenfalls mit der Zeit. In den EU-Mitgliedstaaten war mehr als jede fünfte Person in Rumänien (23,6%), Bulgarien (23,4%), Litauen (22,9%), Lettland (22,1%), Spanien (21,6%), Estland (21,0%), Italien (20,3%) und Griechenland (20,2%) armutsgefährdet. Die niedrigsten Armutsgefährdungsquoten verzeichneten dagegen die Tschechische Republik (9,1%), Finnland (11,5%), Dänemark und die Slowakei (je 12,4%), die Niederlande (13,2%), Frankreich und Slowenien (je 13,3%) sowie Ungarn (13,4%). Gegenüber 2008 erhöhte sich der Anteil der armutsgefährdeten Personen in neunzehn Mitgliedstaaten, für die Daten verfügbar sind, blieb in einem unverändert und ging in sieben zurück.

Jeder Vierzehnte litt unter erheblicher materieller Deprivation

In der EU litten 6,9% der Bevölkerung im Jahr 2017 unter erheblicher materieller Deprivation. Dies bedeutet, dass ihre Lebensbedingungen auf Grund von fehlenden Mitteln eingeschränkt waren: Sie waren z.B. nicht in der Lage, ihre  Rechnungen zu bezahlen, ihre Wohnung angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren. Der Anteil der Personen in der EU, die unter erheblicher materieller Deprivation litten, verringerte sich sowohl gegenüber 2016 (7,5%) als auch gegenüber 2008 (8,5%). Der Anteil derjenigen, die im Jahr 2017 unter erheblicher materieller Deprivation litten, unterschied sich deutlich zwischen den Mitgliedstaaten: Er reichte von 30,0% in Bulgarien, 21,1% in Griechenland und 19,7% in Rumänien bis zu unter 4% in Schweden (1,1%), Luxemburg (1,2%), Finnland (2,1%), den Niederlanden (2,6%), Dänemark (3,1%), Malta (3,3%), Deutschland (3,4%), Österreich und der Tschechischen Republik (je 3,7%). Im Vergleich zum Jahr 2008 erhöhte sich der Anteil der Personen, die unter  erheblicher materieller Deprivation litten, in neun Mitgliedstaaten, für die Daten verfügbar sind, und ging in achtzehn zurück.

Jeder Elfte lebte in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit

Mit Hinblick auf den Indikator zur niedrigen Erwerbstätigkeit lebten 9,3% der Bevölkerung unter 60 Jahren in der EU in Haushalten, in denen die Erwachsenen im vorhergehenden Jahr insgesamt weniger als 20% ihres Erwerbspotentials ausgeschöpft hatten. Dieser Anteil ging gegenüber 2016 (10,5%) deutlich zurück und erreichte nahezu das Niveau von 2008 (9,2%). Irland (18,2% im Jahr 2016), Griechenland (15,6%), Belgien (13,5%), Kroatien (13% im Jahr 2016),  Spanien (12,8%) und Italien (11,8%) verzeichneten die höchsten Anteile derjenigen, die in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit lebten, während die Slowakei (5,4%), die Tschechische Republik (5,5%), Polen (5,7%), Estland (5,8%) und Slowenien (6,2%) die niedrigsten Anteile registrierten. Gegenüber 2008 erhöhte sich der Anteil der Personen unter 60 Jahren, die in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit leben, in achtzehn Mitgliedstaaten, für die Daten verfügbar sind, und ging in neun zurück.

Hintergrundinformationen

Die Armutsgefährdungsquote ist der Anteil der Personen, deren gesamtes Haushaltseinkommen (nach  Sozialleistungen, Steuern und sonstigen Abzügen), das für Ausgaben und Sparen zur Verfügung steht, unter der  Armutsgefährdungsschwelle liegt, welche auf 60% des nationalen verfügbaren Median-Äquivalenzeinkommens nach Sozialleistungen festgelegt ist. Dieser Indikator misst nicht den Wohlstand oder die absolute Armut, sondern ein – im Vergleich zu anderen Personen im gleichen Land – niedriges Einkommen.

Die Schwelle ist abhängig von der Einkommensverteilung in einem Land bezogen auf ein bestimmtes Jahr und unterscheidet sich je nach Haushaltszusammensetzung. Deshalb ist zu beachten, dass die Armutsgefährdungsquote eine relative Messgröße von Einkommensarmut darstellt und dass sich die Armutsschwelle deutlich zwischen den Mitgliedstaaten unterscheidet. Diese Schwelle verändert sich ebenfalls mit der Zeit, da sie der Entwicklung des  nationalen verfügbaren Medianeinkommens folgt: In einer Reihe von Mitgliedstaaten ist die Schwelle aufgrund der Wirtschaftskrise im Zeitraum von 2008 bis 2017 gesunken (Griechenland und Zypern) oder blieb nahezu unverändert (Spanien und Italien).

Weitere Informationen und Grafiken finden sich in der Pressemitteilung (PDF, 622 KB) von Eurostat.

Quelle: Eurostat vom 16.10.2018