EU-Jugendstrategie / Jugendsozialarbeit

"Umfassende Begleitung dringend geboten" - Die Rolle von Betrieben im Übergang in Luxemburg

Bild: IJAB/Koch

Gemeinsam mit Finnland, Frankreich und Luxemburg stellt das dreijährige multilaterale Kooperationsprojekt „transitions. Gelingende Übergänge in Ausbildung und Arbeit“ auch die Frage nach der Rolle von Unternehmen und Betrieben im Übergang Schule-Beruf. In Luxemburg gibt es dazu interessante Einblicke.

Von Marco Heuer

Das "Projet jeunes"

Die Luxemburger Agentur für Arbeit (Agence pour le Développement de l´Emploi) ist gut aufgestellt mit ihren Unterstützungsangeboten im Übergangsbereich Schule-Beruf. Anteil am Erfolg hat dabei das so genannte „Projet jeunes“, eine Initiative für arbeitssuchende junge Menschen, die vom Ministerium für Arbeit, Beschäftigung und Sozial- und Solidarwirtschaft sowie dem Ministerium für Bildung und Jugend auf den Weg gebracht wurde. „Das Projekt richtet sich gezielt an unqualifizierte Jugendliche ohne Schulabschluss und Berufserfahrung, die bei der luxemburgischen Arbeitsagentur eingeschrieben sind“, erklärt Carlo Koerner, Leiter der Abteilung Jugend beim Luxemburger Jobcenter. „Es handelt sich um ein komplettes Qualifizierungsprogramm, das für Jugendliche, die weit vom Arbeitsmarkt entfernt sind, in einer ersten Phase zunächst eine zweimonatige Ausbildung in einem spezialisierten Institut, dem „Centre d´Orientation Socio-Professionnelle“ (COSP), vorsieht.

Das Ziel: Die jungen Arbeitssuchenden sollen ihre beruflichen Interessen und Fähigkeiten selbst herausfinden. Nach Abschluss der Orientierungsphase absolvieren die Teilnehmenden ein einmonatiges Praktikum in einem Unternehmen. Wird diese zweite Etappe erfolgreich abgeschlossen, erhält der Jugendliche bei „seinem“ Unternehmen einen berufsvorbereitenden Vertrag, den so genannten „Contrat d’appui-emploi“ (CAE). Seine Laufzeit beträgt ein Jahr. Im Rahmen des Vertrags hat der Jugendliche die Möglichkeit, sich während seiner Arbeitszeit schulisch weiterzubilden, um später eine berufliche Ausbildung beginnen zu können. Das Luxemburger Ministerium für Bildung und Jugend – der Projektpartner der Arbeitsagentur – organisiert hierfür spezielle Schulungskurse. „Aufgrund der vielversprechenden Resultate, die im Laufe des Jahres 2013 erzielt wurden, ist der Ausbau dieses Projekts angestrebt“, so Koerner.
Inzwischen nehmen über 150 Unternehmen am Projekt teil.

Umfassende Begleitung ist nötig

Der Leiter der Abteilung für Jugendbeschäftigung der Luxemburger Arbeitsagentur ist sicher: Für viele junge Arbeitssuchende ist eine umfassende Begleitung während des gesamten Übergangsprozesses nötig. Ziel sei es, den Übergang des Jugendlichen in die Arbeitswelt ganzheitlicher zu gestalten, also soziale, berufliche, psychologische und arbeitsmarktspezifische Aspekte zu berücksichtigen. Nur eine solche Vorgehensweiseweise könne erfolgreich sein, erklärt Koerner, der auch Psychologe ist.

Im Beneluxland wird der Übergangsbereich vor allem von der „Action locale pour jeunes“ und dem „Service national de ja jeunesse“ koordiniert. Beide Akteure sind im Ministerium für Bildung und Jugend angesiedelt. Desweiteren, davon ist Koerner überzeugt, müssten für die Unternehmen weiter Anreize geschafft werden, um benachteiligten Jugendlichen eine Ausbildung zu gewähren. Die luxemburgische Arbeitsagentur bietet Arbeitgebern daher spezielle Maßnahmen an. Neben dem bereits erwähnten berufsvorbereitenden Vertrag „Contrat d’appui-emploi“ (CAE) für öffentliche Einrichtungen und Vereine gibt es auch den berufseinführenden Vertrag, den „Contrat d’initiation à l’emploi“ (CIE) für private Unternehmen und Arbeitgeber außerhalb des „Projet jeunes“. Beide Verträge sehen mit Tutorat, Ausbildungsplan, Beurteilung und Arbeitszeugnis eine enge Begleitung des Jugendlichen vor. Zudem bieten sie finanzielle Vorteile für den Arbeitgeber. Teilrückzahlungen von Löhnen und Sozialabgaben sind möglich.

900 Jugendliche profitieren ...

Derzeit profitieren etwa 900 Jugendliche von den CIE/CAE-Verträgen. 2013 haben rund 200 Jugendliche ihre Ausbildung im Rahmen des „Projet jeunes“ abgeschlossen. Pro Monat führt die Abteilung für Jugendbeschäftigung in der Arbeitsagentur etwa tausend Einzelgespräche mit jungen Arbeitsuchenden durch.

Insgesamt sind die Herausforderungen im Übergangsbereich groß. Zum einen gibt es eine große Anzahl von jungen Arbeitssuchenden ohne Schulabschluss und Berufsausbildung, die auf den luxemburgischen Arbeitsmarkt kommen. Zum anderen stellt der dortige Arbeitsmarkt selbst eine Herausforderung dar, weil er nicht national, sondern transnational ausgerichtet ist und viele in der Regel gut ausgebildete und berufserfahrende Grenzgänger anzieht. „Jugendliche ohne Ausbildung und Berufserfahrung haben es daher besonders schwer, sich in diesem Wettbewerb zu behaupten“, erklärt Koerner.

Umsetzung der Jugendgarantie

Auch die Umsetzung der Jugendgarantie, die in Luxemburg für Juni 2014 vorgesehen ist, verlangt von der Arbeitsagentur und ihren Partnern große Anstrengungen. Ziel dieser von der Europäischen Union angestoßenen Maßnahme ist es, allen jungen Menschen unter 25 Jahren – egal, ob sie bei der Arbeitsagentur gemeldet sind oder nicht – innerhalb von vier Monaten nach Abschluss ihrer Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, ein konkretes und qualitativ hochwertiges Angebot anzubieten – in Form einer Beschäftigungsmaßnahme, Ausbildung, Arbeitsstelle oder Fortbildung. „Die Jugendgarantie erfordert zwingend, dass alle betroffenen Akteure, also Ministerien, Vereine und Verwaltungen, ihre Maßnahmen besser aufeinander abstimmen“, ist Koerner überzeugt. Immerhin: Seit 2013 ist die Jugendgarantie Dauerthema diverser Arbeitsgruppen und gemeinsamer Projekte.

Des Weiteren bleibe zu hoffen, so Koerner, dass die luxemburgische Gesetzgebung  in naher Zukunft in größerem Ausmaß den Zugang zu Praktika in Unternehmen erlaubt und vereinfacht. Dies sei in anderen EU-Mitgliedsstaaten längst der Fall. Überhaupt seien die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich Praktika, Ausbildung, Bezuschussung ein Garant für erfolgreiches Handeln. So müssten interministerielle Plattformen für Informationsaustausch und neue Projekte weiter ausgebaut werden. Wichtig seien aber auch Initiativen von Vereinen und Jugendhäusern, die mit Jugendlichen in der Übergangsphase zusammenarbeiten.

Und die Resonanz der Jugendlichen? Die würden oft erst viel später erkennen, was ihnen das Programm gebracht hat, sagt Koerner. „Viele junge Arbeitsuchende müssen im Vorfeld überzeugt werden, dass die vorgeschlagene Maßnahme durchaus die Lösung sein kann“, erklärt der Psychologe. „Deshalb ist das Vertrauensverhältnis, das wir im Rahmen unserer Abteilung für Jugendbeschäftigung zu den einzelnen Jugendlichen aufbauen, von großer Bedeutung.“

(Ungekürzter Beitrag im Rahmen eines umfassenden Aufsatzes von Claudia Mierzowski in der Fachzeitschrift NDV Nachrichtendienst vom Deutschen Verein für öffentliche und private Vorsorge e.V. (Berlin Juni 2014, S. 256-258). Wir danken der NDV-Redaktion für die Online-Abdruckgenehmigung)

Quelle: IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland

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EU-Jugendstrategie: Umsetzung in Deutschland

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